5. Monat
Viele Eltern haben Angst, dass sich ihr Kind zu langsam entwickelt. Oder nicht der «Norm» entspricht. Bei Begegnungen auf Spaziergängen, bei Verwandtenbesuchen und im Zusammensein mit Eltern gleichaltriger Kinder wird verglichen und bewertet. Doch Kinder sind verschieden.
«Was, deine Tochter schläft noch nicht durch?» – «Susannes Baby kann schon mit dem Löffel essen.» – «Luca dreht sich schon vom Rücken auf den Bauch.» – «Ist er nicht ein wenig klein für sein Alter?» – «Ist sie nicht ein wenig gross für ihr Alter?» Begegnen Sie solchen Bemerkungen mit Gelassenheit.
Es ist verständlich, dass wir alle gerne Erfahrungswerte austauschen. Kein Kind ist jedoch gleich wie ein anderes. Wenn ein Baby zufrieden und neugierig ist, wächst und regelmässig zunimmt, hat es meist alles, was es braucht. Und es ist in Ordnung so, wie es ist.
Haben Sie Geduld und Vertrauen in Ihr Kind. Geben Sie ihm die Zeit, die es braucht, um Neues auszuprobieren und sich in seinem Tempo zu entwickeln. Dies gilt auch, wenn in den Elternbriefen von Entwicklungsschritten die Rede ist, die Ihr Baby zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht hat.
Diese Informationen sollen Sie nicht verunsichern oder ungeduldig machen, sondern Ihnen helfen, das kindliche Verhalten und die kindliche Entwicklung besser zu verstehen. Für die einen Kinder werden die Hinweise unter Umständen zu früh, für die anderen eventuell zu spät sein. Ihr Baby wird seine Entwicklungsschritte dann machen, wenn dafür der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Kindliche Entwicklung zeichnet sich durch eine ungeheure Vielfalt aus: Lena kann sich bereits drehen, Fabio «plaudert» viel und oft vor sich hin, Lynn ist eine aufmerksame Beobachterin, und Joel erforscht seine Umgebung sehr ausgeprägt mit dem Mund. Jedes Kind entwickelt sich auf seine Weise und in seinem Tempo.
Kinder drehen sich, sitzen, bewegen sich vorwärts, und eines Tages gelingt es ihnen, ohne Hilfe zu gehen. Wann und in welcher Reihenfolge jedoch ein Kind diese einzelnen Schritte durchläuft, wie lange es dauert, bis der nächste folgt, und auf welche Art es diesen gestaltet (zum Beispiel ob es vorwärts- oder rückwärtskriecht, sich auf die Seite rollt oder auf dem Hinterteil rutschen wird), ist sehr unterschiedlich.
Kinder beginnen zu gehen, wenn ihre Muskeln, der Rücken, die Beine reif dafür sind. Dies gilt auch für alle anderen Bereiche der Entwicklung. Spezielle Kriech-, Greif- und Sprechübungen sind unnötig. Was das Kind braucht, ist liebevolle Zuwendung im Spielen und Sprechen, eine Umgebung, welche es ihm ermöglicht, seine Bewegungsfreude auszuleben und die seine Aktivitäten möglichst wenig einschränkt. Ein Kind, das sich wohlfühlt und gesund ist, will von sich aus Neues ausprobieren.
Es gibt keine «Normkinder», mit denen man das eigene Kind vergleichen kann. Es gibt kein Verhalten, das bei allen Kindern im gleichen Alter und in der gleichen Ausprägung auftritt. Die Entwicklungsunterschiede bei Kindern gleichen Alters können sehr gross sein.
Oft erfolgt eine Entwicklung auch in Schüben: Lange Zeit verändert sich wenig und dann plötzlich sehr viel gleichzeitig. Das Tempo, in dem ein Kind Entwicklungsschritte macht, gibt keinen Aufschluss über seine späteren Fähigkeiten.
Das Temperament des Kindes spielt jedoch eine Rolle: Temperamentvolle Kinder üben neue Fertigkeiten oft in waghalsigen Versuchen. Vorsichtige, zurückhaltende Kinder lassen sich mehr Zeit und probieren erst etwas aus, wenn sie ganz sicher sind, es zu können. Erkundigen Sie sich einmal bei Ihren Eltern nach Ihrer eigenen Entwicklung: Manchmal finden sich erstaunliche Parallelen.
Als Mutter, als Vater erleben Sie Ihr Kind täglich. Wenn Sie beim Beobachten das Gefühl haben, mit Ihrem Kind sei etwas nicht in Ordnung, so sollten Sie dies ernst nehmen und Ihre Wahrnehmungen mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt oder der Mütter- und Väterberatung besprechen. Das Gespräch mit Fachleuten kann beruhigen oder – wenn es nötig sein sollte – den Weg für nächste Schritte ebnen.