Fünf Jahre
Mit dem Tod tauchen für Kinder viele Fragen auf. Diese gilt es kindgerecht zu beantworten und das Kind im Trauerprozess zu begleiten.
«Warum bin ich auf der Welt? Was heisst ‹tot›? Wie riecht Blau?»
Kinder stellen Fragen, und je älter die Töchter und Söhne werden, desto mehr regen ihre Fragen zum Nachdenken, zum Darüber-Reden, zum Philosophieren an. Oft sind die Themen komplex und passende Antworten zu geben, ist nicht immer kinderleicht.
Plötzlich steht eine dieser «schwierigen» Fragen im Raum. Unabhängig davon, ob Sie sich zum Thema Tod oder zu etwas anderem äussern sollen, denken Sie vor einer Antwort kurz darüber nach, was Ihr Kind wohl hören möchte: Eine sachliche Auskunft? Eine beruhigende Antwort? Mit Ihnen gemeinsam und laut über ein Thema nachdenken, das es beschäftigt?
Will es sachlich informiert werden? Dann lautet die Antwort kurz und konkret: «Ja, alle Lebewesen sterben!» Kinder sind nicht an einer theoretischen Abhandlung interessiert. Sie möchten bloss wissen, was Mutter und Vater zu diesem oder jenem Problem meinen – ohne ins Detail zu gehen. Wollen Kinder mehr wissen, fragen sie meist automatisch weiter.
«Warum fragst du?» Nachfragen gibt Aufschluss darüber, ob hinter der Frage ein konkretes Erlebnis steckt. Womöglich hat das Kind Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren? Dann soll die Antwort diese Angst ernst nehmen. «Ja, alle sterben mal, aber ich will noch lange bei dir sein! Und wenn ich nicht mehr da bin, wer könnte dann für dich da sein?» Gespräche dieser Art, begleitet von einer Umarmung, lassen Ihr Kind wissen, besser noch fühlen, dass immer jemand da sein wird, der für es sorgt.
Manchmal geht es Kindern aber auch um den Sinn, um das «Wozu». Mit einer Rückfrage wie: «Ja, warum muss das wohl so sein? Was denkst du?» wird eine kleine philosophische Sinnsuche gestartet. Nicht selten mit erstaunlichen Ergebnissen wie zum Beispiel «Ich glaube, weil es sonst keinen Platz mehr hätte auf der Erde …».
«Meine Tante hat mir nach dem Tod meiner Grossmutter erzählt, der Himmel habe lauter Gucklöcher. Durch eines schaue sie jetzt auf uns runter. Diese neue Bedeutung der Sterne hat mir sehr geholfen in der ersten Zeit der Trauer.»
Marianne, damals 6
Früher oder später begegnet jedes Kind dem Tod. Es findet einen leblosen Vogel auf der Strasse, erlebt, dass die heissgeliebte Katze, der treue Hundefreund, das stets fröhlich quieksende Meerschweinchen stirbt. Oder dass liebe Familienangehörige, Freunde oder Bekannte unerwartet sterben, einer Krankheit erliegen und plötzlich nicht mehr da sind.
Sterben und Tod hatten einst mehr Platz im Alltag der Menschen. Früher begegneten Kinder dem Tod im Familienkreis, in der Gemeinschaft des Dorfes. Auf natürliche Weise nahmen sie teil daran und Rituale halfen bei der Bewältigung der traurigen Ereignisse. Heute stehen Erwachsene der Vergänglichkeit des Lebens und den Fragen der Kinder dazu manchmal rat- und hilflos gegenüber. Die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Tod gehört aber zur kindlichen Entwicklung. Schritt für Schritt lernt das Kind, das Leben mit allen Freuden, aber auch mit allem Schmerz zu verstehen.
Der Tod des heissgeliebten «Katerli» ist für das Kind vielleicht die erste tiefe Begegnung mit so wichtigen Lebensereignissen wie Verlust und Trennung, mit Ohnmacht, Schmerz und Abschied. Auf diese Erfahrung reagiert es mit Trauer, eventuell mit Wut. Verzweifelt fragt es sich: Warum ist die Katze einfach weggegangen?
Wahrscheinlich sind Sie selber auch traurig. Zeigen Sie dem Kind offen, dass Ihnen das Tier fehlt und ersetzen Sie das tote Haustier nicht allzu schnell durch ein anderes. Kinder haben ein Recht auf ihre Trauer und ihre Verzweiflung und brauchen ihre Zeit, damit fertigzuwerden. Zudem sollen Kinder lernen, dass jedes Lebewesen etwas Eigenständiges ist und nicht einfach ausgetauscht werden kann.
Nehmen Sie Ihr Kind in den Arm, wenn es dies braucht, und gestalten Sie gemeinsam ein Abschiedsritual. Genauso wie das Beerdigungszeremoniell beim Tod eines Menschen ist dies ein erster Schritt zur Verarbeitung des Erlebnisses.
