Ein Jahr und vier Monate
In den meisten Familien gibt es immer wieder Probleme mit dem Einschlafen oder Durchschlafen des Kindes. Genau dann, wenn Eltern sich daran gewöhnt haben, dass ihr Kind friedlich ein- und durchschläft, ist es schon wieder vorbei mit der Ruhe.
Meist stehen Ein- und Durchschlafprobleme mit der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes in Zusammenhang. Kenntnisse dieser Phasen helfen, die Schwierigkeiten der kleinen Nachtruhestörerinnen und -störer besser zu verstehen und entsprechend darauf einzugehen.
Das zweite Lebensjahr des Kindes steht im Zeichen seiner zunehmenden Selbstständigkeit und der damit verbundenen Ablösung von den Eltern. Die wachsende Unabhängigkeit hat aber auch ihren Preis: Gefühle des Alleinseins, der Verlassenheit kommen auf. Ganz plötzlich können sie übermächtig werden, sodass sich das Kind immer wieder – vielleicht mitten im Spiel – versichern muss, dass der Vater, die Mutter oder eine Betreuungsperson da ist. Es liegt nahe, dass Kinder Verlassenheitsgefühle besonders dann erleben, wenn sie sich vor dem Einschlafen von den Eltern trennen müssen oder wenn sie in der Nacht aufwachen und alles ganz ruhig und dunkel ist.
Nicht nur Gefühle des Alleinseins und der Verlassenheit können Ihr Kind bedrücken, sondern auch das, was es den ganzen Tag an neuen Eindrücken aufnimmt. Es erlebt Dinge, die es nicht versteht, die es beschäftigen, vielleicht auch ängstigen. Diese Eindrücke wirken im Schlaf weiter, vielleicht träumt es davon und wacht dann auf.
All das können Sie nicht aus der Welt schaffen, es lässt sich nicht vermeiden. Wir Erwachsenen haben manchmal auch Mühe, einzuschlafen, auch wir wachen in der Nacht auf und finden den Schlaf nicht mehr, weil uns Probleme oder Erlebnisse beschäftigen. Im Laufe der Zeit entwickeln wir Strategien, wie wir unangenehme Minuten oder Stunden allein überbrücken können und den Schlaf finden. Kleine Kinder müssen erst lernen, sich selber zu beruhigen und allein (wieder) einzuschlafen. «Selbsthilfe» gelingt noch nicht immer und regelmässig wird deshalb die Nähe der Eltern verlangt.
Der Moment des Zubettgehens ist für Ihr Kind bedeutend. Weiterhin wichtig ist das Einschlafzeremoniell: ein Gutenachtlied, eine ruhige Geschichte, ein Gebet, ein zärtlicher Kuss und den Teddy, die Puppe oder das «Nuschi» im Arm. Das wohlbekannte und wiederkehrende Ritual hilft Ihrem Kind, sich im Tagesrhythmus zu orientieren und den Tag auf vertraute Weise abzuschliessen.
Schlafengehen ist für das Kind einfacher, wenn Sie ihm Zeit lassen, sich darauf vorzubereiten. Wird es mitten im Spiel unterbrochen und ins Bett gebracht, ist es meist zu aufgeregt, um gleich einzuschlafen. Es ist sinnvoll, jeden Abend möglichst den gleichen Ablauf einzuhalten: Nach dem Nachtessen ist zum Beispiel Spielzeit mit Mutter, Vater oder beiden. Danach ist es Zeit, das Pyjama anzuziehen. Anschliessend werden die Zähne geputzt, und zum Schluss folgt das Einschlafritual.
Auch wenn Sie in Eile oder müde sind oder noch etwas erledigen wollen: Geniessen Sie mit Ihrem Kind zusammen jeden Abend diese Minuten des Zubettgehens. Wenn Sie tagsüber Streit hatten, weil das Kind, Sie selbst oder auch beide zusammen schlechter Laune waren, ist es besonders wichtig, den Tag versöhnlich und in Ruhe zu beschliessen. Stecken Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter nie «zur Strafe» ins Bett. Schlafen gehen wird dann mit negativen Gefühlen besetzt.
