Ein Jahr und acht Monate
Es ist normal, dass Mutter und Vater sich in Erziehungsfragen nicht immer einig sind. Ein Kind zu bestrafen, macht in diesem Alter keinen Sinn.
Ob es sich um Tischmanieren, Sauberkeit, Schlafenszeiten oder etwas anderes handelt – es ist für das Kind nicht schädlich, wenn es elterliche Unterschiede miterlebt. So lernt es, dass seine Eltern keine starre Einheit bilden, sondern dass ein Familiengefüge eine flexible Angelegenheit ist.
Entscheidend ist jedoch, wie Eltern mit grundsätzlichen Wertvorstellungen umgehen oder mit Entscheidungen, die Alltagssituationen spontan erfordern: Wie viel Respekt und Achtung bringen Sie sich bei gegensätzlichen Meinungen entgegen? Empfehlenswert ist, Grundsätzliches in Abwesenheit des Kindes zu besprechen. Bei situationsbedingten Entscheiden vor dem Kind sollte man die Meinung des Partners, der Partnerin respektieren. Diskutieren Sie allfällige Uneinigkeiten erst im Nachhinein aus, wenn das Kind schläft oder von jemand anderem betreut wird. Man darf dem Kind auch mal sagen: «Das muss ich zuerst kurz mit Mami, mit Papi besprechen und danach kann ich dir ‹Ja› oder ‹Nein› sagen!» Eine solche Haltung ist für das Kind ein wertvolles Vorbild im achtsamen Umgang mit Menschen und gibt ihm Sicherheit durch klare elterliche «Leitplanken».
Regelmässige Gespräche über Erziehungsfragen, Erziehungsvorstellungen und gemeinsame Absprachen über einzuhaltende Regeln tragen dazu bei, dass unterschiedliche Ansichten nicht überhandnehmen und das Familienleben belasten. Überprüfen Sie bei Ungereimtheiten Ihre Grundhaltungen und Idealvorstellungen. Vielleicht ist eine Korrektur angesagt? Das Gefüge «Familie» verändert sich stetig und sollte entsprechend veränderbar und anpassbar sein.
Erziehungsvorstellungen haben oft einen Zusammenhang mit der eigenen Kindheit. Wie haben Ihre Eltern reagiert, wenn Sie als Kind versehentlich einen Teller zerbrochen haben oder um nichts in der Welt Gemüse essen wollten oder abends nicht einschlafen konnten? Tauschen Sie sich darüber mit Ihrer Partnerin, Ihrem Partner aus. Oft wird so eine bestimmte Meinung, eine bestimmte Erziehungshaltung besser verständlich und nachvollziehbar. Zudem fällt es leichter, mit diesem Wissen einen gemeinsamen Weg zu finden.
Auch die Herkunft aus verschiedenen Kulturen kann Erziehungsvorstellungen sehr prägen. Hier ist unter Umständen besonders viel gegenseitige Toleranz und Kompromissbereitschaft nötig, um einen gemeinsamen Erziehungsstil festzulegen.
Immer wieder legen wir Ihnen ans Herz, «verständnisvoll, geduldig und humorvoll» zu sein. Wir sind uns bewusst, dass dies eine Idealvorstellung ist. Niemand kann immer gelassen und fröhlich sein. Kleine Kinder können sehr anstrengend sein! Sie fordern die Eltern heraus und strapazieren Nerven und Geduld. Zusätzliche Belastungen, wie dauernde Müdigkeit, Stress am Arbeitsplatz, ein zweites Kind, Beziehungs- oder auch Geldprobleme, sind mitverantwortlich, wenn Eltern an ihre Grenzen stossen.
Wohl kaum einer Mutter oder einem Vater reisst nicht manchmal der Geduldsfaden, wenn das Kind beim Essen endlos trödelt, sich schreiend weigert, eine Jacke anzuziehen, die Brille der Mutter zerbricht oder Rasierschaum im Badezimmer verteilt. In solchen Momenten ist man versucht, das Kind zu bestrafen: Vielleicht bekommt es kein Dessert, wird in sein Zimmer gebracht oder muss ins Bett. Für ein kleines Kind sind diese Strafen jedoch nicht nachvollziehbar.
Strafen macht nur Sinn, wenn der «Übeltäter», die «Übeltäterin» fähig ist, einen Zusammenhang zwischen der «Tat» und dem daraus resultierenden «Ergebnis» zu erkennen. Und genau das ist der springende Punkt: Ein 20 Monate altes Kind handelt nicht aus böser Absicht; deshalb kann es auch den Sinn einer Strafe nicht einsehen.