Sollen Kinder den Verstorbenen oder die Verstorbene nochmals sehen? An der Beerdigung teilnehmen? Versuchen Sie herauszuspüren, was für das Kind wichtig ist. Sie als Eltern kennen Ihr Kind am besten und können entscheiden, ob eine Teilnahme sinnvoll wäre oder ob ein anderes Abschiedsritual eher seinen Bedürfnissen entspricht. Auch wenn es weh tut, oftmals fällt das Loslassen leichter, wenn Ihre Tochter, Ihr Sohn den Prozess des Abschiednehmens miterlebt hat.
Trauer von Kindern fernzuhalten, ist ein Schutzmechanismus, der sich bei vielen Erwachsene zeigt. Verständlich, dass man Kinder den Schmerz ersparen möchte, den man selber erlebt und möglicherweise als schier unerträglich wahrnimmt. Doch um einen Verlust zu verarbeiten, muss das Kind trauern und fragen dürfen. Je näher und unmittelbarer ein Todesverlust eine Familie trifft, umso wichtiger ist das gemeinsame Bewältigen dieses Schicksalsschlags.
«Weisst du noch, wie Grossvater dich immer auf den Schoss genommen und dir Geschichten erzählt hat?» Zurückdenken, gemeinsam austauschen, Kerzen anzünden, ein Erinnerungsbuch führen, kleben und malen, eine Pflanze, einen Baum setzen, das Grab besuchen oder gar pflegen sind Möglichkeiten, den Verlust eines Menschen langsam zu bewältigen.
Bei vielen Fragen spielt es eine Rolle, welcher Weltanschauung oder Religion Sie sich verbunden fühlen. Geben Sie mit einem «Ich glaube, dass …» Ihre Haltung, Ihre Werte an die Kinder weiter. Rituale wie Gebete, Meditationen, Lieder oder philosophische Bettrandgespräche vermitteln Orientierung und dienen dazu, dass sich Ihr Kind sicher und geborgen fühlt.
Lassen Sie stets Platz für kindliche Meinungen und Gedanken und erklären Sie Ihren Kindern, dass Menschen über gewisse Fragen unterschiedlich denken. Eine Erziehung zur Offenheit gegenüber Anderem und Anderen ist für das Zusammenleben wichtig. Ihr Kind begegnet schon früh Menschen aus den verschiedensten Kulturen und als Gesellschaft sind wir auf gegenseitige Aufgeschlossenheit und Toleranz angewiesen.
«Wohin geht die Flamme, wenn ich eine Kerze ausblase?» Manchmal sind kindliche Fragen anstrengend, vielleicht stören sie gerade die eigenen Gedanken oder eine Diskussion unter Erwachsenen. Ein Kind versteht durchaus, dass man nicht immer Zeit für seine Fragen haben kann. Vertrösten Sie es: «Wir besprechen das nach dem Abendessen, dann habe ich Zeit dafür.» Vergessen Sie die versprochene Antwort aber nicht. Wenn Sie die Anliegen Ihres Kindes respektieren, wird es seinerseits Ihre Wünsche nach Ruhe ernst nehmen.
«Warum ist es nachts dunkel?» Erwachsene neigen dazu, nach dem «Weshalb» zu suchen und antworten deshalb mit: «Weil die Erde sich einmal im Tag um sich selber dreht und die Sonne nur die ihr zugewandte Hälfte der Welt erreicht.» Es geht um die Ursache, weshalb etwas so und so ist. Kindern ist es meist viel wichtiger, das «Wozu» zu erfahren und den Sinn des Ganzen zu begreifen: «Aha, es ist nachts dunkel, damit wir alle schlafen können.»
«Warum können Flugzeuge fliegen?» Seien Sie ehrlich, wenn Sie selber unsicher sind oder etwas nicht wissen. Manchmal braucht es auch etwas Bedenkzeit. Und nicht zuletzt können Sie gemeinsam Nachforschungen anstellen, im Internet suchen oder ihr Kind weiterverweisen: «Das müssen wir Tante Beatrice fragen, die versteht das besser!»
Auf diese Weise lernen Kinder, dass auch Erwachsene nicht einfach alles sofort wissen, man aber ganz viel irgendwo nachfragen oder nachlesen kann.
Ja warum eigentlich? Immer wieder brauchen Kinder die Chance, selber auf ihre Fragen zu antworten. Rückfragen wie: «Was würde passieren, wenn es keine Schienen hätte?» lässt sie auch beim Denken «selber machen»! Nicht nur beim Klettern, auch beim Philosophieren darf ihnen etwas zugetraut werden. Oft verblüffen kindliche Erklärungen oder bringen zum Schmunzeln. Oder wussten Sie, wozu alle Menschen einen Bauchnabel haben? Na, damit wir wissen, wo die Mitte ist!
Staunen Sie, über Denkvorgänge und freuen Sie sich über Lernfortschritte.