4. Monat
Die Tage mit Ihrem Baby sind manchmal sehr anstrengend. Entsprechend tauchen unterschiedliche Gefühle auf – bis hin zu einem Stimmungstief oder einer postnatalen Depression. Beruhigend zu wissen, dass sich fast alle Mütter in ihrer Rolle erst einmal zurechtfinden müssen.
Am Morgen, wenn Sie aufstehen, sehen Sie vielleicht noch die Pfannen vom gestrigen Abendessen auf dem Herd, die noch abgewaschen werden müssen. Eigentlich möchten Sie jetzt aber zuerst eine Tasse Kaffee trinken und einen Blick in die Zeitung werfen.
Der Kaffee ist aufgebrüht, da klingelt das Telefon. Durch das Läuten ist auch Ihr Kind wach geworden und schreit nach Ihnen. Es hat Hunger, und die Windeln müssen gewechselt werden. Eine halbe Stunde später kommt Ihnen in den Sinn, dass das schmutzige Geschirr immer noch herumsteht und der Kaffee inzwischen kalt ist.
Wenn Sie dann trotzdem noch dazu kommen, sich kurz hinzusetzen, um die Zeitung zu lesen, läutet es bestimmt an der Haustür. Gleichzeitig verlangt Ihre Tochter oder Ihr Sohn erneut lautstark nach Ihnen. Diesmal ist Unterhaltung gefragt: Herumtragen, Kuscheln, Schmusen, Plaudern – das tut beiden gut, braucht aber wiederum viel Zeit. Was gibt es heute sonst noch zu tun?
Spaziergang und Einkaufen lassen sich miteinander verbinden, und in der Zwischenzeit könnte die Waschmaschine auch noch ihren Dienst tun. Also schnell unter die Dusche und los, denn schon bald wird es wieder Zeit für die nächste Babymahlzeit und frische Windeln. Oh, die Zeitungen müssten auch noch gebündelt werden, das Geschirr steht immer noch ungewaschen in der Küche. Und was soll es heute zum Abendessen geben? Einfach etwas, das schnell geht.
Geht es Ihnen zurzeit auch oft so? Vermutlich ist Ihr Tag in unzählige kleine Handlungen und Gedanken zerstückelt. Am Abend sind Sie dann unter Umständen fix und fertig und wissen gar nicht so recht warum. Haben Sie sich das Leben als Mutter so vorgestellt?
Die meisten Frauen haben heute eine abgeschlossene Berufsausbildung und sind mehrere Jahre berufstätig, bevor ihr erstes Kind zur Welt kommt. Für viele bedeutet daher der (zeitweise) Wechsel vom Arbeitsplatz zum Wickeltisch eine einschneidende Veränderung.
Stillen, Windeln wechseln, das weinende Baby beruhigen, sein Bäuchlein massieren, mit kleinen Händen und Füssen spielen, Lieder singen, trösten, in den Schlaf wiegen, dazwischen einkaufen, putzen, Wäsche waschen, kochen und so weiter: Diese Handlungen bestimmen jetzt den Alltag zu Hause. Manchmal macht dieser neue Alltag Freude, manchmal auch nicht.
Mutter sein bedeutet nicht nur pures Glück, sondern kann von widersprüchlichen Gefühlen begleitet sein. Viele Frauen denken aber, sie müssten jederzeit dem Bild der strahlenden, ausgeglichenen und belastbaren Mutter entsprechen, das in unserer Gesellschaft immer noch als Klischee der «glücklichen Mutter» existiert. Gelingt ihnen dies nicht, stellen sich Schuldgefühle ein.
Vielleicht meinen Sie, alle anderen Frauen würden mit dem Kleinkind und der Hausarbeit mühelos zurechtkommen, nur Sie schafften es nicht? Oft getrauen sich Mütter deswegen nicht, über die Schattenseiten in ihrem neuen Leben mit einem Kind zu sprechen. Dabei wäre es so wichtig, sich über diese Veränderungen mit dem Partner, mit einer Freundin oder mit anderen Müttern und Vätern auszutauschen.
Wenn Sie sich zu Hause mit Ihrem Baby einsam fühlen, lohnt es sich, aktiv den Kontakt zu anderen jungen Eltern zu suchen. Falls es in Ihrer Nachbarschaft oder in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis (noch) keine Familien mit kleinen Kindern gibt, bieten sich viele andere Möglichkeiten, Eltern mit Babys kennenzulernen, zum Beispiel in Eltern-Kind-Gruppen, Stillgruppen, Krabbelgruppen oder Baby-Massage-Kursen.
