Ein Jahr und zehn Monate
Viele Leute freuen sich, wenn sie kleinen Kindern begegnen, und finden schnell Kontakt. Die Tatsache, dass Kinder lärmen, herumhüpfen, Spielsachen liegen lassen oder das Treppenhaus beschmutzen, kann jedoch auch zu unerfreulichen Begegnungen führen.
Manche Menschen empfinden Kinder als «Störfaktoren», denen man energisch sagen muss, was sie zu tun und zu lassen haben! Lassen Sie sich nicht einschüchtern von Ratschlägen und Einmischungen. Nehmen Sie Partei für Ihr Kind, wenn es die Situation erfordert.
In einem Mehrfamilienhaus oder in einer Wohnsiedlung leben Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen. Vielleicht wohnt neben der jungen Familie eine gehbehinderte Seniorin, die häufig Schmerzen hat und viel Ruhe braucht. Im unteren Stockwerk lebt ein Schichtarbeiter, der tagsüber schläft, und eine Etage höher ein junges Paar, das seine Lieblingsmusik immer dann auf vollen Touren abspielt, wenn das Kind am Abend einschlafen sollte.
In solchen Situationen ist es oft schwierig, zwischen eigenen Bedürfnissen und denjenigen der Nachbarschaft ein Gleichgewicht zu finden. Wo ist Rücksichtnahme angezeigt, wo braucht es (in freundlichem Tonfall) ein standhaftes Eintreten für das Kind? Gegenseitige Toleranz und Gesprächsbereitschaft sind die besten Voraussetzungen für einvernehmliche Lösungen. Vorwürfe hingegen helfen nicht weiter, sondern verschärfen das angespannte Klima zusätzlich. Meist bringt es viel, sich einmal in die Situation der anderen zu versetzen. Oft lassen sich dann in gegenseitigem Einverständnis gewisse Regeln vereinbaren.
Lärm und das Weinen des Kindes sind oft Auslöser für Konflikte. Es kann sehr belastend sein, sich für das Verhalten des Sohnes, der Tochter verantwortlich zu fühlen. Wenn Sie ständig in der Angst leben, Ihr Kind könnte die Nachbarschaft stören, weil es tagsüber laut ist oder in der Nacht weint, sollten Sie das Gespräch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin suchen. Allenfalls gibt es Massnahmen, die Sie treffen können? Teppiche sind gute Hilfsmittel gegen Lärm. Empfehlenswert sind auch Schaumstoffmatratzen, auf denen es sich herrlich toben und spielen lässt, ohne dass gleich das ganze Haus Kopf steht. Vielleicht könnte auch das Kinderzimmer verlegt werden, damit es nicht über dem Schlafzimmer der lärmempfindlichen Nachbarn liegt.
Wenn Sie Ihren Mitbewohnern und Mitbewohnerinnen entgegenkommen und Verständnis für deren Ruhebedürfnisse zeigen, dürfen auch Sie Verständnis und Toleranz für Ihr Kind erwarten. Verzichten Sie darauf, das Kind ständig zu ermahnen und zur Ruhe anzuhalten. Kleine Kinder haben ein Recht darauf, so zu sein, wie es ihrem Naturell entspricht: manchmal laut, manchmal trotzig, manchmal ausgelassen, manchmal weinend. Dennoch heisst das nicht, dass sie jederzeit und uneingeschränkt Lärm machen dürfen.
Kinder können und müssen mit der Zeit Rücksichtnahme lernen. Jetzt ist Ihr Kind aber noch zu klein dazu. Es kann sich noch nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse nachvollziehen. Damit es dies lernen kann, ist es wichtig, schon jetzt Grenzen klar zu setzen und den Grund von Verboten kurz und bündig auszuformulieren. Leben in Ihrem Wohnhaus noch weitere Familien? Tun Sie sich doch zusammen und fragen Sie die Hausverwaltung an, ob allenfalls ein Gemeinschaftsraum zum gemeinsamen Spielen und Toben gefunden und eingerichtet werden kann.
Ob beim Einkaufen, im Restaurant oder im Zug – wenn sich Eltern mit ihren Kindern in der Öffentlichkeit bewegen, hoffen sie vielleicht, dass ihr Kind sich ruhig verhält. Doch welche Mutter, welcher Vater hat nicht schon erlebt, dass es «im dümmsten Moment» quengelt, zu weinen oder zu trotzen beginnt? Anwesende Personen drehen die Köpfe, werfen missbilligende Blicke in Richtung des Kindes, sparen manchmal nicht mit Bemerkungen und Ratschlägen. Je mehr Sie sich bemühen, desto lauter wird unter Umständen das Weinen, bis es sich zum Schreien steigert. Dies sind Momente, die auch die selbstbewusstesten Eltern aus dem Gleichgewicht bringen können.
Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, und lassen Sie sich nicht dazu hinreissen, das Kind anzuschreien oder gar zu schlagen. Das Kind mit etwas Attraktiven abzulenken, könnte in solchen Situationen helfen. Das kann durch ein Lied, einen Fingervers, eine Geschichte, ein Spiel oder eine Aufgabe geschehen: zum Beispiel Dinge benennen, die man durchs Zugfenster sieht, oder das gemeinsame Suchen eines Nahrungsmittels im Einkaufsladen. Vielleicht erfinden Sie auch ein eigenes «Bewegungsritual», das Ärger wegzaubert: gemeinsam dreimal stampfen, dreimal klatschen, dreimal hüpfen, sich einmal im Kreis drehen und dann fest in die Arme nehmen. Auch wenn solche Versuche nicht immer gleich erfolgreich sind, lohnt es sich, es zumindest auszuprobieren.
Hilfreich für solche nervenaufreibende Situationen ist, sich eine «dicke Haut und taube Ohren» zuzulegen. Keinesfalls sollten Sie sich für das Verhalten des Kindes schuldig fühlen, denn kleine Kinder sind ein Teil unserer Gesellschaft. Sie haben ein Recht auf Verständnis und Toleranz. Es ist nicht einzusehen, wieso andere Lärmquellen wie laute Musik oder Handygespräche in der Öffentlichkeit weniger Proteste zur Folge haben als ein weinendes Kind. Vermeiden lassen sich solche «Zwischenfälle» nicht. Manchmal ist es darum nötig, zu reagieren und das Kind vor unfreundlichen Anfeindungen und Reaktionen zu schützen.