Fünf Jahre und drei Monate
Welches Verhalten von Kindern ist für Fachpersonen besorgniserregend und was gehört zur Entwicklung dazu? Immer wieder gibt es Situationen, die Eltern und Kind belasten. Ein paar Gedanken dazu.
Schon 12.25 Uhr und Leon ist noch immer nicht da! Dabei braucht er für den Weg vom Kindergarten nach Hause höchstens 15 Minuten und Kindergartenende ist um 12 Uhr! Seine Mutter wird von Minute zu Minute nervöser und schaut immer wieder auf die Uhr. Das Essen steht auf dem Tisch und wird langsam kalt, die Geschwister haben Hunger und werden quengelig und von Leon immer noch keine Spur! Wo mag das Kind wohl stecken, oder besser gesagt, was hat es wohl wieder ausgeheckt?
12.30 Uhr: Aus der Nervosität entwickelt sich langsam Wut. Warum nur kann das Kind nicht auf dem direkten Weg nach Hause kommen! Ständig fällt in der letzten Zeit etwas vor. Erst kürzlich hat er den alten Herrn Keller verärgert, indem er seinen Balkon mit Schneebällen beworfen hat. Vor einer Woche rief der Vater eines Mädchens an, dem er auf dem Heimweg so viel Angst einjagte, dass es nun nicht mehr alleine in den Kindergarten gehen will. Was ist bloss los mit dem Jungen? Da endlich klingelt es an der Tür. Vor ihr steht eine erboste Nachbarin mit einem verheulten Kind. Leon hat mit seinem Freund auf dem Heimweg ein Blumenbeet zerstört und wurde dabei erwischt. Die Mutter bemüht sich, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sie versichert der Nachbarin, für den Schaden aufzukommen, doch zuerst müssen die Kinder etwas essen.
Ohne ein Wort zu sagen, setzt die Mutter Leon an den Tisch und zieht sich für einen Moment in die Küche zurück. Dort sinkt sie auf einen Stuhl und legt verzweifelt den Kopf in die Hände. Alles Reden, alles Strafen nützt nichts. Leon provoziert die ganze Zeit, bringt sie an ihre Grenzen und löst in ihr das Gefühl aus, als Mutter zu versagen.
Von der Kindergärtnerin ist inzwischen eine Einladung für ein Gespräch eingetroffen. Was das wohl zu bedeuten hat? Wieso tut Leon solche Dinge? Sind solche Streiche «normal» oder ist dies «auffällig»?
Kinder machen viel Freude, manchmal aber auch Sorgen. Wohl jede Mutter, jeder Vater hat früher oder später einmal schlaflose Nächte, ist geplagt von Wut, Besorgnis, Verzweiflung und Schuldgefühlen. Hinter Fragen wie «Warum verhält sich mein Kind so?», «Was habe ich falsch gemacht?» und «Was denken die anderen?» stehen Situationen, die Eltern und Kind sehr belasten. Ob es ein Trost ist zu wissen, dass kein Vater, keine Mutter mit solchen Gedanken allein dasteht?
Schwierige Situationen gehören zum Leben, auch wenn es manchmal so aussieht, wie wenn bei Freunden, Nachbarn, Bekannten immer alles rundläuft. Im Zusammenleben kommt es zu Krisen, Problemen und Stolpersteinen, denn kein Mensch ist perfekt und keine Familie vollkommen.
Was als «normal» gilt, ist abhängig vom Umfeld, vom Land, von der Kultur und den aktuellen gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Die Bewertung «normal/auffällig» hat auch viel mit persönlichen Idealvorstellungen und der eigenen Toleranzgrenze zu tun. Eltern, die sehr lärmempfindlich sind, werden ein lebhaftes Kind schneller als auffällig empfinden. Eltern mit viel Temperament verunsichert dagegen womöglich die zurückhaltende Art eines Kindes. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, sich am eigenen Kind und am Verlauf seiner Entwicklung zu orientieren und nicht am Vergleich mit anderen Kindern.
Manchmal gehen Mütter und Väter auch von fixen Vorstellungen aus, wie das Kind sein soll. Es ist ganz normal, solche Wünsche zu haben. Nur ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Wirklichkeit nicht immer elterlichen Träumen entspricht.
Das Zusammenleben mit Kindern ist spannend, lustig, abwechslungsreich, manchmal aber auch nervenaufreibend, anstrengend und belastend. Zusammenleben bedeutet, sowohl die erfüllenden und bereichernden Erlebnisse zu teilen als auch gemeinsam die kleinen und grossen Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Wichtig dabei ist, den Kindern nicht sämtliche Steine aus dem Weg zu räumen, sondern ihnen zu helfen, Frustrationen auszuhalten und Hürden zu überwinden.
Zeigen Sie Ihrem Kind auf, wie viel es bereits gemeistert hat und wie das zeigt, dass es auch zukünftige Hürden meistern kann.
Um zu Leon zurückzukommen: Seine Eltern erkannten, dass ihr Sohn vor allem auf der Suche nach Beachtung war. Mit seinen «Aktionen» holte er sich diese und wertete sich durch seine Mutproben auf. Mut tut gut, doch es galt, andere Erfolgserlebnisse zu schaffen, zum Beispiel ohne «Flügeli» schwimmen zu können.
Leon und sein Vater besuchten am Samstagmorgen einen Schwimmkurs. Die gemeinsame Zeit zu zweit und das Bewusstsein, etwas Neues zu können, zeigten Wirkung. Leon wurde zunehmend selbstsicherer und merkte, dass positive Beachtung mehr Spass macht als Schimpfe und Schelte.