Vier Jahre und neun Monate
Der Fernseher fasziniert schon ganz kleine Kinder. Regeln für den Medienkonsum können hilfreich sein.
Wenn es um junge Kinder geht, steht der Fernseher noch immer im Mittelpunkt der Diskussion über Medien. Nach wie vor gilt er als Leitmedium von Vorschulkindern und kaum ein Kind ist von den flimmernden Sendungen nicht fasziniert. Immer öfter werden die Lieblingssendungen nicht nur auf dem Flatscreen-Gerät im Wohnzimmer, sondern auf dem Tablet geschaut. Die Nutzung ist also immer weniger an einen Ort gebunden.
Über negative oder positive Auswirkungen von TV-Sendungen auf unsere Kinder wird seit über fünf Jahrzehnten diskutiert. Doch wie nehmen junge Kinder eine Sendung im Fernsehen überhaupt wahr? Schon im ersten Lebensjahr wenden Kinder ihren Kopf dem laufenden Apparat zu. Mit etwa zwei Jahren erkennen sie Gegenstände im Fernsehen wieder. Sie interessieren sich besonders für bekannte Handlungen oder Dinge, zum Beispiel Schiffe, Katzen oder das Zähneputzen.
Meistens flimmern die Gegenstände (zu) schnell über den Bildschirm, doch spannend finden die Kinder es trotzdem: Immer wieder erscheint etwas Neues. Zwei, drei Minuten lang gucken die meisten Kleinkinder fasziniert, um sich dann wieder anderen Dingen zuzuwenden. Mit drei bis vier Jahren folgen Kinder kurzen Filmhandlungen, auch wenn sie die Zusammenhänge oft noch nicht ganz verstehen. Wählen Sie deshalb spezielle Kindersendungen aus.
Generell erleben Kinder die Darstellungen im TV als real und fiebern gefühlvoll mit. Ob Fünfjährige einer fantasievollen Kinderserie folgen oder während der Tagesschau Zeugen einer Kriegsszene werden – alles scheint sich wirklich, jetzt und ganz in der Nähe abzuspielen. Vorschulkinder befinden sich im magischen Alter und das bedeutet, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion noch nicht klar definiert ist. Aus der Sicht des Kindes ist auch das Unmögliche möglich. So vermischt sich das Geschehen im Fernsehen leicht mit eigenen Erlebnissen. Oder die Eindrücke einer Sendung wirken so stark nach, dass manche Kinder gar vom medial Erlebten träumen.
Auch Kindergartenkinder kurz vor Schulanfang verstehen längst nicht alle Zusammenhänge. Erst im frühen Primarschulalter werden Fantasie und Wirklichkeit immer häufiger getrennt. Zudem lernt das Kind, einer Handlung auch dann zu folgen, wenn sie einen Zeit- und Ortswechsel beinhaltet. Werbung von einer Sendung zu unterscheiden, bereitet jedoch selbst jungen Primarschulkindern Schwierigkeiten. Vor allem, wenn die geliebten Trickfilmhelden in der Werbung und im Supermarkt, zum Beispiel auf der Cornflakes-Packung, auftauchen.
Einen Film von A bis Z zu begreifen und zu verstehen, was echt und was getrickst ist, was wahr ist und was erfunden, ist also gar nicht so einfach für Kinder. Wenn in einem Trickfilm ein Kätzchen seine Mutter verliert und Ihrem Kind die Tränen kommen, dann spielen echte Gefühle mit. Von den Eltern erfordert der Umgang mit solchen Gefühlsäusserungen Verständnis, Begleitung und ein offenes Ohr. Ein «das ist doch alles nur erfunden» hilft in diesem Moment wenig. Eine Umarmung und ein klärendes Gespräch, in dem Sie dem Kind versichern, dass Sie seine Gefühle verstehen, bringt viel mehr. Je älter das Kind ist, umso eher wird es durch Ihre Erklärung begreifen, dass es Geschichten gibt, die einfach jemand erfunden hat.
