Una mamma siede irritata sul divano, mentre la figlia fa ginnastica accanto a lei.

Anecken im Alltag

Fünf Jahre und drei Monate

Die Diagnose «AD(H)S» umfasst unterschiedliche Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen.

Lea fällt durch ihr zappeliges und unruhiges Wesen auf. Sowohl zu Hause als auch im Kindergarten kann die Fünfjährige kaum stillsitzen, hat immer neue Ideen, führt aber nur wenige zu Ende. Sie ist sehr schnell abgelenkt, kann sich daher auch nicht so richtig ins Spiel vertiefen und wird im Spiel mit anderen Kindern wiederholt zum «Störenfried». Leas Eltern überlegen sich häufig zweimal, ob sie eine Einladung annehmen sollen, da ihre Tochter überall auffällt.

Luca ist verschlossen und zurückhaltend. Seine Bewegungen wirken langsam und tollpatschig. Es macht ihm Mühe, richtig herum in Pulli und Hose hineinzuschlüpfen und Reissverschluss und Knöpfe zu schliessen. Luca stolpert häufig über kleinste Hindernisse. So geht im Kindergarten immer wieder einmal ein neu errichteter Turm zu Boden, was unter den Kindern Unverständnis und Streit auslöst. Auch hat Luca Mühe, sich zu konzentrieren und sich ausdauernd ins Spiel oder eine Aufgabe zu vertiefen. Er vergisst häufig die Welt um sich herum, beginnt zu träumen und verpasst dabei vieles. Lucas Eltern machen sich Sorgen, ob ihr Sechsjähriger im Sommer wohl den Übertritt in die erste Klasse meistern wird.







Illustration Mutter wünscht sich dass Lena etwas ruhiger ist

Lea und Luca, zwei ganz verschiedene Kinder, die jedoch eine Schwierigkeit teilen: Im Alltag ecken sie im wahrsten Sinne des Wortes überall an und stossen dadurch immer wieder an die eigenen Grenzen und die des direkten Umfelds. Leas und Lucas Eltern zweifelten lange Zeit an sich und ihren Fähigkeiten. Wieso waren ihre Kinder so anders, passten in kein «Schema» hinein und forderten ihre Kraft und Geduld oft so weit heraus, dass am Ende eines Tages nur noch Wut und Verzweiflung zurückblieben? Erst als sie sich in ihrer Not an den Kinderarzt wandten und eine umfassende Abklärung wünschten, konnten sie das Verhalten ihrer Kinder verstehen und lernen, damit umzugehen.

Schwankende Aufmerksamkeit

Mit der Diagnose «ADS» (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) werden unterschiedliche Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen umschrieben. Mögliche Verhaltensmuster sind ausgeprägte Impulsivität, still, verträumt, in sich gekehrt, langsam, apathisch. Auch Koordinationsschwierigkeiten, Ess- und Schlafstörungen, ein schwieriges Sozialverhalten und ausgeprägte emotionale Stimmungsschwankungen werden häufig als Merkmale festgestellt. Manchmal geht das Aufmerksamkeitsdefizit auch mit körperlicher Unruhe einher (hyperaktiv), dann spricht man von ADHS.

Es heisst aber noch lange nicht, dass ein Kind, das diese Symptome aufweist, wirklich ein «ADS-Kind» ist. Es gibt ganz einfach Kinder, die lebhafter sind und von Natur aus mehr Bewegung brauchen. Andere sind dafür vom Charakter her eher ruhig und gemächlich. Ein Kind ist bewegungsbegabter und geschickter, das andere eher unbeholfen.

Differenzierte Abklärung nötig

Was es vor einer vorschnellen Diagnose braucht, ist eine differenzierte Abklärung, in der Stärken und Schwächen des Kindes sorgfältig erfasst werden und festgestellt wird, in welchen Situationen oder bei welchen Handlungen das Kind überfordert ist.

So richtig offensichtlich werden Schwierigkeiten oft erst im Kindergarten oder in der Schule, wenn ausdauernde Aufmerksamkeit verlangt wird. Bis dahin haben Eltern und Kinder vielfach schon einen beschwerlichen Weg zurückgelegt, der mit dem Wissen um eine frühere Abklärung ganz anders hätte verlaufen können.

Oftmals ziehen vor allem die Auffälligkeiten, die in der Gesellschaft als «unangepasst» gelten, alle Beachtung auf sich und es fällt nicht mehr auf, dass das eigene Kind auch seine Stärken hat. Doch diese zu erkennen und zu betonen ist für das betroffene Kind besonders wichtig, denn nur an seinen Stärken kann es wachsen und lernen, mit seinen Schwächen umzugehen.

