Ein Jahr und sechs Monate
Vielleicht wurden Sie von Freunden und Freundinnen mit allerlei Geschichten vor der Trotzphase gewarnt. Nun warten Sie möglicherweise beunruhigt auf diese schwierige Zeit.
Unter Umständen haben Sie bereits erste Erfahrungen mit einem plötzlich widerspenstigen Kind hinter sich. Angst ist jedoch nicht nötig. Schon das Wort «Trotz» ruft häufig negative Gefühle hervor. Es steht ja im Wörterbuch: Trotz; Widerspruch, starrköpfiges Beharren … In anderen Ländern gibt es viel harmlosere Bezeichnungen für diese Entwicklungsphase. Sie betonen weniger die Starrköpfigkeit als den Weg zum Finden des eigenen Willens.
Es geht beim Trotzen um einen wichtigen Entwicklungsschritt, der das Ich und Selbstbewusstsein des Kindes stärkt und festigt. Trotzphasen wiederholen sich während der ganzen Kindheit in unterschiedlicher Länge und Stärke immer wieder. So aufreibend sie für die Eltern (und das Kind) sind, so bedeutsam sind sie für die Entwicklung zur Eigenständigkeit und Beziehungsfähigkeit. Nur durch das Austesten des eigenen Wollens und der damit zusammenhängenden Wirkung auf das direkte Umfeld kann sich der eigene Wille, das eigene «Ich» entwickeln. Wie stark die Trotzphasen ausfallen, wie intensiv ein Kind trotzt, ist sehr unterschiedlich.
Kommt Ihnen diese Szene bekannt vor? «Komm, Lena, ich möchte dir die Jacke anziehen!» – «Nein!» – «Wir möchten die Grosseltern besuchen. Grossvater erzählt dir sicher wieder eine Geschichte!» – «Nein!» – «Bitte, komm jetzt her!» – «Nein!» Lena stösst die Hand der Mutter beiseite und dreht den Kopf weg. Wenn sie jetzt weiter gedrängt wird, dann kommt er, der Trotzanfall. Laut und heftig.
Auch wenn Ihr Kind schreit, wild mit den Armen fuchtelt, stampft und völlig ausser sich ist, besteht kein Grund zur Sorge. Trotzanfälle verlaufen so. Das Kind scheint seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen. Was es gerade in der Hand hält, wird weggeworfen, was im Mund ist, ausgespuckt. Die Töne, die es von sich gibt, werden laut, durchdringend und zornig. Es lässt sich kaum Zeit zum Atemholen, schon geht es weiter mit Schreien. Tränen gibt es kaum, dafür einen hochroten oder fast blauen Kopf, zugekniffene Augen und einen verzogenen Mund.
Manchmal schlägt das Kind gegen alles, was in seiner Nähe ist. Andere lassen sich fallen, machen sich so schwer, dass man sie kaum hochheben kann, oder schlagen mit dem Kopf auf den Boden.
So beängstigend das Ganze auch wirkt: Meist dauern solche Szenen nur wenige Minuten und laufen ohne gefährliche Verletzungen ab.
Trotzen hat nichts mit Ungehorsam zu tun, sondern, wie bereits erwähnt, mit der Entwicklung des eigenen Willens. Vielleicht hilft Ihnen folgendes Beispiel, um genauer zu verstehen, was in Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn in solchen Augenblicken vorgeht: Sie haben sich darauf gefreut, am Sonntagnachmittag endlich den spannenden Krimi fertig zu lesen. Ausgerechnet jetzt will Ihr Partner, Ihre Partnerin einen Spaziergang mit Ihnen machen. Sie spüren ein paar Momente lang eine innere Spannung, einen Zwiespalt: Sollen Sie nachgeben oder auf Ihrem Vorhaben beharren? Dann denken Sie kurz nach, wägen ab und entscheiden sich für den Spaziergang. Sie haben überlegt, dass heute Nachmittag das Wetter noch schön ist und es schade wäre, etwas zu tun, das Sie auch am Abend tun können. Sie fällen also einen vernünftigen Entscheid.
Ein kleines Kind reagiert anders. Es ist noch nicht in der Lage, seine Wünsche und Bedürfnisse anhand rationaler Überlegungen zu ordnen, aufzuschieben, zurückzustellen oder Kompromisse zu schliessen. Es will seinen eigenen momentanen Willen durchsetzen – um jeden Preis und sofort, da es ausschliesslich im Moment lebt. Innere Spannungen, gesetzte Grenzen, Vorschriften, Wünsche, die nicht erfüllt werden, führen zum «Kurzschluss»: Das Kind rebelliert. Nicht nur äussere, sondern auch eigene Grenzen machen dem Kind zu schaffen. Wenn ihm ein Vorhaben nicht gelingt, wenn es seine eigenen Fähigkeiten überschätzt hat, kann dies ebenfalls einen Trotzanfall auslösen.
Trotzanfälle sind weder für das Kind noch für die Eltern angenehm, besonders dann nicht, wenn sie in der Öffentlichkeit vor Publikum stattfinden. Dieses hält sich mit «wohlgemeinten» Ratschlägen (die man am besten überhört) manchmal nicht zurück.
Für Erwachsene mögen die Auslöser oft absolut nichtig sein. Sicher ist es schwer, zu verstehen, warum schon das Abbröckeln eines kleinen Stücks des begehrten Kuchens ein solches Theater verursacht. Versuchen Sie trotzdem, Ihr Kind in seiner Verzweiflung und seiner Wut ernst zu nehmen, möglichst gelassen zu reagieren, sich abzugrenzen (zum Beispiel den Raum kurz verlassen und tief durchatmen) und die schwierigen Minuten auszuhalten.
Vermeiden Sie es, Ihr Kind mit Süssigkeiten versöhnlich zu stimmen. Abwarten, Ruhe und Distanz bewahren und den Anfall nicht persönlich nehmen sind die besten Mittel. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, denn manchmal fällt es schwer, eigene Gefühle wie Wut und Ärger zu beherrschen.
Nehmen Sie Ihr Kind nach dem Trotzanfall in den Arm. Lassen Sie es spüren, dass nun alles wieder in Ordnung ist. Wahrscheinlich hat Ihr Sohn, Ihre Tochter Zuwendung und Liebe jetzt besonders nötig.
Was Sie akzeptieren und tolerieren können, liegt selbstverständlich in Ihrem Ermessen. Wo, wann und wie Eltern ihre Grenzen haben, ist sehr unterschiedlich. Es ist verständlich, wenn Sie in einer solchen Situation vielleicht selbst einmal wütend werden und das Kind anschreien. Sobald sich alle wieder beruhigt haben, können Sie sich dafür beim Kind entschuldigen und so als Vorbild vorleben, wie man sich wieder versöhnt.
Denken Sie immer daran: Schlagen Sie Ihr Kind nie! Schlagen ist kein Erziehungsmittel, es macht Kinder nur traurig und ängstlich. Ihr Kind handelt nicht böse oder ungezogen, sondern es braucht das Trotzen für seine Entwicklung. Es ist entscheidend, dass Sie die verschiedenen Entwicklungsphasen Ihres Kindes akzeptieren, dass es diese ausleben darf und Sie ihm immer wieder zeigen, dass Sie es gern haben.