Vier Jahre und drei Monate
Kinder sollen so lange wie nötig auf dem Weg in den Kindergarten begleitet werden. Wir haben ein paar Tipps, wie Kinder möglichst sicher in den Kindergarten kommen.
Unterwegs werden Freundschaften geschlossen, spannende Geschichten erzählt, Streitigkeiten ausgetragen. Der Kindergartenweg ist ein weites Tummelfeld, auf dem Kinder unbeobachtet von Erwachsenen soziale Erfahrungen sammeln können. Aus diesen Gründen ist es wünschenswert, wenn der Kindergartenweg selbstständig zurückgelegt werden kann und Kinder, wenn möglich, nicht mit dem Auto in den Kindergarten gebracht werden. Wählen Sie zu Fuss den sichersten Weg zum Kindergarten, auch wenn er nicht der schnellste Weg ist.
Prüfen Sie die Strecke zuvor aus Kinderperspektive auf Gefahren. Gehen Sie in die Hocke und beobachten Sie den Verkehr aus dem Blickwinkel eines Kindes. So merken Sie, dass auf dieser Höhe zum Beispiel parkierte Autos, Hecken und Büsche die Sicht versperren. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, was es tun kann, damit es Gefahren rechtzeitig erkennt. Vielleicht überquert es die Strasse an einem anderen Ort oder nutzt die andere Strassenseite.
Kinder sollen so lange wie nötig oder wenn der Weg allgemein zu gefährlich ist, von einem Elternteil, anderen Müttern und Vätern oder einer Krippenangestellten begleitet werden.
Das tägliche Hinbringen kann zu einer zeitlichen und organisatorischen Belastung werden, gerade wenn Eltern ausser Haus arbeiten oder noch kleinere Kinder haben. Es lohnt sich daher, für die selbstständige Bewältigung des Kindergartenweges am Anfang Zeit aufzuwenden.
Begleiten Sie Ihr Kind beispielsweise zuerst bis in die Kindergartengarderobe, dann nur noch bis zur Kindergartentür, anschliessend bloss über die befahrene Strasse, dann nur bis zum entsprechenden Fussgängerstreifen davor. Schritt für Schritt wird so das Vertrauen gestärkt und mehr Selbstvertrauen aufgebaut. Manchmal müssen betroffene Eltern auch mit den zuständigen Behörden Kontakt aufnehmen und sich gemeinsam für einen sichereren Weg oder Strassenlotsen einsetzen.
Eine Möglichkeit ist vielleicht der Pedibus. Mit dem „Bus auf Füssen“ begleiten Erwachsene eine Gruppe Kinder zum Kindergarten und wieder zurück. Die Begleitperson kann täglich wechseln. Am besten sprechen Sie sich mit Eltern aus dem Quartier ab.
Um Verantwortung im Strassenverkehr zu übernehmen und sich sicher zu bewegen, braucht es viel Übung und das Vorbild von uns Erwachsenen. Bringen Sie Ihrem Kind ein paar wichtige Grundsätze bei:
Bald kann Ihr Kind auf dem Kindergartenweg die Führung übernehmen und zeigen, wie man über die Strasse geht: am Randstein stehen bleiben, nach beiden Seiten schauen und erst laufen, wenn ganz sicher kein Auto kommt oder die Räder eines herannahenden Autos stillstehen.
Achten Sie beim Abholen darauf, dass Sie immer auf derjenigen Strassenseite warten, auf der das Kind daherkommt. Sieht es Sie auf dem gegenüberliegenden Trottoir, vergisst es leicht alle Verkehrsregeln und rennt über die Strasse!
Dies gilt übrigens auch für alle Formen des Spiels: Sie können das Kind so intensiv beanspruchen, dass es alles Gelernte vergisst und dem wegrollenden Ball auf die Strasse nachläuft. Ausserdem sind Kinder in diesem Alter nicht fähig, Geschwindigkeiten und Distanzen einzuschätzen, Gefahren vorauszusehen oder Bremswege zu berechnen. In diesem Sinne müssen die erwachsenen Verkehrsteilnehmenden ihr Verhalten den kindlichen Bedürfnissen und Reaktionen anpassen.
Nicht nur Autos machen Eltern auf dem Kindergartenweg Angst. Ein Thema sind auch fremde Menschen, die dem Kind etwas antun könnten. Fälle von Missbrauch durch fremde Personen lösen meist ein grosses Medienecho und elterliche Ängste aus. Prozentual gesehen sind sie allerdings viel seltener als Übergriffe innerhalb des Bekanntenkreises oder sogar der Familie.
Es ist unmöglich und hätte fatale Folgen für die Entwicklung der Kinder, sie vor allen Situationen zu bewahren, die ein mögliches Risiko enthalten. Ihr Kind soll sich, wenn möglich, anderen Kindern anschliessen und immer den gleichen Weg benutzen.
Erklären Sie Ihrem Kind, dass es nie mit einer unbekannten Person mitgehen und keine Geschenke annehmen darf. Auch mit bekannten Personen soll das Kind nur nach Abmachung mitgehen. Sie können mit Ihrem Kind ein Code-Wort abmachen. Sollte mal überraschend jemand anders Ihr Kind abholen, dann informieren Sie denjenigen über das Code-Wort. So weiss Ihr Kind, dass die Person in Absprache mit Ihnen handelt. Machen Sie Ihrem Kind aber nicht unnötig Angst.