Ruheinseln im Alltagsstress

Kinder, die durch ausgeprägte Betriebsamkeit oder Zurückgezogenheit auffallen, sollten Erwachsene zum Nachdenken bringen: Können sich Kinder im heutigen hektischen Alltag überhaupt noch orientieren und finden sie noch Räume für ungestörtes Verweilen? Kinder brauchen dafür elterliches Verständnis und Unterstützung:

  • Klare und regelmässige Tagesabläufe erleichtern die Orientierung.

  • Wiederkehrende Rituale (zum Beispiel ein Lied singen beim Aufstehen, ein Hörspiel nach dem Mittagessen anhören oder eine Geschichte vor dem Schlafengehen erzählen) sowie wenige, aber klare und konsequent eingehaltene Regeln vermitteln Sicherheit und Struktur.

  • Anweisungen klar und kurz formulieren und eventuell vom Kind nochmals wiederholen lassen

  • Lieber weniger als mehr – das gilt sowohl für Freizeitangebote, als auch für Kurse, Spielsachen und so weiter. All die vielen Eindrücke und Reize brauchen Zeit und Ruhe, um verarbeitet zu werden.







    Illustration Kind ruht sich aus unter einer Palme

Mit Gewalt auffallen

Viele Eltern sorgen sich darüber, dass ihr Kind aggressiv ist, dass es das Spiel der anderen zu stören versucht oder andere Kinder schlägt und beisst. Aggressives Verhalten kann sich auch dadurch zeigen, dass ein Kind sehr egozentrisch reagiert, alles für sich haben will, seine eigenen Wünsche nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben kann und bei jedem Wunschversagen gesteigerte Trotzreaktionen zeigt, die sich zu Wutanfällen steigern. Das alles ist nicht lustig – für niemanden, auch nicht für das Kind. Als Eltern erleben zu müssen, dass das eigene Kind oft mit Wut und Widerstand reagiert, verletzt, belastet und macht hilflos. Oftmals braucht es viel Beherrschung, nicht auf die gleiche Art zu reagieren.

  • Vergelten Sie Gewalt nicht mit Gegengewalt. Schläge sind nie ein geeignetes Erziehungsmittel. Warum sollte ein Kind nicht schlagen, wenn die Mama/der Papa es auch tut?

  • Handeln Sie sofort und konsequent und setzen Sie klare Grenzen: Wer andere beisst, darf nicht mehr mitspielen. Reden Sie anschliessend unter vier Augen mit Ihrem Kind über sein Verhalten.

  • Zeigen Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter, wie er/sie sich gewaltfrei Luft machen kann. Raufen Sie zusammen, machen Sie eine Kissenschlacht. Setzen Sie dabei klare Grenzen, indem Sie sagen, was wehtut. So kann Ihr Kind den Umgang mit der eigenen Muskelkraft lernen.

  • Verschaffen Sie Ihrem Kind viel Bewegungsfreiheit. Das ist besonders bei Kindern wichtig, die in kleinen Wohnungen leben oder empfindliche Nachbarn und mangelnde Aussenspielräume haben.

  • Loben Sie Ihr Kind für sein gutes Benehmen. Ein Kind, das an sich und seine Fähigkeiten glaubt, wird seine Wirkung auf andere nicht durch Macht und Dominanz unter Beweis stellen müssen.

Auf keinen Fall auffallen

Es gibt Kinder, die fallen nicht auf, weil sie sich problemlos in den Alltag und in eine Gruppe einfügen und sich dabei sicher und geborgen fühlen. Es gibt aber auch Kinder, die fallen nicht auf, weil sie sich ausgesprochen angepasst verhalten und dahinter ihre Unsicherheit, Scheu, ihre Ängste oder Sorgen verbergen. Sie spielen und reden kaum mit anderen Kindern, sind viel allein und in sich zurückgezogen, hängen sich manchmal allzu sehr an Mama oder Papa. Bei Mädchen wird dieses Verhalten seltener als «problematisch» betrachtet als bei Jungen, da ruhige kleine Mädchen für viele Erwachsene immer noch einem weiblichen Idealbild entsprechen. So wird das stille Leiden des Kindes oft lange Zeit nicht bemerkt.

Sich der «stillen» Kinder anzunehmen und sie aus der Isolation herauszuführen, braucht viel Behutsamkeit. Es hat keinen Sinn, etwas zu erzwingen. Wichtig ist, Zeit zu geben und dem Kind sein Tempo zu lassen. Dies gilt auch bei der Kontaktaufnahme mit anderen Kindern.

Ein überaus zurückhaltendes Kind ist stärker auf die Hilfe erwachsener Bezugspersonen angewiesen, die zum Beispiel mit dem Zurollen eines Balles, dem Beginn eines Memory-Spieles oder dem Bau einer Sandburg den Einstieg ins Spiel mit anderen Kindern erleichtern. Danach ist es aber auch wichtig, dass Erwachsene sich wieder aus dem Spiel zurückziehen, denn nur so können Kinder eigene Erfahrungen machen und lernen, auch allein zu bestehen.

Reload content for this field