Ein Jahr und zwei Monate
Kleine Kinder beobachten ausgezeichnet und nehmen ganz genau wahr, was die Erwachsenen tun. Die alltäglichen Verrichtungen im Haushalt und Gegenstände, die dazu gebraucht werden, üben eine grosse Faszination aus. Auch die Natur wird als Spielraum entdeckt.
Mit Vorliebe ahmen Kinder das Tun der Erwachsenen nach und helfen am liebsten mit: entdecken, untersuchen, hantieren, ausprobieren, beobachten, … Gemeinsames Haushalten verlangt ein Mehr an Geduld und Zeit. Dafür beschert es zahlreiche verbindende Alltagserlebnisse, die wertvolle Erfahrungen ermöglichen und Kindern die Welt erschliessen. Wenn Sie Ihr Kind in Ihre Arbeit und Ihre Tätigkeiten miteinbeziehen, ihm die alltäglichen Dinge des Haushalts zur Verfügung stellen, so ist dies die beste Förderung.
Bestimmt gibt es auch in Ihrem Alltag Möglichkeiten, den Haushalt so zu organisieren, dass kindliche Wünsche nach «Mitbeteiligung» erfüllt werden. Wo könnten Sie Ihren kleinen Helfer oder Ihre kleine Helferin mitwirken lassen? Was für «Arbeitsmaterial» braucht es dazu? Zum Beispiel einen zweiten Putzlappen, ein zusätzliches Staubtuch, ein kleines Plastikbecken mit Abwaschbürste, einen Kochtopf und Schwingbesen, einen alten Prospekt … Mit etwas Fantasie und Organisation kann das gemeinsame Schaffen für Gross und Klein vergnüglich werden, denn Spielen und Arbeiten lassen sich miteinander verbinden.
Sind kleine Helfer und Helferinnen tatkräftig dabei, dauert alles ein bisschen länger Doch keine Mutter, kein Vater hat immer Zeit, ist immer geduldig. Berufliche und private Termine gehören zum Leben der Erwachsenen und verunmöglichen es, sich immer nur auf die Bedürfnisse des Kindes einzustellen.
Oft muss man die Dinge möglichst schnell und speditiv erledigen. Das Kind muss in die Kindertagesstätte, das Essen rechtzeitig fertig gekocht sein oder es steht ein Zahnarzttermin bevor: Manchmal drängt die Zeit, das Kind muss sich anpassen. Solche Realitäten gehören zu Ihrem Leben und dem des Kindes. Das ist kein Grund für Schuldgefühle. Versuchen Sie, zum Ausgleich stressfreie Zeiträume zu schaffen, in denen Sie gemeinsame Aktivitäten ohne Zeitdruck geniessen und sich auf das konzentrieren können, was Sie gerade zusammen tun. Sollte im Haushalt etwas wirklich zügig erledigt werden, machen Sie das am besten, wenn Ihr kleiner Helfer, Ihre kleine Helferin schläft, mit jemand anderem spielt oder ausser Haus ist.
Nicht nur in der Wohnung, auch draussen entdeckt Ihr Kind immer mehr und immer wieder Neues: Wasser, Schnee, Erde, Sand, Feuer, Blumen, Bäume, kleine und grosse Tiere … Je mobiler es wird, je besser es gehen kann, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten zu neuen Erfahrungen am See, am Bach, im Wald, auf Wiesen.
Auch wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn noch nicht frei gehen kann, sondern die Welt krabbelnd oder im Wagen sitzend entdeckt: Naturerlebnisse sind wichtig! Geben Sie Ihrem Kind einen Zweig mit Blättern oder einen schönen Stein in die Hand, lassen Sie es das Moos berühren und an einer Blume riechen, den kleinen Käfer über seine Hand krabbeln.
Schlechtes Wetter ist kein Hinderungsgrund zum Hinausgehen – im Gegenteil. Mit Gummistiefeln und Regenschutz versehen – oder Regenüberzügen und wasserdichten Socken für krabbelnde Kinder – wird Ihr Kind sich an Regen und Wind erfreuen. Wie lustvoll, in Pfützen herumzustapfen, dass es spritzt! Wie spannend zu beobachten, wenn sich auf Wegen und Strassen kleine «Wasserschlangen» bilden, die man fangen kann. Wie lustig, ein Taschentuch oder ein Stück Papier im Wind fallen zu lassen und ihm nachzurennen.
Manchmal braucht es für Erwachsene Überwindung, bei Regenwetter, Wind oder Schnee nach draussen zu gehen. Lieber bleiben wir an der Wärme und im Trockenen, haben vielleicht sogar Bedenken wegen möglicher Erkältungen. Überwindung lohnt sich. Nicht nur Ihr Kind wird nach einem solchen «Ausgang» zufriedener sein, sondern Sie konnten auch gemeinsam viele unmittelbare Sinneserfahrungen machen. Eine gute, wetterfeste Ausrüstung für Kind und Eltern hilft, sich bei jedem Wetter nach draussen zu wagen.
In diesem Alter spielen kleine Kinder am liebsten mit Wasser, Sand und Erde. Wasser spritzt, fliesst, macht nass, fühlt sich warm oder kalt an. Manches schwimmt obenauf, anderes sinkt oder löst sich auf. Wasser kann man in Gefässen herumtragen oder durch ein Sieb laufen lassen. In der warmen Jahreszeit ist ein Planschbecken herrlich. Wenn Baden draussen nicht möglich ist, können Sie eine Kinderbadewanne in die «grosse» Wanne oder in die Dusche stellen und dem Kind Becher, Löffel, Trichter, Waschlappen zum Spielen geben. Achten Sie darauf, dass die Wassertiefe maximal zwei Handbreiten (etwa 20 cm) beträgt. Selbstverständlich muss auch dann der Sichtkontakt immer gewährleistet sein, denn auch bei wenig Wasser besteht die Gefahr des Ertrinkens.
