Vier Jahre und drei Monate
Vor allem die ersten Wochen können für Kindergartenkinder sehr anstrengend sein. Verschiedene Reaktionen und unterschiedliche Bedürfnisse können zutage treten. Und wie geht es Zwillingen im Kindergarten?
Es ist so weit: Ihr Mädchen, Ihr Junge geht zum ersten Mal in den Kindergarten! Wie verschieden doch Kinder (und Eltern) darauf reagieren: übermütig die einen, still staunend die anderen. Einige sind traurig über die Trennung von der Familie, andere neugierig auf die Kindergartenlehrperson.
Unterstützen Sie Ihre Tochter, Ihren Sohn in dieser wichtigen Phase, denn es wartet viel Neues auf Ihr Kind.
Es muss:
Es lernt:
Dies alles kann das Kind sehr anstrengen. Manchmal ist es deshalb gereizt, manchmal einfach nur «nudelfertig», wenn es nach Hause kommt. Das ist normal. Oft sind Kindergartenkinder zu Hause auch lauter, frecher oder unruhiger als früher. Sich im Kindergarten anzupassen und korrekt zu verhalten, strengt an und die Spannung muss irgendwann raus – oft bei Eltern oder Geschwistern.
«Trottel» wird der kleine Bruder plötzlich betitelt, «Markus hat Batman-Turnschuhe, ich will auch!» oder «Elina darf am Sonntag immer fernsehen!» Manchmal lernen Kinder auch neue Ausdrücke, die Erwachsene stören. Oder sie wollen neue Dinge, die Eltern klar ablehnen. Kontakte zu anderen Menschen fordern die Familie. Sie müssen sich überlegen und in der Familie diskutieren, welche Regeln bei Ihnen gelten sollen. Und ob, wo und wann es bei Ihnen anders zu- und hergeht als anderswo, zum Beispiel «Batman-Turnschuhe sind teuer, du kannst sie dir zum Geburtstag wünschen».
Nicht selten kommt es punkto Selbstständigkeit zu einem «Rückfall»: Plötzlich kann das Kind die Schuhe nicht mehr alleine anziehen, macht zeitweilig wieder ins Bett oder stottert. Dies ist meist ein «Anlaufholen», um einen nächsten grösseren Entwicklungsschritt (in diesem Fall den Kindergarteneintritt) zu machen.
Kinder gehen unterschiedlich mit den Anforderungen des Kindergartens um. Die einen brauchen danach Ruhe, andere viel Platz, um sich auszutoben. Darauf muss Rücksicht genommen werden. Die Freizeitaktivitäten sollen dem Befinden des Kindes angepasst sein.
Lassen Sie sich auch nicht verunsichern, wenn andere Kinder schneller selbstständig sind als Ihr eigenes. Kinder entwickeln sich unterschiedlich rasch und mal in diesem, mal in jenem Bereich. Wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn auch nach längerer Zeit nicht alleine im Kindergarten bleiben will oder plötzlich ein sehr verändertes Verhalten zeigt (Verschlossenheit, wieder Einnässen, Aggressivität), ist ein Gespräch mit der Kindergartenlehrperson angezeigt. Bestimmt finden Sie gemeinsam einen Grund und eine individuelle Lösung.
Sicher sind Sie neugierig, was Ihr Kind ausser Haus erlebt hat. Viele Kinder erzählen gerne vom Kindergartenalltag, andere sind eher wortkarg oder mögen nicht über etwas berichten, das doch schon vorbei ist. Sie schätzen es, wenn man sie nicht mit Fragen überhäuft – und ihnen dafür aufmerksam zuhört, wenn ihnen wirklich etwas auf dem Magen liegt.
Neben neuen Versen, Liedern und Freundschaften bringen Kinder auch neue Enttäuschungen und Probleme aus dem Kindergarten nach Hause. Auch wenn es Ihnen schwerfällt, Ihr Kind unglücklich zu sehen: Alle haben mal einen schlechten Tag, ein grösseres Problem – auch Kinder! Unterstützen Sie Ihr Kind deshalb mit Ihrem Verständnis und Trost; mit den meisten Konflikten wird es selber fertig.
Dort, wo die Probleme zu gross werden, zum Beispiel wenn Schulkinder über längere Zeit die Kleinen plagen, ist allerdings ein Gespräch mit der Lehrperson angebracht.
Schon vor dem Kindergarteneintritt beschäftigen sich Eltern von Zwillingen oder Mehrlingen mit der Frage, ob sie ihre Kinder zusammen lassen oder in unterschiedliche Kindergartenklassen schicken sollen. Zwar wünschen sich viele Eltern eine möglichst individuelle Entwicklung für ihre Kinder, gleichzeitig möchten sie die besondere Bindung der Zwillinge unterstützen. Eine allgemeingültige, wissenschaftliche Empfehlung, was richtig ist, gibt es nicht. Sinnvoll ist, die einzelnen Faktoren genau zu betrachten und sorgfältig abzuwägen, was für eine Trennung spricht und was dagegen.
Von Geburt an haben Zwillinge ein Geschwister, das in der Regel stets etwa auf derselben Entwicklungsstufe steht. In Bezug auf seine Eigenständigkeit muss jedes Kind seine eigene Identität entwickeln. Zwillingsbeziehungen sind unterschiedlich eng: Es gibt Zwillinge, die bilden eine Einheit, funktionieren kaum ohne einander und brauchen sich gegenseitig. Andere Zwillinge geniessen ihre Zwillingsbeziehung, leben aber auch eigene Interessen aus und sind offen gegenüber anderen Kindern. Wiederum andere empfinden das Zwillingsdasein als einengend und möchten lieber getrennte Wege gehen und eigene Freunde haben.
Für Zwillinge, die sich gegenseitig eher aus dem Weg gehen, scheint eine Trennung im Kindergarten naheliegend. Man kann davon ausgehen, dass die Kinder die individuelle Zeit geniessen. Gibt es zwei Kindergartenklassen, können die Eltern bei der Anmeldung vermerken, dass sie die Kinder gerne trennen möchten. Ob dieser Wunsch berücksichtigt werden kann, bestimmt die Schulbehörde. In manchen Kantonen werden Zwillinge automatisch in unterschiedliche Klassen eingeteilt.
Bei einer Beziehung, in der das Zusammensein und das Getrenntsein geschätzt werden, sind beide Möglichkeiten denkbar. Diese Zwillinge leben sowohl ihre gemeinsame Identität wie auch ihre eigene Persönlichkeit aus. Um dieses ausgewogene Verhältnis nicht unnötig zu gefährden, empfiehlt es sich, vorsichtig abzuwägen, was besser ist. Im Hinblick auf eine mögliche Trennung lohnt es sich, die Wünsche der Kinder einzubeziehen. Entscheide zu fällen, ist jedoch Aufgabe der Erwachsenen.
Die Zwillingsbeziehung, die für die Geschwister eine Einheit bedeutet, stellt die grösste Herausforderung dar. Falls ein Zwilling den anderen dominiert, scheint sich im Kindergarten eine Trennung aufzudrängen, damit sich der zurückhaltende Zwilling ebenfalls eigenständig entwickeln kann. Vorausgesetzt, das ist machbar und es besteht ein Mitspracherecht. Möglich ist auch, dass die Kinder in einer sehr harmonischen, gleichwertigen Beziehung stehen. Obwohl es langfristig betrachtet wichtig ist, den Kindern eigene Erfahrungen und Selbstsicherheit zu ermöglichen, kann eine erzwungene Trennung schwierig und belastend sein.