8. Monat
Wir haben schon früher über die Neugier des Kindes geschrieben, über seine Entdeckungsfreude und seinen Bewegungsdrang. Jetzt ist es vielleicht schon so weit, dass es ein Weilchen lang selbstständig sitzen kann. Ein neuer Blick auf die Welt tut sich auf.
Ein Joghurtbecher weckt das Interesse Ihres Siebenmonatigen ebenso stark wie eine grosse Puppe oder bunte Holzklötze. Auf ein Geräusch hin, besonders auf das Rufen seines Namens, wendet Ihr Kind seinen Kopf. Spielsachen kann es aneinander reiben, aufeinanderschlagen, es kann mit einem Gegenstand auf den Boden trommeln und sich am Lärm, den es damit produziert, sehr freuen. Es kann unter Umständen schon einen Gegenstand, den es in der einen Hand hält, in die andere Hand wechseln. Immer wieder wird alles angefasst, lange bestaunt, gedreht, gewendet und in den Mund gesteckt.
Geben Sie Ihrem Kind viel Gelegenheit zu diesem spielerischen Erforschen. Unsere Umwelt besteht aus einer Fülle von Gegenständen aus verschiedenen Materialien. Mit dieser Fülle sollen Kinder so früh und so viel wie möglich Entdeckungen und Erfahrungen machen dürfen, das heisst betasten, anschauen, bewegen, schmecken, hören und verändern.
Gerade weil das Interesse der meisten Kinder an allem so gross ist, dürfen wir sie aber nicht überfordern und von ihnen Handlungen erwarten, die sie noch nicht ausführen können. Das Kind schaut zum Beispiel interessiert zu, wie die Kugel in der Holzbahn rollt. Selber kann es diese aber noch nicht rollen lassen. Solche Tätigkeiten setzen eine grosse Geschicklichkeit voraus und die Fähigkeit zur Koordination von verschiedenen Bewegungen.
Entwicklung braucht Zeit – das gilt auch fürs selbstständige (Auf-)Sitzen. Wenn dies Ihrem Kind noch nicht gelingt, sollten Sie ihm nicht dazu verhelfen. Ein Kind sitzt dann, wenn es von seiner Entwicklung her so weit ist. Es soll das Aufsitzen durch Drehen über die Seite selbst üben und dadurch zunehmend an Körpersicherheit und -stabilität gewinnen.
Kinder beginnen in diesem Alter mehr und mehr, ihr Unbehagen durch verschiedene Laute auszudrücken und nicht mehr nur durch Schreien. Wenn es ein Spielzeug haben möchte, das es nicht selbst erreichen kann, beginnt es vielleicht zu schimpfen, und seine Laute bekommen einen ärgerlichen Unterton. Auch Zuwendung versucht es unter Umständen durch lockende oder klagende Laute zu bekommen.
Allmählich können einzelne Kinder auch schon Laute nachahmen und mehrere miteinander verbinden. In allen Kulturen sind es Silbenketten wie ta-ta-ta, ba-ba-ba oder ma-ma-ma. Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind, während Sie mit ihm spielen oder wenn es Ihnen bei Ihren Verrichtungen zuschauen darf. Es freut sich auch, wenn Sie es ab und zu nachahmen und es seine eigenen Töne aus Ihrem Mund hört.
Es kann vorkommen, dass Ihr Kind mit seinem Spiegelbild plaudert. Es erkennt sich aber selbst noch nicht darin, sondern wird einfach von dem kleinen Gegenüber fasziniert sein. Bereits kleine Krabbelkinder freuen sich, wenn sie mit Gleichaltrigen zusammen sein dürfen, auch wenn sie noch zu klein sind, um miteinander zu spielen. Lassen Sie ihnen Zeit, miteinander zu plaudern, sich gegenseitig zu beobachten und zu erforschen.
Weil Kinder herausfinden wollen, wo die Laute herkommen, die sie hören, greifen sie der Mutter, dem Vater häufig ins Gesicht, wenn diese sprechen. Das Gleiche kann auch bei einem anderen Kind vorkommen. Dieses erschrickt unter Umständen und beginnt zu weinen. Es wird sich allerdings meist schnell wieder beruhigen und seinerseits auch Interesse zeigen.
Wenn Sie Zwillinge haben, stellen Sie unter Umständen fest, dass Ihre Kinder eine eigene Sprache entwickeln. Dieses Phänomen ist bekannt und wird als Zwillingssprache bezeichnet. Man vermutet, dass die Kinder sich so intensiv miteinander verständigen, weil das Gegenüber fast immer da ist. Wie andere Kinder, die mit ihrem Spiegelbild plappern, tun dies Zwillinge untereinander.
Um die Sprache der Erwachsenen ebenso interessant zu machen, sprechen Sie jedes Kind so oft wie möglich einzeln an. Auch später ist es für die individuelle Entwicklung und Ich-Abgrenzung bedeutungsvoll, dass Sie nicht beide Kinder als Einheit betrachten. Sprechen Sie jedes Kind einzeln und direkt mit «du» oder seinem Namen an. Wenden Sie sich so wenig wie möglich mit der «ihr-Form» an beide gleichzeitig.
Verse und Lieder sind sehr beliebt und müssen jeweils unzählige Male wiederholt werden. Sie bereiten nicht nur Freude, sondern haben auch eine wichtige Bedeutung für die Sprachentwicklung des Kindes. Noch ist den Kleinen der Inhalt des Gesprochenen unwichtig. Was zählt, sind Sprachrhythmus, Klangfarbe, Reim oder Bewegung.
Sprechen und singen Sie mit dem Kind in Ihrer Muttersprache. Wenn Sie keine Lieder oder Reime aus der Kindheit in Erinnerung haben, so können vielleicht die Grosseltern weiterhelfen, andere Eltern, der Blick in ein Liederbuch oder die folgenden Anregungen.
Da chunt e Muus
Da chunt e Muus
Klingelingeling!
Isch dä Alex im Huus?
Zeigefinger und Mittelfinger sind die Maus und tippeln von der Schulter dem Hals entlang bis zum Ohrläppchen. Dort angekommen, «läuten» sie sanft. Natürlich setzt man für jedes Kind den eigenen Namen ein.
Pitsch, patsch, patsch
Durch Regen und durch Matsch.
Und wer nicht weiter kann,
der zieht Gummistiefel an.
Is Bett, chlini Muus,
lösch s’Liechtli uus,
nimm s’Bärli in Arm
und gib em rächt warm.
In den Schlaf wiegen und mit einer einfachen Melodie singen.
Trauen Sie sich ruhig zu, auch eigene Sprüche und Lieder zu erfinden. Sie und Ihr Kind werden staunen, was da alles entsteht!