Ein Jahr und zehn Monate
Kinder haben ein anderes Tempo und sehen die Welt mit anderen Augen als Erwachsene. Überall entdecken sie neue Schätze, die sie gerne auch sammeln.
Gemeinsame Spaziergänge werden in den meisten Familien gern gemacht, vor allem an den Wochenenden. Sicher haben Sie dabei schon festgestellt, dass kleine Kinder – gemessen an unserem Tempo – sehr langsam sind. Wir Erwachsenen setzen uns mit Vorliebe ein Ziel, wir nehmen uns etwas vor, wir möchten etwas erreichen.
Kinder leben ausschliesslich im Moment und nicht auf ein Ziel hin. Kaum sind sie draussen, bleiben sie stehen und werfen eine gefühlte Ewigkeit lang Steinchen in eine Pfütze. Eine solche Aktion stellt eine Geduldsprobe für Mütter und Väter dar, die gerne weitergehen möchten! Lassen Sie sich hin und wieder vom Tempo des Kindes leiten. Auch wenn Sie in zwei Stunden nur hundert Meter weit kommen, vielleicht erleben Sie zusammen mit Ihrem Kind viel Neues. Versuchen Sie, die Welt mit den Augen Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter zu sehen. So wird Ihnen wahrscheinlich die Zeit gar nicht mehr so lang vorkommen.
Einem Kind in diesem Alter müssen Sie nichts Besonderes bieten. Das Beste, was Sie ihm schenken können, sind Zeit und Interesse. Kleine Ausflüge machen grosse Freude: Vielleicht gibt es in der Nähe einen Ort mit Stöcken und Zweigen, die es hinter sich herziehen kann, oder Steine zum Spielen? Eine Feuerstelle lockt zum Bräteln, im weichen Waldboden kann ein Loch gegraben werden. Die frisch gemähte Wiese nebenan bietet dem Kind Gelegenheit, sich auszutoben. Betrachten Sie mit ihm den kleinen Vogel, der in einer Wasserlache badet, die Schnecke, die über den Weg kriecht und eine Schleimspur hinterlässt, oder die Regentropfen, die auf Blättern hängen bleiben.
Kinder verweilen andächtig. Sie haben die Fähigkeit, all die Wunder der Natur viel bewusster wahrzunehmen als wir Erwachsenen. Lassen Sie Ihrem Kind viel Raum dafür und nehmen auch Sie sich Zeit für diese wundervollen Entdeckungen. Die kleinen gemeinsamen Erlebnisse sind sehr wertvoll, denn sie prägen sich in der Erinnerung ein.
Gehört Ihre Tochter oder Ihr Sohn schon zu den Sammlerinnen oder Sammlern? Falls es noch nicht so weit ist, die Zeit der grossen und kleinen Schätze wird kommen.
Jeder Spaziergang ist eine Gelegenheit, Kostbarkeiten wie Steine oder Schneckenhäuser nach Hause zu tragen. Ergänzt wird die bestehende Sammlung durch weitere Schätze: ein Plüschtier vom Flohmarkt, ein Ballon, dem die Luft ausgegangen ist, ein Schirmchen, das einst eine Glace verzierte, und so weiter.
In den Augen der Erwachsenen sind es meist wertlose Dinge, die sich in Schachteln und Schubladen anhäufen. Ihr Kind sieht das jedoch unter anderen Gesichtspunkten. Es hängt an seinem kleinen Plüschtier, obwohl ein Ohr fehlt. Es braucht die Schneckenhäuser für Sortierspiele, das Glaceschirmchen wird immer wieder in ein kleines Lastauto geladen, und der Ballon muss unbedingt im Puppenbett schlafen.
Damit die Menge der angesammelten Kostbarkeiten nicht überbordet, ist gelegentliches Ausräumen unumgänglich. Seien Sie bei solchen Aktionen jedoch vorsichtig. Vieles, was für Erwachsene unnütz und überflüssig ist, bedeutet einem Kind sehr viel. Kleine Kinder lieben Dinge auch dann, wenn sie beschädigt und unansehnlich geworden sind. Werfen Sie daher nichts weg, woran das Herz des Kindes hängt. Richten Sie sich beim Aufräumen nach seinen Massstäben und nicht nach Ihren eigenen Vorstellungen.
Spaziergänge bieten auch Gelegenheit, Tiere kennenzulernen. Vielleicht will Ihr Kind einen Regenwurm anfassen, den kleinen Käfer auf die Hand nehmen, die Spinne, die Fliege, die Ameise ganz aus der Nähe betrachten. Auch wenn Sie selber mit manchen Tieren etwas Mühe haben: Lassen Sie Ihr Kind gewähren, ohne Abscheu zu äussern. Ehrfurcht und Achtung vor dem Leben erwirbt es, wenn Sie ihm erklären, dass kein Tier zertreten oder grob behandelt werden darf.
Die meisten Kinder fühlen sich zu Tieren hingezogen, streicheln, füttern und beobachten sie gerne. Tierkontakte sind nicht nur eine grosse Bereicherung für das Kind, es lernt dabei auch Rücksichtnahme und Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen. Meist ergeben sich die ersten zaghaften Annäherungsversuche von selbst. Unterstützen Sie diese, aber zwingen Sie das Kind nicht, ein Tier zu streicheln. Begleiten Sie die Kontaktaufnahme mit Hund, Katze oder anderen Tieren aufmerksam. Kleine Kinder sind dabei oft ungeschickt und manchmal zu ungestüm. Daher sollten Sie Ihr Kind nie mit einem Tier allein lassen: Zum Schutze des Kindes und des Tieres ist eine Beaufsichtigung nötig.
Zeigen Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter, dass Tiere es schätzen, wenn man langsam auf sie zugeht, und dass sie grobe Berührungen nicht mögen. Vor allem bei Hunden ist Vorsicht geboten! Ob das Tier gestreichelt werden darf und wie es gern gestreichelt wird, muss zuvor mit der Besitzerin, dem Besitzer geklärt werden.
Erinnern Sie Hundehalter auch an ihre Verantwortung gegenüber kleinen und grossen Spaziergängern. Es gibt Kinder, die Angst vor Hunden haben, und auch tierliebende Eltern schätzen es nicht, wenn ihr Kind von jedem Hund gestupst oder abgeleckt wird. Es ist nun mal so, dass sich viele Hundeschnauzen auf der Höhe von Kindergesichtern bewegen. Gerade deshalb sollten Hunde so erzogen sein, dass sie auf Kommando an der Seite ihres Herrchens oder Frauchens bleiben, damit nicht jedes Zusammentreffen zu einer feuchten Begegnung wird.