Eltern werden
Von einem Moment auf den anderen sind Sie nun Vater oder Mutter – sich in dieser Rolle zurechtzufinden, kann und darf jedoch eine Weile dauern. Schrittweise werden Sie entdecken, was das Elternsein alles beinhaltet.
Durch die Geburt Ihres Kindes übernehmen Sie eine neue Rolle in Ihrem Leben: die Elternrolle. Bestimmt haben Sie sich während der Schwangerschaft immer wieder ausgemalt, wie es wohl sein wird, Eltern zu sein und ein Kind grosszuziehen. Vielleicht haben Sie sich bereits überlegt, wie Sie genannt werden wollen? Papi? Mami? Möchten Sie, dass Ihr Kind Sie mit Ihrem Vornamen anspricht?
Als Eltern lernt man ständig Neues und betrachtet die Welt stets wieder mit anderen Augen. Durch den gefesselten Blick Ihres Kindes auf ein buntes Windrad wird Ihnen vielleicht bewusst, wie faszinierend ein bisschen Farbe und Bewegung sein können. Sobald Ihr Kind Sie aus ganzem Herzen anstrahlt, bekommen Sie zu spüren, was uneingeschränkte Freude ist. Wenn es grösser ist, achten Sie plötzlich wieder auf die kleinen Details in Ihrer Umgebung, weil Ihr Kind zum Beispiel für ein leeres Schneckenhaus helle Begeisterung zeigt.
Das Elternsein bringt auch viele neue Aufgaben, Vorstellungen und Erwartungen mit sich. Ihr Alltag wird von nun an anders aussehen: Die täglichen Verrichtungen zu Hause drehen sich, zumindest anfänglich, weitgehend um das Kind. Gewisse Aktivitäten fallen vorübergehend weg, wie beispielsweise Ihre Hobbys oder – falls Sie beim Kind daheimbleiben – Ihre Erwerbstätigkeit. Neue Tätigkeiten, wie Wickeln, Ernähren oder Wiegen Ihres Babys, kommen hinzu.
Solche Veränderungen werden von vielen Eltern als sehr einschneidend wahrgenommen, vor allem wenn vorher eine volle Berufstätigkeit ausgeführt wurde und viele Freizeitaktivitäten den Tag füllten. Jetzt scheint alles rundherum stillzustehen. Vielleicht geniessen Sie es in vollen Zügen, dass Sie und Ihr Baby Ihren eigenen Rhythmus gemeinsam leben. Vielleicht fühlen Sie sich aber auch überrumpelt von diesem ungewohnten neuen Alltag, in welchem sich fast alles nur noch um die Bedürfnisse Ihres Kindes dreht.
Nehmen Sie sich Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen und auf den Rhythmus des Kleinen einzulassen. Nutzen Sie den Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, um sich mit der neuen Realität auseinanderzusetzen. Väter können selbst entscheiden, ob sie die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub gleich nach der Geburt oder später, am Stück oder aufgeteilt beziehen möchten. Je nach Bedürfnissen in der Familie können Sie entscheiden, wie Sie die Anfangszeit gestalten. Allenfalls besteht die Möglichkeit, falls das finanziell tragbar ist, dass der Vater (temporär) das Pensum reduziert oder zusätzlich unbezahlten Urlaub nimmt. Es ist eine Gelegenheit, herauszufinden, wie Sie die Elternrolle aufteilen und gestalten wollen, damit sich beide Elternteile wohlfühlen.
Bevor man Eltern wird, bestehen oft schon konkrete Ansichten, wie man als Vater und Mutter sein will oder sein soll. Kaum ein Rollenbild ist so stark sozial geprägt wie die Elternrolle. Vorstellungen und Erwartungen, wie eine Familie aussieht, was Eltern tun sollten und wie sie sich fühlen müssten, sind immer noch tief im gesellschaftlichen Denken verankert.
Liebevoll, geduldig, aufopfernd, fürsorglich und auf die Familie fokussiert sind Eigenschaften, die manchmal auch heute noch den Müttern zugeschrieben werden. Von Vätern wird hingegen erwartet, dass sie stark sind, sich um das Wohl ihrer Familie kümmern und diese finanziell versorgen.
Vielleicht treffen diese Eigenschaften aber nicht zu. Männer und Frauen entsprechen nicht zwangsläufig diesen oder jenen Rollen. Möglich ist, dass das Leben durch die Geburt eines Kindes einen völlig neuen Sinn und Inhalt bekommt, die Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen werden. Es kann aber auch sein, dass die neue Aufgabe nicht als so befriedigend erlebt wird, wie angenommen.
Das eigene Idealbild muss vielleicht überdacht und neugestaltet werden. Fragen Sie sich, welche Ansprüche Sie als Eltern an sich selbst haben. Was verstehen Sie unter einem «guten» Vater, einer «guten» Mutter? Sind diese Vorstellungen realistisch? Übernehmen Sie Erwartungen von anderen, die Sie gar nicht erfüllen möchten?
Versuchen Sie, Mutter und Vater als Menschen zu sehen, denen Ihre Aufgabe mal besser gelingt und mal weniger gut, die irren und lernen dürfen. Manchmal weiss man genau, was das Kind braucht und kann dies gut und gerne erfüllen, und manchmal ist man rat oder lustlos. Es hilft, sich offen mit anderen Eltern auszutauschen, um ein wahrheitsgetreues und vielfältiges Bild vom Elternsein zu erhalten.
Elternsein ist nur eine von vielen Seiten Ihrer Persönlichkeit: Sie bleiben weiterhin Individuum, Partnerin oder Partner, Sohn oder Tochter, Arbeitskraft und Freundin oder Freund. Auch die bisherigen Rollen dürfen und sollen irgendwann wieder Platz haben. Alles unter einen Hut zu bringen ist jedoch anspruchsvoll.
Lassen Sie sich nicht stressen. Nehmen Sie sich Zeit, um sich in die neue Lebenssituation einzuleben und Ansprüche eine Weile zurückzustellen. Nach und nach können und sollen Sie eigene Bedürfnisse und Bereiche wie Partnerschaft, Freunde, Hobbys und gegebenenfalls auch die Arbeit wieder vermehrt berücksichtigen. Das tut gut und schafft einen wichtigen Ausgleich zur Elternrolle.
Auf die Nachricht, dass es Zwillinge oder mehr Kinder werden, reagieren Eltern unterschiedlich. Das Spektrum reicht von freudiger Begeisterung bis zu sorgenvollen Gedanken. Genügen die eigenen Kräfte? Schafft man es, jedem Kind genug Aufmerksamkeit zu schenken, und ist es finanziell machbar? Solche Sorgen sind normal und verständlich. Gross ist meist die Freude, wenn dem mehrfachen Glück ein langersehnter Kinderwunsch vorausgegangen ist.
Für Eltern von Zwillingen oder Mehrlingen sind die Veränderungen oft noch intensiver. Jedes Kind hat unterschiedliche Bedürfnisse und selbst eineiige Geschwister entwickeln sich im eigenen Tempo. Zudem braucht vieles doppelt so lange Zeit. Bei mehreren Babys sind idealerweise von Anfang an beide Eltern und/oder andere Bezugspersonen involviert.
Ausser beim Stillen können auch andere die Rolle einer Hauptbezugsperson erfüllen und wunderschöne Bindungserfahrungen machen. Mit Unterstützung und Ideenreichtum werden Sie vieles meistern. Gewisse Situationen bleiben eine Herausforderung, weil Sie sich eingestehen müssen, dass Sie nur eins nach dem anderen erledigen können.