Fünf Jahre und drei Monate
Kinder sind nicht nur fröhlich, unbeschwert und zufrieden. Sie können auch wütend, verstimmt und traurig sein, genauso wie Erwachsene. Was Sie bei auffälligem Verhalten tun können.
Auch Kindern geht es manchmal schlecht. Wenn Belastungen oder Erwartungen ein Kind überfordern, kann sich das in häufigem oder regelmässigem Auftreten von Bauchweh, Schlafschwierigkeiten, Sprach- oder Bewegungsstörungen, Ängsten, Aggressionen, clownhaftem Verhalten oder Zurückgezogenheit zeigen. Diese Reaktionen entsprechen der kindlichen Ausdrucksform. Kinder können nicht anders mitteilen, was in ihnen vorgeht. Es liegt an den Erwachsenen, diese Botschaften zu erkennen und zu entschlüsseln.
Entwicklung ist kein gradliniger Prozess. Sie geschieht nicht gleichmässig und kontinuierlich, sondern in Phasen und Schüben. Gewisse Schritte gelingen mühelos, andere sind mit viel Anstrengung oder Verunsicherung verbunden.
Besonders Übergänge von einer Phase zur nächsten können plötzlich Fortschritte, aber auch Stillstände und vermeintliche Rückschritte mit sich bringen. Manchmal scheint sogar das bisher Erreichte wieder verloren. Zum Beispiel nässt ein Kind, das schon seit langem nicht mehr ins Bett macht, wieder ein. Oder der Schoppen wird während einer anstrengenden Zeit mit vielen Veränderungen wieder aktuell. Oder es existiert auf einmal nur noch das Wort «NEIN!».
In solchen Zeiten ist es oft nicht einfach, die Zuversicht zu behalten, dass auf unruhige Zeiten auch wieder «friedlichere» folgen. Hilft es Ihnen, sich daran zu erinnern, wann und mit welchen inneren und äusseren Stürmen Sie als erwachsene Person Zeiten von Veränderungen und Umbrüchen erlebt haben?
Falls Sie das Gefühl haben, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter in der Entwicklung zurückliegt, stehen geblieben oder innerlich aus dem Gleichgewicht geraten ist, so hilft Ihnen vielleicht die Beantwortung folgender Fragen:
In welchen Situationen, bei welchen Handlungen beobachten Sie eine «Auffälligkeit»?
In welchen Situationen, bei welchen Handlungen tritt die «Auffälligkeit» nicht auf?
Leidet Ihr Kind unter seinem «Problem»?
Wird es deswegen von anderen Kindern ausgegrenzt oder gehänselt?
Haben sich die Symptome verstärkt?
Belastet Sie das Verhalten Ihres Kindes oder ärgert es Sie?
Kinder ändern sich in jeder Altersphase und damit auch ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig wächst auch das Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten. Im Kindergartenalter beginnen Kinder häufig damit, sich zu vergleichen, und merken dabei, was sie gut und was sie weniger gut können.
Sofia malt nicht so gern, besonders dann nicht, wenn alle das Gleiche tun, zum Beispiel einen Bären malen. Sofia findet nämlich, dass die anderen das viel besser können. So sehr sie sich auch bemüht, bei ihr sieht alles Gemalte und Gebastelte irgendwie anders aus. Darum drückt sie sich so lange vor so einer Aufgabe, wie es nur geht, oder verdeckt ihre Zeichnungen beim Malen mit dem Arm.
Ein Kind wie Sofia versucht vielleicht aus Angst, zu versagen, stets einer Aufgabe auszuweichen oder schämt sich über ein vollbrachtes Werk. Auf die Dauer ist das sehr zermürbend und frustrierend.
So eine innere Belastung kann zu Aggressionen, zu Zurückgezogenheit oder Ängsten führen. Das Vermeidungsverhalten führt zudem zu einem Mangel an Erfahrungen und Erfolgserlebnissen. Ein sich wiederholendes ausweichendes Verhalten sollte ernst genommen und beobachtet werden.