Eltern von Kindern mit einer Beeinträchtigung haben auch die Möglichkeit, an Elterntreffs von spezifischen Elternorganisationen teilzunehmen. Informationen dazu gibt es bei Insieme sowie der Konferenz der Vereinigungen von Eltern behinderter Kinder (KVEB). Das Elternsofa von Insieme ermöglicht Müttern oder Vätern von Kindern mit einer kognitiven Beeinträchtigung, andere Eltern in ähnlichen Situationen zu suchen und mit ihnen in Kontakt zu treten.
Bei diesem grossen Angebot besteht allerdings auch ein wenig die Gefahr, dass man sich zu viel vornimmt und zu viel Zeit verplant. Informieren Sie sich bei Ihrer Mütterberatungsstelle über das Angebot an Kursen und Eltern-Kind-Gruppen und wählen Sie daraus aus, was Ihnen persönlich am meisten zusagt.
Ist Ihnen bewusst, dass Sie als Familienfrau einen 24-Stunden-Job ausüben? Pausen und Freizeit sind normalerweise in einem Arbeitsverhältnis klar geregelt. Sie müssen sich diese Erholung selbst zugestehen und organisieren. Setzen Sie also ganz bewusst Prioritäten. Vielleicht hilft es Ihnen auch, am Vorabend eine Liste zu machen, was am nächsten Tag erledigt sein muss – oder eben auch nicht unbedingt.
Planen Sie bei dieser Auflistung auch Freiräume für sich ein, in denen Sie neue Energie tanken können. Vielleicht braucht es dazu weitere Personen, die in dieser Zeit Ihr Kind betreuen. Sagen Sie Ihrem Partner, Ihren Freunden, Ihren Eltern oder sonst einer vertrauten Person, was Ihnen guttut, und lassen Sie sich auch einmal verwöhnen und umsorgen.
Im Grunde genommen sind Mütter niemals so leistungsfähig wie während der Stillzeit. Die Hormone, die beim Stillen ausgeschüttet werden, sind zugleich Anti-Stress-Hormone, die Müttern unter anderem helfen, das Stillen ruhig und gelassen anzugehen. Es kann aber durchaus sein, dass es mit dem Stillen nicht immer gleich gut läuft.
Stillen erfordert viel Energie, und es ist möglich, dass Sie aus Erschöpfung plötzlich nicht mehr stillen mögen. Müdigkeit kann dazu führen, dass sich der Milchfluss reduziert und Sie den Eindruck haben, die Milch reiche nicht mehr aus. Immer wieder haben Kinder auch einen Wachstumsschub und damit ein grösseres Nahrungsbedürfnis. Solche Schwierigkeiten können sich wieder einpendeln. Damit das Stillen weiterhin gelingt, brauchen Sie Entlastung und Ruhe.
Es kann aber auch sein, dass Sie das Stillen eigentlich reduzieren wollen und nach Wegen suchen, wie Sie dies angehen könnten. Vielleicht steht die eine oder andere Mutter unter einem diffusen Druck, weiterhin stillen zu müssen, obwohl sie eigentlich aufhören möchte.
Was auch immer der Grund für Ihre Stillkrise ist, suchen Sie das Gespräch mit einer Fachfrau für Stillfragen, damit Sie mit ihr zusammen eine individuelle Lösung finden können.
Ein kleines Kind erfordert eine Dauerpräsenz, die nur wenig Spielraum für eigene Erholung bietet. Das kann dazu führen, dass Sie sich zunehmend erschöpft, ausgepumpt und elend fühlen. Wenn die körperlichen und seelischen Kräfte aus dem Gleichgewicht geraten, kann das zu Erschöpfungszuständen oder gar zur Erschöpfungsdepression führen.
Gereiztheit, Überforderung und Niedergeschlagenheit sind vorherrschende Gefühle. Dazu kommen Anzeichen wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Passivität, Herzklopfen, Schwindel, Interesselosigkeit, innere Abwehr gegen das Stillen oder widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Kind.
Die Angst, Kinderbetreuung und Haushaltsführung und gegebenenfalls im nächsten Monat die Rückkehr ins Erwerbsleben nicht zu schaffen, kann quälend und vorherrschend werden. Das kann jede Frau treffen. Sie sollten deswegen keine Versagens- oder Schuldgefühle aufkommen lassen, sondern als Erstes nach Entlastungsmöglichkeiten suchen. Wer kann Sie unterstützen, Ihnen Arbeit und Verantwortung abnehmen, Ihnen kleine Auszeiten im Alltag ermöglichen?
Bringen diese Entlastungen nicht das gewünschte seelische Gleichgewicht zurück, so zögern Sie nicht, das Gespräch mit einer Fachperson (Mütterberaterin, Ärztin, Arzt) zu suchen. Sie wird Ihnen mit viel Verständnis für Ihre Situation begegnen.
