Vier Jahre und sechs Monate
Alle Menschen spielen von Geburt an, ganz egal, an welchem Ort auf der Welt sie geboren wurden. Deshalb ist der Weltspieltag entstanden. Er wird jedes Jahr am 28. Mai durchgeführt.
Spielen ist ein Grundbedürfnis jedes Kindes und zugleich ein Grundrecht. In Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention wird das Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung festgehalten.
Spielen ist Lernen, denn im Zusammensein mit anderen Kindern, im Austausch mit erwachsenen Personen, in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Spielsachen und Materialien lernen Kinder den ganzen Tag lang. Was aus dem Spiel und der Einstellung dazu im Erwachsenenalter wird, hängt von den eigenen Kindheitserinnerungen ab. Sie prägen die mehr oder weniger verständnisvolle Haltung gegenüber dem Spiel des Kindes.
Wenn Sie als Kind zum Beispiel sehr viel Spielzeit in der Natur verbracht haben, wird es Ihnen vermutlich wichtig sein, auch Ihrem Kind die Freude an der Natur weiterzugeben.
Auch wenn das Spiel Ihres Kindes hin und wieder zu einer Gedulds- oder Nervenprobe für Sie werden kann: Spielen ist für die Entwicklung Ihres Kindes wichtig. Erwachsene können Kinder darin unterstützen, wenn sie ihrem Spiel mit Einfühlungsvermögen und Respekt begegnen, ihnen Zeit dafür geben und ihnen Zugang zu Spielräumen verschaffen, die zum selbstständigen Experimentieren, Entdecken und Gestalten einladen.
Kleine Kinder spielen am liebsten das, was die Grossen machen. Sie achten darauf, wie sich andere verhalten und kopieren das, was sie sehen. Wenn Sie Ihr Kind beim Spielen beobachten, werden Sie sich bestimmt zwischendurch wie in einem Spiegel wiedererkennen.
Überlegen Sie sich, bei welchen Alltagstätigkeiten oder Hausarbeiten Sie Ihr Kind spielerisch einbeziehen können. Wo gibt es Arbeiten für Gross und Klein? Mit Begeisterung wird Ihr Kind zum Beispiel mit Ihnen die Blumen giessen, das Auto waschen, Gemüse rüsten, den Tisch decken, die Katze füttern, Zeitungstürme für die Altpapiersammlung bauen, das Lavabo putzen und vieles mehr. Für Ihren kleinen «Mithelfer» oder Ihre kleine «Mithelferin» brauchen Sie Geduld und Toleranz, denn zu zweit dauert alles etwas länger. Dieser Mehraufwand lohnt sich aber, denn Ihr Kind lernt dadurch, die Welt Schritt für Schritt zu verstehen.
Kinder bewegen sich gerne und brauchen Raum für ihr Spiel. Nicht das grosse, perfekt ausgestattete Kinderzimmer ist wichtig, sondern ein spielfreundliches Klima in fast der ganzen Wohnung.
Sie kennen Ihr Kind am besten und werden spüren, wann Ihr Kind nicht mehr ausschliesslich das Spiel in Ihrer Nähe sucht, sondern mehr Raum für sich verlangt. Mit zunehmendem Alter braucht es Raum, der ihm ein ungestörtes Spiel ermöglicht, ohne ständige Anwesenheit der Erwachsenen oder störender kleiner Geschwister.
Gestalten Sie mit Ihrem Kind sein eigenes Reich. Vielleicht auch von Zeit zu Zeit zu einem aktuellen Lieblingsthema: Aus alten Tüchern wird ein Zelt, aus einem Tüllvorhang ein Prinzessinnenbett, aus einer Wolldecke eine Dinosaurierhöhle. Die Piratin freut sich bestimmt über eine Hängematte und der Zirkuskünstler über die ausgediente Matratze. Mit Hilfe von Stoffen, Tüchern, Decken und Kartonschachteln lassen sich auch Nischen schaffen oder Häuser bauen, die immer wieder neu verändert werden können.
Kinder wollen herumtoben, klettern, graben, sich verstecken, mit Wasser herumspritzen. Draussen können sie ihr Spiel viel grosszügiger gestalten, mit allen Sinnen die vier Jahreszeiten erleben, eigene Fähigkeiten und Grenzen erproben, sowohl mit dem eigenen Körper als auch im sozialen Kontakt mit vertrauten und neuen Spielgefährten. Die Natur ist ein unersetzliches Bewegungs-, Lern- und Erfahrungsfeld. Sie bietet mit Sand, Wasser, Steinen, Bäumen, Blättern, Wiesenabhängen und Gräben ein riesiges Spielangebot. Ob im Wald, im Garten, im Park oder im Quartier, für das Kind sind Spielmöglichkeiten in der unmittelbaren Wohnumgebung wichtig.
