Eltern werden
Der Alltag mit einem Baby ist voller Überraschungen, und zwar nicht nur im Sinne des ersten Lächelns und ersten Drehens. Manchmal verbirgt sich das Unerwartete in einer plötzlich überlaufenden Windel, einem verschwundenen «Nuggi» oder einem unverhofft langen Mittagsschläfchen.
Vieles lässt sich nicht voraussehen mit einem Kind und die Fähigkeit, flexibel zu reagieren und zu improvisieren, ist immer wieder gefragt. Gleichzeitig lassen sich wichtige wiederkehrende Aufgaben doch organisieren. Ein gut geplanter Tag erleichtert die Alltagsroutine.
Struktur verschafft Überblick, Verbindlichkeit, Stabilität und bringt Entspannung und Freude für alle Beteiligten. Um Lust und Last gerecht zwischen den Partnern zu verteilen oder Alleinerziehende bei der Fülle der Aufgaben zu entlasten, braucht es klare Abmachungen, rechtzeitige Organisation und allgemeine Kompromissbereitschaft.
Haben Sie bereits besprochen, wer Ihnen unter die Arme greifen könnte oder wie Sie die Aufgaben untereinander aufteilen möchten? Wie sieht es momentan aus? Wie geht es nach dem Mutterschaftsurlaub weiter?
Reden Sie als Paar über die Rollen und Aufgabenverteilung. Tauschen Sie sich immer mal wieder über gegenseitige Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen aus, da sich die Anforderungen im Elternalltag ständig verändern. Betrachten Sie die Familie als ein gemeinsames Projekt, nicht als Aufgabe eines Einzelnen, der dem anderen «den Rücken freihält».
Der Austausch untereinander zeigt Ihnen vielleicht Aufgaben des Partners, der Partnerin auf, welche Sie bisher gar nicht wahrgenommen haben. So tauchen allenfalls neue Ideen auf, wie Sie sich gegenseitig entlasten und den Alltag als Familie so gestalten könnten, dass möglichst viele Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden.
Als alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater lastet die ganze Verantwortung auf Ihnen. Das ist viel für jemand alleine. Wer kann Ihnen Aufgaben abnehmen? Haben Sie Freunde oder Verwandte, die helfen würden? Fragen Sie bei Ihrer Mütter- und Väterberaterin nach, welche Unterstützungsangebote es in Ihrer Nähe gibt.
Zu den üblichen Aufgaben, wie kochen oder aufräumen, kommen nun sehr viele weitere dazu, von «Nuggis» sterilisieren, über Wickeltasche packen bis zum Windeleimer leeren. Was diese neuen Aufgaben sind, ist im Vorhinein oft schwer abzuschätzen und zeigt sich erst mit der Zeit. Man weiss gar nicht recht, welche Verrichtungen man untereinander aufteilen oder anderen abgeben könnte.
Hilfreich ist, sich diese täglichen Aufgaben bewusst zu machen, auch wenn sie noch so unbedeutend oder selbstverständlich erscheinen mögen. Oft können bereits Kleinigkeiten entlasten, beispielsweise, wenn man nicht selber die Einkaufsliste erstellen oder Platz im Tiefkühler schaffen muss. Um sich einen Überblick über die Fülle an Aufgaben zu verschaffen und sich gegebenenfalls neu zu organisieren, hilft die Liste mit Einblick in Alltagsaufgaben zum runterladen und ausdrucken.
Es gibt verschiedene Modelle, wie Erwerbstätigkeit und Familienarbeit aufgeteilt werden: Beide Eltern sind berufstätig, jemand widmet sich ganz der Familienarbeit oder es gibt eine Mischung von Voll- oder Teilzeit. Nicht alle können sich ihre bevorzugte Variante aussuchen; zum Teil bestimmen äussere Gegebenheiten, welche Form gewählt werden muss.
Ob berufstätig oder nicht, Sie werden Leuten begegnen, die Ihnen die wohlverdiente Achtung entgegenbringen für das, was Sie leisten. Unweigerlich werden Sie aber auch auf Leute treffen, die nicht verstehen, weshalb Sie das eine oder andere Familienmodell leben. Das Umfeld akzeptiert Ihren Lebensentwurf am besten, wenn Sie unbeirrt, ohne sich zu rechtfertigen, freundlich, konsequent und selbstbewusst Ihren Weg gehen.
Erwerbstätige Eltern befinden sich oft in einem Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie. Verschiedene Welten müssen miteinander vereint werden und dies verlangt eine besonders sorgfältige und regelmässige Organisation und viel Energie.
Zudem kommt es vor, dass sich in einer Beziehung die Partner gegenseitig in ihrem Erfolgsdrang verstärken und sich so zusätzlich vom Erwartungsdruck der Öffentlichkeit beeinflussen lassen. Entziehen Sie sich dem sozialen Druck, indem Sie nicht überall dabei sind, nicht darauf achten, was andere über Sie sagen, und überlieferte Rollenmuster und -erwartungen auch mal ignorieren. Klar, das ist einfacher gesagt als getan, doch ein Versuch lohnt sich.