Ist Ihre Tochter, Ihr Sohn den ganzen Tag fast ohne Pausen «auf Achse»? Solche Kinder sind am Abend oft besonders «aufgedreht» und haben Mühe, Ruhe zu finden. Versuchen Sie in diesem Fall, tagsüber mehr Entspannungspausen einzuplanen und eventuell auch das Zubettgehritual ausgedehnter zu gestalten. Verbringen Sie die Zeit vor dem Einschlafen zum Beispiel mit einem ruhigen Spiel oder schauen Sie gemeinsam ein Bilderbuch an.
Dies hilft dem Kind, die noch vorhandene Spannung abzubauen und sich vom Tagesgeschehen zu lösen. Vergessen Sie auch nicht, dass es Nahrungsmittel gibt, die anregend wirken, wie zum Beispiel Säfte und andere zuckerhaltige Getränke oder Lebensmittel. Wenn Ihr Kind Mühe mit Einschlafen hat, lohnt es sich, auf anregende Nahrungsmittel zu verzichten.
Einschlafen heisst Trennung, Abschied von Ihnen für einen Zeitraum, der für das Kind noch nicht fassbar ist. Kinder werden sich dieses Abschieds mit zunehmendem Alter immer mehr bewusst. Selbst wenn Ihrem Kind die Augen schon fast zufallen, protestiert es vielleicht lautstark gegen Ihr Weggehen. Eventuell ruft es noch lange oder immer wieder nach Ihnen, wenn es schon im Bett liegt. Geben Sie ihm Antwort, bestätigen Sie ihm, dass Sie da sind. Lassen Sie ausserhalb des Zimmers das Licht brennen, die Türe ein wenig offen. So spürt es, dass Sie in der Nähe sind und es nicht alleine ist.
Trotz Ihren Bemühungen beim Einschlafritual kann es Zeiten geben, in denen Ihr Kind nicht durchschläft. Das Aufwachen und Schreien in der Nacht sind in diesem Alter die verbreitetsten Probleme, mit denen Eltern zu tun haben. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe.
Es gibt Kinder, die aufwachen, hellwach sind und eine Spielstunde einlegen möchten – und dies um zwei Uhr morgens! Versuchen Sie in diesem Fall, die Nacht gar nicht erst zum Tag werden zu lassen. Tun Sie so viel wie nötig und so wenig wie möglich: Lassen Sie das Licht aus, spielen Sie nicht mit Ihrem Kind, sprechen Sie nur leise mit ihm. Vielleicht hilft auch ein einschläferndes Lied, eine beruhigende Melodie aus der Musikdose oder gar nur ein sanftes Streicheln ohne Worte.
Ein Grund für nächtliches Aufwachen könnte sein, dass sich der Schlafbedarf Ihres Kindes verändert hat: Vielleicht braucht es jetzt weniger Schlaf als noch vor ein paar Wochen. Mit einem Schlafprotokoll können Sie ermitteln, wie viel Ihr Kind insgesamt – über Tag und Nacht verteilt – schläft.
Wenn es nachts oft aufwacht, können Sie versuchen, den Mittagsschlaf zu kürzen oder es abends etwas später zu Bett zu bringen oder morgens etwas früher zu wecken. Solche Veränderungen der Zubettgehzeit, der Aufwachzeit am Morgen oder der Dauer des Mittagsschlafes können bei Schlafproblemen häufig Abhilfe schaffen. Veränderungen der Schlafenszeiten müssen in kleinen Zeitschritten erfolgen und ein bis zwei Wochen lang konsequent eingehalten werden. Nur so können sie die erwünschte Wirkung zeigen.
Zum Schlafen gehören Träume, sowohl die guten als auch die bösen. Ihr Kind ist inzwischen grösser und mobiler geworden und nimmt auf seinen täglichen Ausflügen immer mehr Eindrücke auf. Diese zu verarbeiten, ist nicht immer einfach, was sich auch auf den Schlaf auswirken kann. Albträume sind deshalb ein weiterer Grund für nächtliches Aufwachen. Ihr Kind wacht auf, weint und braucht Ihre Nähe. Auch hier gilt es, Ruhe zu bewahren, Verständnis und Sicherheit zu vermitteln: Nehmen Sie Ihr Kind in den Arm, geben Sie ihm Wärme und Geborgenheit. Bleiben Sie bei ihm, bis es sich beruhigt hat und den Schlaf wiederfindet.