Lassen Sie Ihr Kind auch alleine und mit anderen Kindern im Freien spielen. Gewähren Sie Ihrem Kind nach und nach mehr Freiraum und trauen Sie ihm zu, dass es ohne Sie zurechtkommt. Es ist nicht notwendig, dass Eltern immer dabei sind und stets ein perfekt organisiertes Freizeitangebot präsentieren. Schränken Sie nicht aus Angst vor Risiken und möglichen Gefahren die Erfahrungsräume Ihres Kindes unnötig ein. Für die Entwicklung Ihres Sohnes, Ihrer Tochter ist das selbstbestimmte, selbstständige Spiel wichtig.
Die Möglichkeit, das Spiel eigenständig zu gestalten, beflügelt und setzt neue Ideen in Gang. Inspirierend sind beispielsweise bewegliche Elemente und Materialien, die lose umherliegen und zum Spielen verwendet werden können. Auch wenn herumliegendes Zeug aus Erwachsenensicht vielleicht die Ordnung stört, entscheidend ist, dass die kindliche Fantasie angeregt und das Spiel bereichert wird.
Damit das Spielen im Wohnumfeld funktioniert, sollten Erwachsene die Umgebung immer mal wieder auf Kindertauglichkeit anschauen. Manchmal sind Türen beispielsweise so schwer, dass sie ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Oder abgesperrte Gartentörchen verunmöglichen ein Weiterkommen.
Vielleicht schliessen Sie sich mit anderen Eltern zusammen, um Spielräume in Ihrer Umgebung unter die Lupe zu nehmen und auf einfache Weise zu optimieren. Beispielsweise könnte auch eine leicht zu öffnende Kiste mit Holzlatten, Seilen, Veloschläuchen, Töpfen, Röhren gefüllt werden. So stünde loses Material zur Verfügung, das nach dem Spielen gleich wieder weggeräumt werden kann.
Haben Sie schon einmal im Wald einen Rahmen aus Zweigen gelegt und darin mit Ihrem Kind ein Naturbild gestaltet oder ein Muster gelegt? Machen Sie doch einmal einen Regenspaziergang. Fangen Sie dabei mit einem Becher Regentropfen auf und malen Sie zu Hause mit Regenwasser und Wasserfarben ein schillerndes Regenbogenbild. Lassen Sie sich ganz einfach von der Natur und in der Natur zu neuen Spielideen inspirieren!
Das Spiel des Kindes durchläuft verschiedene Phasen: sich annähern, sich einlassen, ausprobieren, verweilen, auskosten, wiederholen, üben, abschweifen, zurückkommen, verändern, von vorne oder neu anfangen. Ein Hin und Her zwischen Ernst und Lust, zwischen Spannung und Entspannung ohne deutlichen Anfang und ohne klares Ende. Ein Kind braucht Zeit, um sein Spiel zu entwickeln, und das jeden Tag von neuem. Geben Sie Ihrem Kind diese Zeit. Lassen Sie es in seinem Tempo und nach seinem Bedürfnis ungestört in die Welt des Spieles eintauchen. Verplanen Sie nicht jede freie Minute des Tages.
Ihr Kind wird es auch geniessen, wenn Sie ab und zu Zeit für ein gemeinsames Spiel haben. Denn unabhängig davon, wie viel Spielzeug es hat, die Zeit mit Ihnen ist unersetzlich. Ergreifen Sie in diesem Moment die Gelegenheit und lassen Sie sich von der Spielfreude Ihres Kindes anstecken. Am besten fügen Sie sich dabei ins Spiel Ihres Kindes ein und spielen die Rolle, die es Ihnen zuteilt.
Wenn die Kinder tagsüber in der Kita, im Kindergarten oder in der Schule sind, ist die Spielzeit zu Hause begrenzt. Nehmen Sie sich am Abend Zeit, um zuzuhören, was tagsüber alles passiert ist, für ein gemeinsames Spiel oder zum Geschichten erzählen. Obwohl Haushaltsarbeiten anstehen, Alltagskram zu erledigen ist und Nachrichten beantwortet und verschickt werden sollten.
Falls die Zeit für ein gemeinsames Spiel gerade nicht reicht, können Sie Ihrem Kind erklären, wann und wie lange Sie Zeit haben: «Wenn ich diese Mail verschickt oder dieses Telefon erledigt habe, spielen wir zusammen. Danach könntest du mir helfen, das Abendessen zuzubereiten.» Solche Erklärungen versteht Ihr Kind.
Spielen bedeutet Hingabe, ein Eintauchen in eine Fantasiewelt. Oftmals ist es nicht so leicht, wieder in die Realität zurückzufinden. Indem Sie Ihrem Kind rechtzeitig ankündigen, dass es sein Spiel zum Beispiel wegen eines Arzttermines unterbrechen muss, lässt sich mancher Interessenkonflikt in Grenzen halten. Da Ihr Kind noch nicht abschätzen kann, wie lange zehn Minuten dauern, hilft als «Zeichen» zum Beispiel ein Musikstück oder eine Musikdose, die den bevorstehenden Spielunterbruch ankündigt.