Neben Geschichten und Informationen werden durch das Fernsehen auch Werte vermittelt. Was «gut» ist und was «böse», klärt der Trickfilm am Morgen, was «richtig» oder «falsch» die Reality Show. Dass Helden meist männlich und Frauen hilflose Opfer sind, fällt in Actionserien auf. In der Werbung werden Botschaften vermittelt und Bedürfnisse geweckt.
Doch müssen Männer immer Helden sein? Und schmeckt die in der Werbung gezeigte Schokolade wirklich besser? Durch solche Fragen ermöglichen Sie Ihrem Kind, Erfahrungen in einen Zusammenhang zu stellen, kritisch zu betrachten und sich selber ein Urteil über das Gesehene zu bilden. Denken Sie mit Ihrem Kind hin und wieder laut über dargestellte Szenen, Rollen und Botschaften nach. Sprechen Sie mit ihm über das, was es bei Kolleginnen und Kollegen zu Hause sieht. Diskutieren Sie mit anderen Eltern über TV-Regeln und Gewohnheiten innerhalb der Familie. Wichtig ist, dass Kinder die Meinung von Eltern und Bezugspersonen hören.
Irgendwann ist der Zeitpunkt da und das Kind darf in Begleitung eines Erwachsenen zum ersten Mal ins Kino. Für viele Kinder ist ein Kinobesuch ein unvergessliches Erlebnis.
Trotz einer tiefen Altersfreigabe lohnt es sich, Folgendes zu bedenken: Die Grösse der Leinwand, die Zuschauermenge, die spezielle Atmosphäre bedeuten für ältere Kinder ein spannendes und intensives Erlebnis, können jüngere Kinder aber zunächst überfordern. So faszinierend 3D-Angebote sind, gönnen Sie Ihrem Kind zuerst ein Erlebnis in 2D. Zum «Heimkino» einzuladen ist ebenfalls eine amüsante Alternative: Ein lustiger Film, gute Gesellschaft und Popcorn sind auch zu Hause toll.
Für Kinder sind DVDs nach wie vor praktisch. Geeignete Sendungen können in aller Ruhe ausgewählt, beliebig oft wiederholt und nach Wunsch mit Pausen versehen werden. Das macht unabhängig vom aktuellen Programm. Spannend für Familien sind auch Videoplattformen oder Streamingportale wie Netflix, YouTube-Kids, Disney+ oder Sky Kids. Viele Streamingplattformen verfügen über eine eigene Kinderversion. Damit Inhalte eingeschränkt sind oder freigegeben werden müssen, sollten Sie auf allen Plattformen ein Profil für Ihr Kind anlegen. Natürlich gilt dies ebenfalls für die Option via TV-Box: Auch so können Kindersendungen digital gespeichert und wiedergegeben werden.
Manche TV-Sender achten darauf, dass ihr Programm gewalt-, werbefrei und weder rassistisch noch sexistisch ist. Prüfen Sie deshalb verschiedene TV-Kanäle. Unter flimmo.tv gibt es eine Fernsehprogrammberatung für Eltern. Verantwortliche Fernsehanstalten können mit einem Brief oder einer Mail angeregt, gelobt oder kritisiert werden. Die Einflussmöglichkeiten von Zuschauerinnen und Zuschauern werden oft unterschätzt.
Kommen Sie oder Ihr Partner, Ihre Partnerin aus einem anderen Land? Nutzen Sie die Möglichkeit, Ihrem Kind eine zweite Sprache und Kultur mit Filmen und Hörspielen aus Ihrem Sprachgebiet näherzubringen. Wichtig ist, dass Kinder beim Schauen begleitet und Unklarheiten gemeinsam geklärt werden. Sonst ist der Lerneffekt gering. Viele Bücher erscheinen auch als Hörbuch und vermitteln so den Klang einer Sprache. Doch bedenken Sie stets: Kinder lernen eine Sprache am besten durch Mitmenschen; Medien sind nur eine Hilfe.