Trockener Sand rieselt, fliesst, nasser Sand hingegen fühlt sich wie Erde an und ist doch wieder anders. Mit den richtigen Kleidern und der Erlaubnis, dreckig zu werden, wird das Spielen mit Sand und Erde zum nahezu unerschöpflichen Spielerlebnis: umschichten, herumwerfen, am ganzen Körper spüren, sich hineinsetzen, etwas bauen, wieder kaputtmachen … Sollte Ihr Kind eine Hand voll Sand oder Erde in den Mund nehmen, so reagieren Sie nicht zu ängstlich. Das gehört einfach dazu und schadet in kleinen Mengen bestimmt nicht.
Zum Schutz vor Verunreinigungen durch Tierkot sollten Sandkästen jedoch nach Gebrauch immer abgedeckt werden. Bei öffentlichen Sandkästen fehlt diese Massnahme oft. Fragen Sie in diesem Fall bei der Stadt oder der Gemeinde nach, wer dafür zuständig ist.
Feuer zieht die meisten Kinder magisch an. Natürlich heisst es da, sehr vorsichtig zu sein. Aber ins warme Licht einer Kerze staunen, diese immer wieder ausblasen oder – in gebührendem Abstand – draussen vor einem Feuer sitzen … Diese faszinierende Erfahrung sollten Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn in Anwesenheit von Erwachsenen ermöglichen.
Die Freude an der Bewegung beschränkt sich nicht nur auf die Möglichkeiten des eigenen Körpers. Auch Spielsachen zum Bewegen stehen hoch im Kurs: ein kleiner Wagen zum Herumschieben (den man vielleicht noch ein- und ausräumen kann), ein Spielzeug zum Nachziehen oder Schieben, ein Schaukeltier, ein kleines Auto zum Hinein- oder Draufsitzen. Achten Sie jedoch darauf, dass Sie Ihrem Kind keine Lauflernhilfen (Babywalker) geben. Ihre Verwendung kann gefährlich sein. Kinder können damit stürzen oder gefährliche Dinge aus grösserer Höhe erreichen. Kinder lernen damit auch nicht schneller laufen.
Nach wie vor ein beliebtes Spiel ist das Ein- und Ausräumen von Behältern. Das Interesse des Kindes beschränkt sich nicht auf dafür vorgesehenes Spielzeug, sondern gilt genauso allem möglichen, was sich sonst im Haushalt finden lässt, wie zum Beispiel Büchsen gefüllt mit Teebeuteln. Wenn Sie heikle Gegenstände vor Kinderhänden schützen wollen, bieten Sie Ihrem Kind am besten Alternativen an. Füllen Sie Behälter wie zum Beispiel kleine Pfannen, unzerbrechliche Dosen oder Kartonschachteln mit verlockenden Inhalten wie Wäscheklammern, Joghurtdeckeln und so weiter.
Vielleicht haben Sie bereits beobachtet, dass Ihr Kind beginnt, Würfel, Klötze, Becher oder andere Gegenstände aufeinander zu stapeln. Das Stapeln ist ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung des Spielverhaltens. Es macht dem Kind grossen Spass, Dinge aufeinander zu stellen. Spannend ist ebenfalls, den aufgebauten Turm wieder umfallen zu lassen. Bei diesen Spielen lernt das Kind viel über die Schwerkraft, über die Beziehung der Gegenstände zueinander und über räumliche Dimensionen.
Für ein kleines Kind ist nicht das Endprodukt seines Tuns wichtig, sondern der Weg dazu. An einem aufgestapelten Turm ist nicht der fertige Turm wesentlich, sondern dass Ihr Kind ausprobieren konnte, die Würfel selber aufeinander zu stellen. Kleine Architekten und Baumeisterinnen haben grosse Freude, wenn Erwachsene bei ihrem Spiel mitmachen. Oft werden aber aus elterlichen Mitspielern unversehens «Spielverderber». Je älter das Kind wird, desto eher neigen Erwachsene dazu, ihm etwas «beibringen» zu wollen. Sie bauen zum Beispiel einen besonders hohen Turm und fordern das Kind auf, es ihnen gleichzutun.
Kinder, die etwas tun sollen, das nicht ihrem Entwicklungsstand entspricht, reagieren mit Verweigerung. Beim gemeinsamen Spiel sind deshalb gute Beobachtung und Einfühlungsvermögen gefragt. Seien Sie zurückhaltend und überlassen Sie die Initiative zum Spiel mehrheitlich dem Kind. Wenn Sie etwas Geduld haben, wird es Ihnen zum Turmbauen ebenfalls einen Würfel oder einen Holzklotz geben und Sie auffordern, diesen an den von ihm gewünschten Ort hinzustellen. Kinder lieben unzählige Wiederholungen eines Spiels. Meist zeigen sie dabei viel mehr Ausdauer als die Erwachsenen.
Wenn Sie das Gefühl haben, Sie könnten sich nicht richtig auf das Spiel mit Ihrem Kind einlassen, verschieben Sie die gemeinsame Spielstunde besser auf einen anderen Zeitpunkt. Erledigen Sie anderes, während das Kind selbstständig, aber in Ihrer Nähe, spielt. Das Kind spürt, wenn Sie innerlich abwesend und nicht ganz bei der Sache sind, fühlt sich aber auch geborgen, wenn es zwischendurch immer mal wieder kurz Blickkontakt mit Ihnen hat.