Ein Jahr und zwei Monate
Ein Kind braucht immer wieder Ruhe, um all die Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Auch für die Eltern ist Erholung wichtig.
Inzwischen merken Sie, wenn Ihr Kind müde wird und ein kleines Nickerchen braucht. Oder wenn es einfach still in seiner Spielecke sitzen möchte, ohne aktiv zu sein. Ganz allein jedoch wird es nicht lange bleiben wollen: Lassen Sie deshalb die Türe offen, wenn Sie sich in einem anderen Zimmer aufhalten. Dann kann Ihr Kind Sie sehen. Denn auch Alleinsein will gelernt sein. Vermutlich wird die Erholungspause jedoch nicht allzu lange dauern. Kleine Energiebündel erholen sich rasch und sind im Nu wieder zu neuen Taten bereit.
Vielleicht gibt es schon Momente oder sogar Abschnitte im Tag, in denen sich Ihr Kind eine Weile selbst beschäftigen kann. Erwarten können Sie das aber noch nicht. Je nach Temperament entwickelt sich die Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, unterschiedlich. Daher können die einen schon länger im Spiel verweilen, die anderen noch weniger.
Wünschen Sie sich manchmal, Ihr Kind könnte häufiger und länger das Bedürfnis nach Ruhe verspüren? Damit Sie endlich ungestört etwas lesen, sich kurz hinlegen oder auch nur einen Gedanken zu Ende denken können? Verzagen Sie nicht, diese Zeit kommt wieder. Doch im Moment kann es gut sein, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter sogar wieder stärker am Rockzipfel oder am Hosenbein hängt. Das ist normal und sozusagen die Kehrseite der grösseren Selbstständigkeit.
Mit den erweiterten motorischen, geistigen und emotionalen Fähigkeiten werden die Entdeckungsreisen weiter und abenteuerlicher. Damit nimmt das Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit wieder zu. Je mehr zu verarbeiten ist, desto mehr Sicherheit muss getankt werden. Daher ist es für Ihr Kind sehr wichtig, zu spüren, dass die Eltern oder andere Betreuungspersonen da sind, wenn es sie braucht.
Auch wenn Sie Ihr Kind in manchen Momenten vielleicht wahnsinnig anstrengend finden und sein Verhalten stark an Ihren Nerven zerrt: Schlagen Sie es nicht und strafen Sie es auch nicht mit Liebesentzug, Blossstellen oder Angstmachen. Wird Kindern psychischer oder körperlicher Schmerz zugefügt, lernen sie daraus nichts Nützliches. Im Gegenteil: Dies wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Wenn Sie merken, dass es bei Ihnen zu «Ausrutschern» kommen könnte, ist das ein Zeichen, dass Sie Erholung und Abstand brauchen. Auch das Gespräch mit einer Fachperson kann sinnvoll sein.
Träumen Sie manchmal davon, wieder einmal in aller Ruhe mit dem Partner, der Partnerin oder allein einkaufen zu gehen? Oder einen Sonntagnachmittag mit Freundinnen und Freunden durchzuplaudern? Oder öfter ins Kino oder ins Konzert zu gehen? Und wie schön wäre es, sich im Sommer in die «Badi» zu legen, die Augen zu schliessen und die Sonne zu geniessen – ohne jeden Augenblick aufzuschrecken und Acht zu geben, dass das Kind nicht ins Wasser fällt!
Solche Wünsche haben nichts mit mangelnder Liebe zu Ihrem Kind zu tun. Sie sind natürlich und berechtigt. Doch ist es nicht immer einfach, sie zu erfüllen. Wenn Sie mit Ihrem Kind allein leben, Zwillingseltern sind oder ein behindertes Kind haben, ist es noch schwieriger, auch einmal «egoistisch» zu sein.
Freie Stunden ermöglichen es Ihnen, neue Impulse aufzunehmen. Oder wieder einmal ganz zu sich zu kommen, den eigenen Gedanken nachzuhängen und Distanz zu den Geschehnissen des Alltags zu gewinnen. Nehmen Sie sich so oft wie immer möglich diese freien Zeiten und suchen Sie nach Möglichkeiten, sich hin und wieder «ablösen» zu lassen.