Sollten Sie nicht mehr aus Ihrem Stimmungstief herausfinden, leiden Sie möglicherweise unter einer Postpartalen Depression. Entgegen der landläufigen Meinung kann diese Art der Depression auch erst einige Monate nach der Geburt oder sogar nach einem Jahr auftreten. Im Elternbrief «Eltern werden» haben wir dieses Thema schon einmal aufgegriffen.
Fühlen Sie sich seit einiger Zeit traurig, erschöpft, antriebslos, innerlich leer? Können Sie sich nicht mehr freuen? Quälen Sie Ängste um Ihr Kind, reagieren Sie aus unerfindlichen Gründen panisch? Belastet Sie die ungewohnte Verantwortung, fühlen Sie sich ständig überfordert? Leiden Sie unter Schlafproblemen? Plagen Sie unerklärliche Schuldgefühle? Können Sie sich nicht konzentrieren? Verspüren Sie eine Abneigung gegen Berührungen und Zärtlichkeiten?
Oft treten bei einer Postpartalen Depression auch psychosomatische Beschwerden auf: Schwindel, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Verdauungsstörungen, Magenschmerzen, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, Übelkeit, Hitzewallungen oder Benommenheit sind mögliche Begleitsymptome.
Wichtig ist, dass Sie Ihre Stimmungslage und Ihre Gefühle ernst nehmen und sich rechtzeitig Hilfe holen. Vertrauen Sie sich Ihrem Partner, Ihrer Familie an und versuchen Sie nicht, eine heile Welt vorzuspielen. Eine Postpartale Depression lässt sich heilen, doch oft braucht es dazu professionelle Unterstützung. Zögern Sie nicht, diese Hilfe auch anzunehmen.
Die Grundversicherung übernimmt die Kosten für Therapien bei einer Psychiaterin, einem Psychiater oder – wenn ein Psychiater Sie überweist – bei einem psychologischen Psychotherapeuten. Haben Sie eine entsprechende Zusatzversicherung, dann übernimmt die Kasse allenfalls auch einen Anteil der Kosten dieser psychologischen Psychotherapie, ohne dass es über eine Psychiaterin laufen muss.
Alle Kantone verfügen über Listen von Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten und Verbänden von Psychologinnen und Psychologen. Ein Verzeichnis der eidgenössisch anerkannten Psychotherapeutinnen und -therapeuten finde Sie hier.
Fehlt Ihnen die Energie, selber etwas zu verändern, sollten Sie Ihren Partner oder eine andere Ihnen nahestehende Person bitten, Fachleute zu kontaktieren, damit Sie rasch professionelle Hilfe erhalten.
Oft helfen auch Gespräche unter «Gleichgesinnten». Es tut wohl zu spüren, dass es Frauen gibt, die genau wissen, wovon die Rede ist. Vor allem wenn das eigene Umfeld mit Unverständnis reagiert, hilft es, wenn andere zuhören und Verständnis für die eigene Situation aufbringen. Vielfach fällt der Besuch einer Selbsthilfegruppe leichter als der Gang zu einer Psychologin oder einem Psychiater.
Bei der Stiftung Selbsthilfe Schweiz finden Sie viele verschiedene bestehende Gruppen. Sich einzugestehen, dass das Muttersein nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, braucht Mut – zu tief sitzt oftmals eine falsche Scham. Erkundigen Sie sich, ob es in der Nähe Ihres Wohnortes ein Angebot gibt und probieren Sie aus, ob Ihnen ein Austausch in einer Selbsthilfegruppe entspricht und weiterhilft.
Es sind schon ein paar Monate vergangen, seit Ihr Kind auf die Welt gekommen ist. Wie verlief damals die Geburt? War es – trotz der Schmerzen – ein stimmiges Erlebnis? Oder war es schwierig, weil die Geburt nicht so verlief, wie Sie es sich gewünscht haben? Gab es Komplikationen? Kam das Kind zu früh auf die Welt?
Es kommt vor, dass Mütter die Geburt oder die erste Zeit danach, erst im Rückblick als sehr belastend oder gar traumatisch erleben. Häufig tauchen diese Gefühle später auf, da man in der ersten Zeit einfach «funktioniert» hat. Das muss noch nicht bedeuten, dass es sich um eine postnatale Depression handelt. Dennoch ist es wichtig, sich mit solchen Belastungen auseinanderzusetzen und zu wissen, dass man damit nicht allein ist. Auch hier gilt: Mit Fachpersonen oder anderen betroffenen Müttern darüber zu sprechen, kann helfen, schwierige Erlebnisse zu verarbeiten.