Fünf Jahre und neun Monate
Auch wenn die Streitereien der Kinder den Eltern ganz schön auf die Nerven gehen können, sollten diese nur in bestimmten Fällen eingreifen.
Weil die meisten Eltern nichts lieber wollen als Frieden unter Kindern, ist die Versuchung gross, bei Streit zu helfen. Doch wenn Erwachsene regelmässig Kinderstreit schlichten, gar die «Schuldigen» ausfindig machen, sind Kinder ohne diese Hilfe bald aufgeschmissen. Zudem kommen Erwachsene schnell an Grenzen: Der Anlass eines Streites ist selten wirklich rekonstruierbar und die Schuldfrage sieht aus jedem Blickwinkel anders aus.
Lösen die Kinder ihren Streit aber selber, suchen sie meist einfach einen Weg, auf dem sie sich wieder vertragen und weiterspielen können. In den meisten Fällen finden sie diesen Weg alleine und brauchen höchstens einen kleinen Fingerzeig in die mögliche Richtung. Und viel Zeit, um in aller Ruhe zu streiten und auszudiskutieren! Oft sind sie schon wieder ein Herz und eine Seele, während Eltern sich noch über ihre «ständig streitenden Kinder» sorgen!
Sich einmischen ist notwendig, wenn ein Kind so wütend ist, dass es buchstäblich keine Grenzen mehr sieht und eine Auszeit angesagt ist. Oder wenn ständig das gleiche Kind angegriffen wird, Kleinere und Schwächere drankommen oder mehrere auf ein einzelnes losgehen.
Wenige Streitregeln – bei Bedarf ergänzt – helfen, es gar nicht so weit kommen zu lassen:
Einem anderen Kind darf nichts kaputtgemacht werden.
Nicht mit harten, spitzen Gegenständen aufeinander losgehen.
Beissen ist verboten.
Sofort aufhören, wenn einer das Zauberwort «stopp» ruft, aufgibt oder gar weint.
Niemanden auslachen.
Bestimmte Schimpfwörter sind tabu.
Es kann hilfreich sein, Regeln festzuhalten. So erinnert zum Beispiel ein rotes, rundes Verbotsschild mit einem vom Kind gezeichneten «Füdli» drauf alle Eingeweihten, dass das Wort «Arschloch» und ähnliches hier unerwünscht sind.
Solche Regeln müssen natürlich eingehalten werden. Und zwar von Eltern wie von Kindern. Regelverstösse sollen Konsequenzen nach sich ziehen, die für alle nachvollziehbar sind, zum Beispiel:
Gehen zwei mit Gegenständen aufeinander los, werden sie sofort getrennt.
Für Auslachen sind ehrliche Entschuldigungen fällig. Aber erst, wenn sich alle Beteiligten beruhigt haben.
Wenn im Streit ein Spielzeug in die Brüche geht, braucht es einen Ersatz (zum Beispiel eine schöne Zeichnung) oder eine Flickaktion.
Vielleicht kommt Ihr Kind zuweilen nach Hause und weint wegen eines Konflikts auf dem Kindergartenweg oder im Nachbarsgarten. Im Einzelfall hilft es, das Kind zu trösten und darauf zu vertrauen, dass es auch aus dieser Situation selber wieder hinausfindet. Oft wollen Kinder nur Anteilnahme: «Aha, das war aber eine schwierige Situation!».
Kommt es öfters vor, dann braucht es ein Gespräch mit allen Beteiligten. Es braucht viel Feingefühl, zwischen Kindern zu vermitteln, ohne zu richten oder ihre Probleme zu lösen. Werden weitere Erwachsene mit hineingezogen, braucht es Gelassenheit, auf dass der Streit der Kinder nicht zum Streit ihrer Eltern wird.
Mädchen und Buben wird ein unterschiedlicher Umgang mit Konflikten und Aggressionen nachgesagt. Ob der Grund dafür in den Erbanlagen steckt oder ob Kinder vor allem durch das soziale Umfeld geprägt werden, gehört zu den grossen Streitfragen unserer Gesellschaft.
Sicher ist: Buben und Mädchen gucken und hören genau hin. Sie bemerken, dass der brüllende, sich schlagende Mirko eher akzeptiert wird als die zarte Art Robertos. Sie erleben, dass Mädchen im Streitfall eher getröstet, Knaben aber mit einem «Wehr dich doch!», «Lass dir nichts gefallen!» ermutigt werden.