Ein weiteres Schlafphänomen, das bereits im Kleinkindalter auftreten kann, ist der «Pavor nocturnus», auch Nachtschreck genannt. Dieser zeigt sich beim Kind typischerweise durch weit aufgerissene Augen, Verwirrung, Schwitzen, starkes Atmen und jagenden Puls. Das Kind kann nicht geweckt werden und alle Versuche, das schreiende und manchmal auch um sich schlagende Kind zu beruhigen, misslingen.
Der nächtliche «Spuk» ist in der Regel nach 10 bis 15 Minuten vorbei. Das Kind beruhigt sich und schläft wieder weiter. Am nächsten Morgen erinnert es sich nicht mehr daran. Was tun? Bleiben Sie in der Nähe Ihres Kindes, versuchen Sie, ruhig zu bleiben, und schützen Sie es vor Selbstverletzungen durch die momentane Unruhe. So beunruhigend dieses Phänomen erscheint – es ist meistens harmlos.
Jedes Kind sollte mit der Zeit lernen, ohne Unterstützung der Eltern einzuschlafen und sich beim nächtlichen Aufwachen selber zu beruhigen. Es lohnt sich, Mittel auszuprobieren, die diese Selbstständigkeit fördern. Legen Sie beispielsweise mehrere «Nuggis» immer griffbereit ins Bett oder lassen Sie ein kleines Nachtlicht brennen. Viele Kinder schlafen besser ein, wenn das Kinderzimmer in der Nähe des Wohnzimmers ist und sie die Eltern hören können. Trost, Sicherheit und Geborgenheit spenden auch das Lieblingsplüschtier oder ein «Nuschi».
Manche Kinder schlüpfen – sobald sie das Bett selber verlassen können – gerne nachts ins Elternbett. Dort fühlen sie sich geborgen und nicht mehr allein. Manche Eltern schlafen trotz nächtlichem Besuch ungestört weiter; das Elternbett wird zu einem «Familienbett». Andere wiederum ertragen es nicht, ein unruhiges Kind neben sich zu haben. Sie fühlen sich vielleicht eingeengt und unwohl. Wenn Sie Ihr Kind nachts nicht (mehrmals) in sein eigenes Bett zurücktragen möchten, empfiehlt es sich, eine zusätzliche Matratze neben das Elternbett zu legen. Viele Kinder schlafen so bestens; die Nähe zu Vater und Mutter genügt ihnen, auch wenn sie diese nicht hautnah spüren.
Wenn Sie zusammen mit Ihrem Kind etwas Neues ausprobieren, geben Sie ihm Zeit, sich an die neue Methode zu gewöhnen und probieren Sie diese zwei Wochen lang. Wenn Sie das Kind zum Beispiel eine Nacht neben sich auf eine Matratze legen und in der folgenden Nacht trotzdem wieder ins eigene Bett nehmen, wissen Sie nicht, ob das mit der Matratze klappen würde.
Sollten Sie keine Erklärung für die Schlafschwierigkeiten Ihres Kindes finden oder bewirken Ihre Massnahmen nach wiederholten Versuchen keine Änderung, so kann dies sehr belastend sein. Selbst die Nerven der verständnisvollsten und geduldigsten Väter und Mütter werden durch Schlafprobleme auf die Dauer strapaziert. Was Sie auch tun – nichts, aber auch gar nichts führt zum Ziel. Das Kind schläft nicht. Die Ohnmacht treibt Mütter und Väter manchmal zu Gefühlsausbrüchen, die sie sonst nicht kennen. Oft erschrecken Eltern dann über sich selbst.
Negative Gefühle dem Kind gegenüber sind in solchen Situationen normal und verständlich. Wenn Sie jedoch merken, dass Sie das Schlafverhalten Ihres Kindes überfordert, dass Sie an Ihre Grenzen geraten und Ihre Übermüdung zum Dauerzustand wird, ist es ganz wichtig, die Unterstützung einer Fachperson (Mütter- und Väterberaterin, Kinderarzt, Kinderärztin) in Anspruch zu nehmen.