Neben Verwandten und Bekannten gibt es die verschiedensten Optionen der Kinderbetreuung, über die wir hier ausführlich informiert haben. Was halten Sie von der Idee, sich bei der Kinderbetreuung auch einmal mit anderen Müttern und Vätern abzuwechseln? Oder vielleicht gibt es Jugendliche in Ihrer Nachbarschaft, die sich gerne mit Kinderhüten an schulfreien Nachmittagen ein wenig Sackgeld verdienen möchten?
Das Schweizerische Rote Kreuz bietet in den lokalen Sektionen Babysitter-Kurse für Interessierte ab 14 Jahren an. Fragen Sie in Ihrer Region bei der Sektion des Schweizerischen Roten Kreuzes nach Adressen von lokalen Babysitter-Vermittlungen oder Babysittern (siehe familie.redcross.ch).
Ob Freunde, Verwandte oder ein Babysitter das Kind betreuen: Wichtig ist, dass Sie die neue Beziehung Schritt für Schritt aufbauen. Laden Sie die neue Bezugsperson zu sich nach Hause ein und begleiten Sie die erste Begegnung oder die ersten Begegnungen. Während sich Kind und Babysitter in den eigenen vier Wänden vertraut machen, finden Sie bestimmt Gelegenheit, das eine oder andere in Ruhe zu erledigen.
Wenn Sie sicher sind, dass sich Ihr Kind wohl fühlt und während Ihrer Abwesenheit gut betreut ist, werden Sie es mit einem guten Gefühl in der Obhut des Babysitters zurücklassen können. Mit Vorteil gehen Sie die ersten paar Male vielleicht noch nicht zu lange und zu weit weg. So sind Sie im «Notfall» schnell wieder zurück.
Diese Freiheiten tragen wesentlich dazu bei, dass Sie Ihren Alltag wieder mit neuem Mut und frischen Energien anpacken. Hier eine Idee: Das gemeinsame Essen mit dem Kind ist ein wichtiges Ritual. Trotzdem verspüren Sie vielleicht manchmal das Bedürfnis nach einem Nachtessen zu zweit. Warum nicht einmal in der Woche dem Kind zur gewohnten Zeit zu essen geben und nachher, wenn das Kind schläft, gemeinsam mit dem Partner, der Partnerin ein Essen zu zweit geniessen?
Daneben gibt es noch die kleinen Momente zwischendurch, die Sie für sich nutzen können. Wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn tagsüber schläft, können Sie einmal alles stehen lassen und das tun, was Ihnen gerade Spass macht: Musik hören, lesen, dösen, ungestört telefonieren.
Es gibt Kinder, die schon früh keinen Mittagsschlaf mehr machen oder die jeweils dann schlafen, wenn es für Sie sehr ungünstig ist. Kein Mittagsschlaf bedeutet aber nicht zwingend keine ruhige Minute mehr. Organisieren Sie sich trotzdem eine Pause, zum Beispiel mit Hilfe eines Ruherituals, das vielleicht so aussieht: Lassen Sie ein ruhiges Musikstück laufen und geben Sie Ihrem Kind etwas Attraktives zum Spielen (zum Beispiel einen kleinen Beutel oder ein leeres Necessaire, das Sie mit spannenden Sachen wie leeren Döschen, Bürsten, Spiegel und so weiter füllen). So kann es sich in seinem Bett oder im Zimmer, in Ihrer Hör- oder Sichtweite, mit Ein- und Auspacken vergnügen, und Sie kommen doch zu einer Verschnaufpause.
Sie erleichtern dem Kind, sich an eine Ruhepause zu gewöhnen, wenn Sie diese anfänglich ganz kurz halten und dann nach einigen Tagen ein wenig verlängern. Lassen Sie sich Zeit für den Aufbau dieser Ruheinsel; Neues braucht Wiederholung, bis es vertraut wird und durch wiederkehrende Strukturen Sicherheit gibt.