Das Verschmieren des Badezimmers mit Rasierschaum erfolgt nicht, um die Eltern zu ärgern, sondern weil dieses Tun spannend ist. Dass Erwachsene dies vielleicht nicht so toll finden, kann ein Kind in diesem Alter nicht abschätzen. Die Stimme der Vernunft ist noch sehr schwach. Es fällt Ihrem Kind deshalb schwer, auf etwas zu verzichten und Verlockungen zu widerstehen. Dies hat mit der kindlichen Entwicklung zu tun, daran ändern auch Strafen nichts.
Erst mit etwa vier Jahren kann Ihr Kind dank seinem weiter entwickelten Vorstellungsvermögen allmählich die Konsequenzen seiner Taten voraussehen. Damit nimmt auch die Fähigkeit zu, vernünftig zu handeln und willentlich etwas nicht zu tun.
Zu seiner jetzigen Entwicklung gehört zudem, dass es Grenzen und elterliche Reaktionen auf sein Verhalten testen muss. Immer wieder wird es zum Beispiel die Fernbedienung des Fernsehapparates oder der Stereoanlage in die Hand nehmen und schauen, wie Sie reagieren. Es ist sinnlos, das Kind für sein Ausprobieren zu bestrafen. Wenn Sie jedes Mal konsequent sind und mit einem klaren «Nein» antworten, gibt dies Ihrem Kind Sicherheit und hilft, unerwünschtes Verhalten abzuschwächen.
Schläge und Klapse sind immer noch verbreitete Strafen. Möglicherweise ist das für Sie kein Thema. Vielleicht ist aber auch Ihnen schon mal «die Hand ausgerutscht»? Schnell ist dies in einer Überforderungssituation geschehen, obwohl Sie es eigentlich gar nicht wollten.
Schläge oder Klapse tun dem Kind weh, verletzen und kränken es vor allem auch seelisch. Körperliche Strafen bedeuten in jedem Fall eine grosse Demütigung für das Kind – umso mehr, wenn sie in Gegenwart anderer Kinder oder Erwachsener geschehen. Das Kind ist kein Roboter, es hat Launen und Stimmungen wie Erwachsene. Ein Kind, das schlecht gelaunt ist, will den Eltern nichts zuleide tun. Es ist einfach noch zu klein, um sich zusammenzunehmen.
Nicht nur körperliche Strafen, auch andere Formen von Gewalt wie Liebesentzug, Blossstellen oder Angstmachen schaden dem Kind und wirken sich negativ auf seine Entwicklung und seine seelische Gesundheit aus. Kinder, die immer mal wieder elterliche Gewalt erleben, haben etwa einen geringeren Selbstwert oder ein höheres Risiko, depressiv zu werden. Zudem verhalten sich diese Kinder oft auch selbst aggressiv.
Grenzen testet das Kind nicht aus, um Vater oder Mutter zu ärgern, sondern weil die Erprobung des eigenen Willens zu seiner Entwicklung gehört. Auch das Weinen richtet sich nicht gegen die Eltern, um sie zu provozieren. Weinen ist ein Zeichen der Not des Kindes. Es braucht vielleicht etwas, an das die Eltern vielleicht gerade nicht denken. Es kann angespannt sein, übermüdet, sich allein fühlen oder Hunger haben.
Vielleicht fällt Ihnen die Selbstbeherrschung in solch herausfordernden Situationen manchmal schwer. Dann reicht die Kraft nicht mehr für die nötige Gelassenheit. Sind Sie kurz davor zu explodieren und besteht die Gefahr, dass Sie Ihr Kind körperlich oder mit Worten verletzen, können Sie Folgendes probieren: Verlassen Sie kurz den Raum, lenken Sie sich ab, gönnen Sie sich ein Stück Schokolade, rufen Sie eine Vertrauensperson an, summen Sie oder schütteln Sie Ihren Körper.
Wenn Sie merken, dass Sie immer wieder die Nerven verlieren, empfehlen wir Ihnen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schämen Sie sich deswegen nicht. Niemand wird Ihnen Vorwürfe machen – jeder Mensch kann in eine solche Lage geraten.
Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder an eine der Elternnotrufstellen in der Schweiz (Pro Juventute Elternberatung, 058 261 61 61 oder suchen sie eine Kontaktadresse auf unserer Webseite. Viele Telefonberatungsdienste bieten kostenlose Hilfe rund um die Uhr an. Anrufe werden absolut vertraulich behandelt. Der Griff zum Telefon ist nicht Ausdruck von Versagen – im Gegenteil, er beweist Grösse, Sie erweisen damit sich und Ihrem Kind einen grossen Dienst!