Kinder finden viele verschiedene Familienmodelle in Ordnung, egal ob beide Eltern arbeiten, ob nur ein Elternteil da ist, ob andere Leute im gleichen Haushalt leben und mithelfen und so weiter. Sie sind mit den gegebenen Umständen zufrieden, vorausgesetzt, dass sowohl die ergänzende Familienbetreuung als auch die elterliche Zuwendung zuverlässig, liebevoll und sicher ist. Am allerwichtigsten ist ihnen, Eltern zu haben, die sich in ihrer Rolle wohlfühlen und zufrieden sind.
Bleibt ein Elternteil ganzzeitlich zu Hause, stösst man möglicherweise ebenfalls auf gesellschaftliche Vorstellungen, welche die Situation erschweren. In unserem Kulturkreis erhalten Tätigkeiten, welche nach aussen sichtbar sind – wie zum Beispiel die Arbeit im Büro – oft mehr Wertschätzung als Familienarbeit. Wenn sich derjenige Elternteil, welcher vermehrt «unsichtbare» Leistungen übernimmt, weniger geschätzt und anerkannt fühlt, kann dies zu Unzufriedenheit und Streitigkeiten führen.
Familienarbeit und die berufliche Tätigkeit sind aber als gleichwertig zu betrachten; beide Bereiche stellen eine Leistung dar und sind notwendig. Entscheidend ist, dass jede Tätigkeit anerkannt wird, denn die Leistung des einen kann nur aufgrund der Leistung des anderen erbracht werden.
Bestimmt hat das Wort Familie für Sie in letzter Zeit eine neue Bedeutung erhalten. Wahrscheinlich war gefühlsmässig und bis vor kurzem Ihre Familie in erster Linie die Herkunftsfamilie, in welcher Sie selber Tochter oder Sohn sind. Nun haben Sie einen eigenen Sohn, eine eigene Tochter und somit eine neue Familie gegründet.
Diese Veränderung bringt bislang unbekannte Empfindungen und ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl mit sich. Gleichzeitig fliessen Erfahrungen aus Ihrer eigenen Kindheit in diese neue Familie mit ein. Wie sind Ihre Eltern miteinander umgegangen? Welchen Erziehungsstil haben sie ausgeübt? Wie war das Zusammenleben mit den Geschwistern? Was für familiäre Ereignisse haben Sie in Ihrer Kindheit erlebt? Vor allem die Erfahrungen der ersten Lebensjahre prägen eine Person am stärksten.
Die Beziehungserfahrungen, welche mit den eigenen Eltern gemacht wurden, beeinflussen das Verhalten gegenüber anderen Menschen grundlegend. Somit haben die persönlichen Erfahrungen auch Einfluss auf den Umgang mit dem eigenen Baby: Sie wirken sich auf unser Verhalten als Eltern aus, wie wir sein wollen, was wir für normal halten und welche Ansprüche wir an uns und unsere Kinder stellen. Zum Beispiel äussert sich dies darin, wie viel Zärtlichkeit, Nähe und Fürsorge wir für notwendig halten, und wie viel Verantwortung man den Kindern abnehmen oder wie viel man ihnen zumuten will.
Die Geburt eines eigenen Kindes bringt bei Eltern oft vergessene Erinnerungen an die eigene Kindheit hervor, was häufig sehr emotional erlebt wird. Erinnern sich Eltern an schöne Zeiten, kann dies sehr erfreulich sein. Gleichzeitig kann es aber auch als belastend erlebt werden, wenn schwierige Kindheitserfahrungen wieder hochkommen.
Gerade Eltern, die schlechte Erfahrungen in der Kindheit gemacht haben, ist es oft ein Anliegen, es bei den eigenen Kindern besser zu machen. Das gelingt bis zu einem gewissen Grad, doch vor allem in Stresssituationen fällt man leicht in alte Erlebens- und Verhaltensmuster zurück. Festgefahrene Muster zu durchbrechen und sich anders zu verhalten, ist anspruchsvoll.
Ob bei schwierigen Erfahrungen oder generell – sich über eigene Beziehungserfahrungen bewusst zu werden, ist ein erster hilfreicher Schritt. Überlegen Sie sich, wie Sie die Beziehung zu Ihrem Vater, Ihrer Mutter erlebt haben. Mit welchen Worten würden Sie diese Beziehung beschreiben? Wie sind Ihre Eltern mit Ihnen umgegangen? Haben Sie etwas besonders geschätzt? Was haben Sie als schwierig empfunden? Welche Umgangsformen bestehen noch heute?
Fühlen Sie sich mit Ihrer eigenen Geschichte überfordert und spüren Sie diese Belastung durch die Geburt Ihres Kindes vermehrt, empfehlen wir Ihnen (professionelle) Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Pro Juventute Elternberatung steht Ihnen 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen pro Woche zur Verfügung: Tel. 058 261 61 61 oder online.
Der Übergang vom Paar zur Familie ist für werdende Eltern ein wichtiger Entwicklungsschritt. Sie werden lernen und lehren, sich mal irren und mal recht behalten, Erfolge feiern und Misslungenes akzeptieren. Am leichtesten geht dies, wenn Sie realistisch, flexibel und kompromissbereit bleiben.
Und verlieren Sie nicht den Humor! Er ist ein wichtiger Begleiter beim Abenteuer «Familiengründung» und rettet über manch anspruchsvollen Moment hinweg. Neben all den kleinen und grossen Herausforderungen werden Sie immer wieder Momente der Glückseligkeit erleben, die den Aufwand lohnenswert machen.