Nicht alle Auffälligkeiten haben ihren Ursprung in der Entwicklung des Kindes. Sie können auch durch aktuelle Ereignisse ausgelöst werden, auf die jedes Kind seiner Art und seinem Temperament entsprechend reagiert. Die Geburt eines Geschwisters, der Tod eines geliebten Tieres, ein Wohnortwechsel, die Trennung von einer vertrauten Person, der Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule können ein Kind sehr stark berühren oder verunsichern.
Genauso verhält es sich mit Gegebenheiten, die die Familie belasten. Kinder haben ein ausserordentlich feines Gespür für Spannungen. Sie nehmen wahr, wenn Eltern streiten oder wenn die zu kleine Wohnung, die finanziellen Verhältnisse oder die fehlende Kinderbetreuung Sorgen machen.
Belastende Lebensumstände und Geschehnisse, Probleme der Erwachsenen – all dies gehört zum Leben und kann nicht immer vermieden werden. Jedes Kind erfährt dies, trägt aber auch viele Kräfte und Möglichkeiten zur Überwindung solcher Hindernisse in sich. Nur manchmal führt der Weg zum «Überwinden» übers «Auffälligsein». Das aus dem Rahmen fallende Verhalten des Kindes kann ein Hilferuf sein.
Auch wenn die «Signale» eines Kindes belastend sein können, sie können auch eine Chance sein, indem sie auf etwas hinweisen, was Eltern selber bewusst noch gar nicht wahrgenommen oder diskutiert haben.
Eltern fühlen sich in belastenden Situationen oftmals besonders alleingelassen. Häufig nehmen sie die volle Verantwortung für die Schwierigkeiten des Kindes auf sich. Jedes Kind wird aber von seiner ganzen Aussenwelt geprägt. Nicht nur die Mutter oder der Vater beeinflussen seine Entwicklung.
Manchmal sehen Eltern nur noch die negativen Verhaltensweisen ihres Kindes und müssen sich aktiv vergegenwärtigen, in welchen Situationen es auch fröhlich, originell oder anlehnungsbedürftig ist.
Für ein Kind ist es sehr wichtig zu spüren, dass es so, wie es ist, von den Eltern geliebt und anerkannt wird und nicht auf sein Problem «reduziert» wird. Daher sollte die Schwierigkeit Ihres Kindes auch nicht zum Hauptthema des Familienlebens und schon gar nicht vor anderen diskutiert werden.
Ein Kind in Schwierigkeiten hat ein verstärktes Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Reservieren Sie sich täglich Zeiten, die Sie ganz Ihrem Kind widmen, in denen sie gemeinsam spielen, reden, schmusen, spazieren gehen, mit einem Ritual den Tag beenden.
Reden Sie zuerst einmal mit dem Partner, der Partnerin über Ihre Sorgen und Ängste. Es kann sein, dass dieses Gespräch nicht so einfach ist, da Sie als Eltern vielleicht das Problem anders wahrnehmen und unterschiedlicher Meinung sind.
Auch im Gespräch mit Freunden oder mit anderen betroffenen Eltern (zum Beispiel an Elternbildungskursen) können Fragen besprochen und Unsicherheiten abgebaut werden. Wenn Sie das Gefühl haben, weder allein noch zusammen mit Freunden Ihrem Kind helfen zu können, dann lassen Sie sich von einer Fachperson beraten. Vielleicht hilft bereits ein Gespräch mit der Krippenleiterin, dem Hortleiter oder mit der Kindergärtnerin. Diese Bezugspersonen kennen Ihr Kind sehr gut aus dem Alltag und werden auch bei kleinen Sorgen für Sie da sein.
Sie können sich auch jederzeit, Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, an die Pro Juventute Elternberatung wenden, online auf projuventute.ch/elternberatung oder telefonisch unter 058 261 61 61. Die Beratung ist vertraulich und kostenlos.
Je nach Symptom ist unter Umständen eine medizinische Abklärung angezeigt. Diese kann aufzeigen, dass die Ursachen von körperlichen Leiden im seelischen Bereich liegen. Eine psychologische Beratungsstelle (Kinder- oder Schulpsychologie, Erziehungsberatung, Familientherapie) kann dann weiterhelfen. Die Beratung hilft, das Kind und sein Verhalten besser zu verstehen, und zeigt Möglichkeiten auf, in der Familie mit der Situation umzugehen.