Ein Jahr und vier Monate
Spricht Ihr Kind bereits einige Worte? Oder warten Sie noch gespannt auf dieses Ereignis? Auch die Sprachentwicklung verläuft bei jedem Kind unterschiedlich.
Manche Kinder beginnen bereits am Ende des ersten Lebensjahres einige Worte zu sprechen. Andere lassen sich damit Zeit, bis sie 20 oder mehr Monate alt sind. Auch wenn gleichaltrige Kinder viel besser reden: Es besteht kein Grund zur Sorge, sofern Sie sicher sind, dass Ihr Kind gut hört.
Das Interesse des Kindes an Gesprächen wächst ständig; es hört aufmerksam zu und ist auch selbst sehr aktiv: Es bringt Dinge und will wissen, wie sie funktionieren und wie sie heissen. Und es zeigt immer wieder auf dieselben Bilder, als ob es sein Wissen über die Sprache jeden Tag von neuem überprüfen und üben wollte. Auf diese Weise hat es bereits ein erstes Sprachverständnis für alltägliche Gegenstände, Tätigkeiten oder bekannte Personen erworben. Wenn der Vater oder die Mutter es auffordert, seine Mütze zu holen, wird es dies eifrig tun.
Viele Kinder verstehen in diesem Alter besser, was gesprochen wird, als dass sie selbst sprechen können. Noch nicht im Stande zu sein, das auszudrücken, was man eigentlich möchte, kann wütend machen oder auch zu unbeholfenen Reaktionen gegenüber anderen Kindern führen. Wenn Worte fehlen, wird zum Beispiel geschubst, gehauen oder sogar gebissen. Dies kann nicht nur Ausdruck von Unzufriedenheit sein, sondern auch eine Aufforderung zum Spielen oder der Versuch einer Kontaktaufnahme.
Diese Verständigungspannen müssen Sie nicht beunruhigen. Ihr Kind entwickelt sich deswegen nicht zum «Querschläger», sondern macht ganz normale Schritte in seiner sprachlichen und sozialen Entwicklung. Es entwickelt immer mehr Sprach- und Sprechvermögen und lernt dann, sich auf diesem Weg auszudrücken. Im Moment können Sie Ihrem Kind helfen, indem Sie es genau beobachten und bei Konflikten versuchen, seine Handlungen oder Vorhaben in Worte zu fassen und eventuell Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Zum Beispiel: «Du wolltest gerade auch mit der Puppe spielen. Sie gehört aber Lisa und die hat sie zuerst gehabt. Nimm doch deinen Teddy – vielleicht können die beiden einander Grüezi sagen …?»
Viele Kinder plaudern gerne vor sich hin, ohne dass die Laute eigentliche Worte bedeuten. Sie ahmen dabei die Sprechweisen nach, die sie in ihrem Alltag hören. Lauschen Sie einmal, wenn das Kind allein spielt oder wach im Bett liegt. Erkennen Sie sich bei seinem Plaudern? Tönt es nicht genau so, wie wenn Sie mit einer Freundin, einem Freund telefonieren oder mit dem Hund schimpfen?
Auch Umgebungslaute, zum Beispiel von Verkehrsmitteln wie Flugzeug, Auto, Zug, werden begeistert imitiert. Besonders Tierlaute werden mit Vergnügen nachgeahmt. In dieser Phase wird das ganze Tier mit seinen charakteristischen Lauten bezeichnet. So steht beispielsweise «wau wau» für Hund und «ch ch» für Schwein.
Auch wenn das meiste noch unverständlich ist: Nehmen Sie Anteil an den «Gesprächen» und Plaudereien Ihres Kindes. Wenn es Ihr Interesse spürt, wird es vermehrt mit Lauten, Silben und Wörtern experimentieren. Diese Experimente bilden eine Grundlage der Sprachentwicklung. Geben Sie Ihrem Kind viele Gelegenheiten, Gespräche zu erleben. Beziehen Sie es in Ihr Tun ein: Erzählen Sie ihm, dass Sie jetzt Kartoffeln rüsten, weil es Kartoffelstock zum Mittagessen gibt, dass der Salat gründlich gewaschen werden muss und die Katze so laut miaut, weil sie Hunger hat. Grosse Freude bereiten Sie ihm auch mit Reimen, Fingerversen, Liedern, Tanzspielen, untermalt mit Gesten und Bewegungen. Melodie und Rhythmus interessieren dabei das Kind wesentlich stärker als der Text.
Erste Worte werden häufig undeutlich und nicht korrekt ausgesprochen – verzichten Sie auf Korrekturen. Es reicht, wenn Sie die richtigen Bezeichnungen verwenden. Lustige Wortschöpfungen des Kindes bereiten grosses Vergnügen: die Tomate heisst «Mote», der Käfer «Ächer». Vielleicht nehmen Sie zur Erinnerung hin und wieder ein «Gespräch» auf Video auf?