Wahrnehmen und Verändern solcher Verhaltens- und Rollenmuster macht Sinn. Kinder beiden Geschlechts müssen lernen, dass es im Konfliktfall verschiedenste Reaktionsmöglichkeiten gibt. Beide sollen ihre Gefühle, ihren Frust ausdrücken können, ohne anderen wehzutun. Beide brauchen gestärktes Selbstvertrauen: Mädchen, damit sie sich selber wehren lernen, und Buben, um selbstsicher-cool nicht jeden Schubser gleich «zurückgeben» zu müssen. Beide brauchen dazu erwachsene, greifbare Vorbilder, Frauen, aber auch Männer, die im Kinderalltag und nicht nur abends oder am Wochenende vorkommen.
«Ich will den roten Luftballon!», meint Luis. «Ich auch!!!» – «Nein iiich!», ist die postwendende Antwort seiner beiden Geschwister. Für das Argument, dass der blaue und der violette genauso schön seien, sind alle drei taub.
Kaum schlagen Geschwister morgens die Augen auf, geht es manchmal los und dauert, bis sie abends erschöpft ins Bett sinken: ein endloser, aus Elternsicht nicht selten inhaltlich sinnloser Streit, der Nerven strapaziert.
Eltern müssen immer wieder abschätzen, worum es dabei geht und ob ihre Hilfe überhaupt gefragt ist. Mal stehen unterschiedliche Bedürfnisse, mal Eifersucht im Zentrum. Manchmal geht es einfach nur noch um das «Rechthaben», um den Sieg.
Was ist das Gute am Geschwisterstreit? Brüder und Schwestern geben meist weder allzu schnell klein bei, noch streben sie die totale Niederlage des anderen an. Und keiner kann sich einfach aus dem Staub machen – es muss früher oder später zu einer Versöhnung kommen.
Lautes Weinen der kleinen Patrizia tönt aus dem Kinderzimmer, wo die zwei Schwestern spielen. Vater setzt an, die grössere Schwester auszuschimpfen, doch diese erklärt verzweifelt: «Patrizia kriecht schon wieder über meine Klötzlilandschaft!!!!», und zerrt ihre kleine Schwester heftig am Bein.
Werden die Beteiligten alleine damit fertig? Ist die, welche laut brüllt, das Opfer? Patrizias grosse Schwester ist froh um etwas Platz, wo sie ungestört bauen kann. Patrizia selbst wird vom Vater deshalb abgelenkt, erst mit einem spannenden Bilderbuch, später mit einem eigenem «Bauplatz» – und plötzlich spielen die beiden Schwestern gemeinsam.
«Wieso darf immer Max mit dir mit?», brüllt Florian und kneift seinen Bruder in den Bauch. Um die Liebe der Eltern, um ihre Aufmerksamkeit wird gebuhlt. Diese Rivalität ist ganz normal – wenn auch manchmal nervenzehrend: Zwischen Schwestern und Brüdern muss sich nicht prinzipiell und auf Anhieb die innigste Freundschaft entwickeln. Wenn Sie Ihre Erwartung an die Geschwisteridylle etwas zurücknehmen, so hat sie eher eine Chance, erfüllt zu werden.
Geschwister haben oft das Gefühl, zu kurz zu kommen. Sie merken nicht, dass sie die gleichen Chancen haben, auch wenn sie nicht gleich behandelt werden. Gerecht ist nicht «Jetzt verbringe ich zehn Minuten mit dir und dann zehn Minuten mit deinem Bruder», sondern «Jetzt helfe ich erst dir bei dieser kniffligen Bastelarbeit und dann schaue ich mit Manuel ein Büchlein an» – und das kann verschieden lang dauern.
Manchmal braucht das eine Kind auch besondere Zuwendung und das andere muss lernen, dass auch das «gerecht» sein kann. Ein anderes Mal wird es auch wieder umgekehrt sein.
Wenn allerdings eines der Kinder stets mehr Aufmerksamkeit braucht – beispielsweise weil dieses eine Behinderung oder eine andauernde Krankheit hat –, dann ist diese Situation für das andere Geschwister unter Umständen besonders herausfordernd und die Situation fühlt sich noch eher «ungerecht» an. Bei solchen Konstellationen ist es wichtig, dass sich die Eltern bewusst immer mal wieder Zeit nehmen, um auch dem Geschwister ohne Beeinträchtigung ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Für die Schwester oder den Bruder ohne Behinderung ist es hilfreich, wenn sie merken, dass sie nicht die Einzigen in ihrer Situation sind. Möglichkeiten zum Austausch finden sie beim Verein «Raum für Geschwister»,. geschwisterkinder.ch.