Zwei Jahre und sechs Monate
Kinder machen erste Erfahrungen mit ihrer Umwelt in ihrem Wohnraum.
Für jedes Kind hat die Wohnung oder das Haus, in dem es seine ersten Lebensjahre verbringt, eine grosse Bedeutung. Hier beginnt die Entwicklung körperlicher und geistiger Fähigkeiten, hier entsteht die Beziehung zu den Eltern und eventuell auch zu Geschwistern, Grosseltern und anderen wichtigen Bezugspersonen. In der Wohnung werden erste Grenzerfahrungen gemacht, die Balance zwischen Alleinsein und Zusammenleben kann erprobt werden, Eigenständigkeit und Selbstbestimmung entfalten sich.
Doch nicht nur Kinder, auch Eltern brauchen die Wohnung als Lebensraum: Sie soll ein Ort der Sicherheit, der Entspannung, des gemütlichen Aufenthalts und Miteinanderlebens sein. Gleichzeitig soll sie Rückzugs- und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Daher sind eine familiengerechte Grundrissgestaltung und Ausstattung der Wohnung sehr wichtig. Familiengerechte Wohnungen sind nach wie vor relativ selten.
Beim Bau vieler, vor allem älterer Wohnungen wurde zu wenig an die Bedürfnisse von Kindern gedacht. So gibt es in manchen Wohnungen einen grossen Wohnraum, auch das Elternschlafzimmer ist in der Regel relativ grosszügig bemessen, aber für das Kinderzimmer, das Bad und die Küche stehen manchmal nur wenige Quadratmeter zur Verfügung. Und gerade diese kleinen Räume müssten eigentlich grösser sein, da sie in einer Familie mit Kindern rege genutzt werden. Daher braucht es manchmal Fantasie und Flexibilität, um sich dennoch eine kinder- (und eltern-)gerechte, praktische und gemütliche Wohnung einzurichten.
Jeder Mensch braucht einen Ort für sich allein. Dorthin zieht er sich zurück, um seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, um Gedanken nachzuhängen, oder einfach, um nichts zu tun. Dazu kommt ein Kästchen, eine Schublade oder ein Schrankabteil, wo die liebsten oder geheimsten Dinge versorgt werden können. Eine solche kleine Welt für sich brauchen Sie, Ihr Partner oder Ihre Partnerin und Ihr Kind.
Eine Familienwohnung soll jedem Familienmitglied die Möglichkeit zur Entfaltung und zur Erfüllung der persönlichen Bedürfnisse bieten. Daher ist es wichtig, dass Sie sich darüber austauschen. Aufschlussreich kann auch sein, einmal gemeinsam zu überlegen oder zu beobachten, welche Räume für was, wann und von wem benutzt werden. «Familienwohnen» ist «Wohnen in Bewegung». Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche haben unterschiedliche und sich verändernde Ansprüche ans Wohnen. Wohnung und Kinderzimmer sind immer Bedingung und Ausdruck dieser Entwicklung: im Platzbedarf und in der Einrichtung.
Ihr Kind wird langsam grösser, und damit wächst auch die Bedeutung des Kinderzimmers. Nach wie vor wird es zwar geniessen, in Ihrer Nähe zu spielen oder Ihnen im Haushalt zu «helfen», doch das eigene Reich wird immer wichtiger.
Zieht sich Ihr Kind jetzt vermehrt für ungestörtes Spielen in sein Zimmer zurück? Zeigt sich der Wunsch nach mehr «privatem Bereich», kann diesem Bedürfnis je nach Platzverhältnissen Raum gegeben werden. Dafür sollte das Kinderzimmer multifunktional genutzt werden können: zum Schlafen, zum Spielen, zum Toben, zum Bauen und Gestalten, zum Malen und Basteln, zum Zurückziehen und Nichtstun. Kleine Kinder brauchen noch nicht viele Möbel, sondern vor allem viel Platz. Daher schont ein sparsam eingerichtetes Kinderzimmer nicht nur den Geldbeutel, sondern lässt auch viel Raum für neue Spielideen und zum Rumtoben.
Wohnen mit Kindern endet nicht an der Wohnungstür. Sobald Kinder grösser sind und laufen können, suchen sie nach neuen und unbekannten Räumen. Diese befinden sich natürlich vor der Wohnungstür. Der Aussenraum rund um die Wohnung hat für Kinder eine grosse Bedeutung: Hier können sie spielen, Kinder aus der Nachbarschaft treffen und durch regelmässige Begegnungen freundschaftliche Beziehungen aufbauen. Ein vielfältiges Wohnumfeld, das Spielen und gemeinsame Aktivitäten von Klein und Gross ermöglicht, ist daher sehr wichtig.
Kinder brauchen für ihre Entwicklung erreichbare, anregende und altersgerechte Spielräume im Freien. Diese müssen nicht mit teuren und aufwendigen Spielgeräten ausgestattet sein, sondern vor allem Raum zum Bewegen und zu fantasievollem Gestalten bieten. Kinder spielen überall, vorausgesetzt, sie dürfen: im Garten, auf der Wiese, vor dem Hauseingang, auf den Wegen und verkehrsarmen Strassen und Plätzen im Quartier.