Zu diesem Thema sind hilfreiche Bilderbücher erhältlich, erkundigen Sie sich im Fachhandel danach.
Manche Eltern überlegen sich, ob sie ihr Kind mittels GPS-Sender, Smartwatch oder einem anderen Trackingtool überwachen sollen. Taucht das Kind nach dem Kindergarten nicht zur gewohnten Zeit auf, kann dies beunruhigen und nervös machen. In solch einem Fall ist es eine Erleichterung zu sehen, dass der Sohn, die Tochter gemäss App offenbar noch im Kindergarten verweilt.
Aber selbst wenn es in gewissen Situationen angenehm wäre, zu wissen, wo das Kind ist, hat das Tracking seine Schattenseiten. Kinder sollten in der Lage sein, ihre Umgebung eigenständig zu erkunden und zu lernen, wie sie sich in bestimmten Situationen am besten verhalten. Es ist wichtig, dass sie altersentsprechende selbstständige Erfahrungen sammeln können. Dazu brauchen sie Freiräume als Lernfeld, wie zum Beispiel den Kindergartenweg. Für ihre Entwicklung ist es gut, wenn Eltern ihren Kindern etwas zutrauen, nur so trauen sie sich auch selbst etwas zu. Und etwas allein zu schaffen, fördert das Vertrauen in sich selbst. Wird das Kind getrackt, schränkt dies die Eigenständigkeit ein und ist ein Eingriff in die Privatsphäre.
Das Gefühl von Sicherheit, das ein Tracker vermittelt, kann trügen. Durch Tracking-Tools wird unter Umständen die natürliche Wachsamkeit der Kinder vermindert, weil das Kind davon ausgeht, dass Mama und Papa ja sowieso wissen, wo es ist. Auch kann die Entwicklung von Autonomie und Selbstvertrauen beeinträchtigt werden. Zudem lassen sich trotz Überwachungsapps gefährliche Situationen nicht verhindern.
Überlegen Sie sich, ob es andere Strategien für Sie gibt, um Ihr Kind möglichst in Sicherheit zu wissen, ohne ein Tracking-Instrument. Was sich zum Beispiel für viele Eltern bewährt hat, ist der Kontakt zu anderen Müttern und Vätern. Wenn sich Ihr Sohn mit einem Kindergartenfreund verabredet hat, können Sie mit den Eltern des Freundes abmachen, dass diese Ihnen Bescheid geben, sobald Ihr Sohn angekommen ist. Und schreiben Sie Ihre Telefonnummer ins Kindergartentäschchen des Kindes und machen Sie gemeinsam ab, dass Ihr Kind bei einem Zwischenfall einen Erwachsenen auf der Strasse bittet, Sie anzurufen.
Vielleicht aber merken Sie, dass trotz Schattenseiten das Tracking für Sie als Eltern wichtig ist. Überlegen Sie, weshalb. Machen Sie sich solche Sorgen um die Sicherheit Ihres Kindes, dass es für Sie eine grosse Belastung ist? Oder fällt es Ihnen vielleicht schwer, loszulassen? Wie notwendig ist es für Sie jederzeit zu wissen, wo sich Ihr Kind gerade befindet?
Entscheiden Sie sich für ein Tracking-Tool, dann ist es unerlässlich, mit dem Kind darüber zu reden und ihm zu erklären, warum Sie das tun. Allenfalls können Sie auch mit dem Kind Regeln vereinbaren, in welchen Fällen Sie die Tracking-App anschauen und wann es unbeobachtet bleibt. Wird das Kind nicht informiert, kann dies das Vertrauen zwischen Eltern und Kind nachhaltig schädigen.
Manche Eltern überlegen sich, ihrem Kind ein Telefon für den Notfall mitzugeben. Doch dies ist heikel, da das Handy das Kind vom Verkehr oder im Kindergartenalltag ablenken kann. Auch ohne Abo kann es sich in ein ungesichertes WLAN einloggen und unbeaufsichtigt im Internet surfen, was in diesem Alter gefährlich sein kann.
Falls es Ihnen wichtig ist, Ihr Kind jederzeit kontaktieren zu können, ist eine Smartwatch eine Option. Es gibt Kinder-Smartwatches mit Telefonfunktion, GPS-Tracking und Videochat, aber auch solche ohne Kommunikationsmöglichen. Überlegen Sie, was Ihnen wichtig ist, und lassen Sie sich im Fachgeschäft beraten.
Mit oder ohne Tracking kann es immer unvorhergesehene Situationen geben. Gut ist, wenn das Kind darauf vorbereitet ist. Gehen Sie mit ihm zum Beispiel folgende Fragen durch: «Was würdest du tun, wenn du mal früher als ich zu Hause bist und die Wohnungstür ist verschlossen?» oder «Wie könntest du reagieren, wenn wir uns im grossen Warenhaus, auf dem Bahnhof, auf dem Jahrmarkt aus den Augen verlieren?» Indem mit Kindern hin und wieder solche Fragen besprochen werden, lernen sie, sich schwierige Situationen vorzustellen und selber Lösungen zu entwickeln.
Gegebenenfalls einigen Sie sich zum Beispiel auf folgendes Vorgehen und Ihr Kind weiss: «Wenn ich früher als du zu Hause bin, dann klingle ich bei den Nachbarn.»