Wie sieht es bei Ihnen in der unmittelbaren Wohnumgebung, in der Siedlung, im Quartier aus? Hat es einen Spielplatz? Was bieten sich für Spielmöglichkeiten? Setzen Sie sich für die Spielbedürfnisse Ihres Kindes ein. Schliessen Sie sich dafür wenn nötig mit gleichgesinnten Eltern zusammen, um sich gemeinsam für kindgerechten Spiel- und Lebensraum einzusetzen.
Kleine Kinder brauchen Raum zum Spielen und Bewegen. Falls Sie in einer kleinen Wohnung leben, kann es schwierig sein, diesem Spiel- und Bewegungsbedürfnis Ihres Kindes zu entsprechen. Vielleicht helfen Ihnen die nachfolgenden Ideen, neue Freiräume zu schaffen oder das bestehende Raumangebot zu verändern.
Können Sie sich vorstellen, das (grössere) Eltern- gegen das (kleinere) Kinderzimmer zu tauschen? Viele Erwachsene benützen das Schlafzimmer meist nur in der Nacht. Dafür genügt ein kleinerer Raum.
Kleine Kinder spielen gerne auf dem Fussboden und springen mit Vorliebe durch die ganze Wohnung. Nicht immer zur Freude der Nachbarn unter Ihnen. Wie wäre es, wenn Sie einen Teil des Bodens mit Schaumstoffmatten oder einer alten Matratze belegen würden? Darauf lässt sich nach Herzenslust hüpfen und turnen.
Mit Stoff bezogene Schaumstoffwürfel (in Schaumstoff-Fabriken zu beziehen) und alte Leintücher (im Brockenhaus erhältlich) eignen sich vorzüglich zum Hüttenbau. Wenn das Kind dazu auch Stühle, Sofa und Kissen benutzen darf, dann verwandelt sich die Stube im Nu in ein Kinderland.
Mit einer grossen Kartonschachtel (zum Beispiel der Verpackung eines Kühlschrankes, die Sie gratis im Fachgeschäft erhalten) können Sie einen Schlupfwinkel für Ihr Kind basteln.
Schaumstoffwürfel, Stühle, Matratzen, Bettschranken und so weiter eignen sich, damit Ihr Kind sein eigenes Revier einrichten kann – beispielsweise wenn es mit Legosteinen sorgfältig einen Turm baut und das kleine Geschwister oder Nachbarsbaby nebenher rumkrabbelt.
Wände sind wunderbare Dekorations- und Malflächen. Warum nicht eine Wand mit einer Weichfaserplatte verkleiden? Da kann es Zeichnungen anbringen. Und ausserdem die Geburtstagskarte vom Götti, das Zoo-Billett, ein Foto der Grossmutter. Einen anderen Teil könnten Sie mit einer mehrfachen Schicht Packpapier bespannen, die Ihr Kind bemalen und bekleben darf. Kleine Künstler und Künstlerinnen werden vom grossflächigen Malen begeistert sein. Es empfiehlt sich allerdings, sie im jetzigen Alter nur unter Aufsicht malen zu lassen. Sonst könnten die Kunstwerke das vorgegebene Packpapierformat überschreiten.
Boxen in allen Räumen für Spielsachen und andere Kleinigkeiten erleichtern das Aufräumen. Vielleicht lassen sich im einen oder anderen Zimmer an den Wänden Tablare anbringen, worauf die Boxen Platz sparend aufbewahrt werden können.
Estrich, Waschküche oder Korridor sind Orte, die in ihrer primären Funktion häufig ein Schattendasein fristen oder nur als Durchgangsbereich genutzt werden. Sie beinhalten jedoch ein hohes Potenzial an Spielmöglichkeiten. Könnten Estrich oder Waschküche nicht auch Raum zum Toben, Bewegen oder Malen und Basteln bieten? Könnte der Korridor nicht mehr sein als nur Depot für Jacken, Mäntel und Schuhe? Ein strapazierfähiger Teppich lässt hüpfende oder rennende Kinder leiser auftreten. Vielleicht hat es Platz für einen kleinen Mal- oder Werktisch? Falls der Gang dafür zu schmal ist, könnte dafür auch in der Küche der ideale Standort sein.
Das Badezimmer eignet sich hervorragend für ausufernde Wasser- und Malexperimente. Baden und planschen, Gefässe füllen und ausleeren, Fische, Enten und Boote schwimmen lassen und die Kacheln mit Finger- oder Wasserfarben bemalen: Das macht riesig Spass und wenig Arbeit, um alles wieder «instand zu setzen».
Das Spiel mit Wasser, Farben und Sand könnte auch auf dem Balkon stattfinden, kombiniert mit dem frischen Element «Luft». Verlockend ist zum Beispiel auch ein «Herbstblätterbad» im Wald oder ein «Sandbad» im Garten oder auf dem Spielplatz.