6. Monat
Arbeiten beide Eltern, erfordert das eine gute Familienorganisation. Wie diese gelingt und weshalb ein erweitertes Beziehungsnetz für das Kind eine Chance ist.
Im Vergleich zu anderen Ländern hat sich in der Schweiz die traditionelle Familienaufteilung, in welcher der Mann als Ernährer für die finanzielle Existenz sorgt und die Frau für Haushalt und Kinder zuständig ist, länger gehalten. Mittlerweile kehren auch bei uns viele Mütter nach einer Babypause ins Berufsleben zurück.
Die Beweggründe, Beruf und Familie zu verbinden, sind unterschiedlich: Für die einen bedeutet die Arbeit eine finanzielle Notwendigkeit, den anderen garantiert der Beruf finanzielle Unabhängigkeit, berufliche Weiterentwicklung oder eine Karriere.
Möglicherweise haben Sie Ihre Berufstätigkeit bereits wieder aufgenommen. Oder vielleicht haben Sie sich einen etwas längeren Mutterschaftsurlaub gegönnt und der Wiedereinstieg ins Berufsleben steht noch bevor. Vielleicht beschäftigen Sie sich gerade mit solchen oder ähnlichen Fragen: Wie lässt sich Stillen mit der Wiederaufnahme meiner Berufstätigkeit verbinden? Wie organisieren wir die familienergänzende Betreuung? Wie teilen wir Haushalt und Kinderbetreuung auf?
Lange Zeit war das Rollenbild von Vater und Mutter durch gesellschaftliche und politische Einstellungen geprägt. Doch dieses Rollenbild hat sich inzwischen verändert und die klassischen Muster haben sich verlagert. Haben Sie zusammen mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin bereits eine Möglichkeit gefunden, wie Sie die Erziehungs- und Betreuungsaufgaben auf beide Elternteile verteilen können?
Neben grossen beruflichen Pensen nehmen auch viele Väter bewusster und aktiver am Familienleben teil. Geblieben ist jedoch die Befürchtung, dass sich eine Reduktion des Arbeitspensums negativ auf das berufliche Image und die Karrierechancen auswirken könnte. Aus Arbeitgebersicht sind solche Bedenken nicht ganz unbegründet. Mit Männern, die Teilzeit arbeiten, tun sich zahlreiche Arbeitgeber nach wie vor schwer. Für einen langfristigen Wandel braucht es nicht nur Mütter, die Familie und Beruf verbinden möchten, sondern auch Väter, die ohne Angst vor Konsequenzen nach neuen Modellen suchen.
Für eine positive Entwicklung benötigt Ihr Kind Liebe, Fürsorge, Pflege, Anregung und Sicherheit. Doch Eltern und Kind können sich nicht ausschliesslich aufeinander beziehen. Oft werden Mütter und Väter von Schuldgefühlen geplagt und sind entsprechend verunsichert, wenn sie zur Arbeit gehen und ihre Tochter, ihren Sohn weggeben müssen. Damit Sie und Ihr Kind besser mit dieser neuen Situation zurechtkommen, sollte die familienergänzende Betreuung als Bereicherung für die ganze Familie angesehen werden.
In Fachkreisen ist man sich heute einig, dass es schon für ein Kleinkind bereichernd ist, Zeit mit anderen Bezugspersonen zu verbringen. Ein erweitertes Beziehungsnetz bedeutet neue Erfahrungen und andere Entfaltungsmöglichkeiten für das Kind. Es lernt durch den Austausch und das Spiel. Beim gemeinsamen Aufwachsen mit Kindern verschiedener Altersstufen werden das Sozialverhalten, die Selbstsicherheit, das Verantwortungsbewusstsein und die Konfliktfähigkeit gefördert.
Unabhängig davon, ob die Grosseltern, eine Tagesfamilie, ein Babysitter oder eine Nanny für Ihr Kind sorgen oder ob Sie es in eine Kinderkrippe geben – wichtig ist eine qualitativ gute und konstante Kinderbetreuung mit verlässlichen Bezugspersonen.
Planen Sie für die Eingewöhnungsphase Ihres Kindes genügend Zeit ein und begleiten Sie es bei den ersten Begegnungen in der neuen Umgebung. So kann sich Ihr Kind schrittweise eingewöhnen und Sie können sich mit der Betreuungsperson über die Gewohnheiten Ihres Kindes, seine Befindlichkeit und seine Gesundheit austauschen.
Der berufliche Alltag lässt sich leichter bewältigen, wenn Sie wissen, dass Ihr Kind während Ihrer Abwesenheit gut betreut ist und sich wohlfühlt. Erklären Sie Ihrem Kind jeweils, wo es jetzt ist, wo Sie als Eltern hingehen und wann sie es wieder abholen. Auch wenn es Sie noch nicht zu verstehen scheint, Säuglinge reagieren positiv auf Erläuterungen. Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind mit einem guten Gefühl in der Obhut der Betreuungsperson zurücklassen.
Eine Familienorganisation ist kein statisches Gebilde und Abmachungen und Strukturen sollten immer wieder überprüft und den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. Wenn das Zusammenspiel von Partnerschaft, Kind, Haushalt, Beruf und persönlichen Bedürfnissen nicht von Anfang an reibungslos funktioniert, ist das nicht aussergewöhnlich.
Vergessen Sie vor lauter Planung nicht, sich an Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter zu orientieren. Für Ihr Kind muss nicht alles perfekt sein. Statt «organisiert» zu werden, möchte es möglichst überall dabei sein und Ihre Nähe geniessen. Ist es ruhig und zufrieden, können Sie das eine oder andere gemeinsam mit Ihrem Kind erledigen und so Zeit gewinnen. Die Situation entspannt sich, wenn Sie Ihr Tempo, vor allem am Anfang, dem Rhythmus Ihres Kindes anpassen. Bis sich ein gemeinsamer Rhythmus eingependelt hat, braucht es Zeit.
Ein kleines Kind erfordert Dauerpräsenz und das neben Ihren beruflichen und anderen familiären Verpflichtungen. Für Erholung bleibt wenig Spielraum. Trotz Planung lassen sich kleinere und grössere Stressphasen in Beruf und Familie kaum vermeiden.
Gewisse Aufgaben sind offensichtlich und die Zuständigkeiten lassen sich klar aufteilen. Zum Beispiel, wer das Kind in die Kita bringt und abholt oder wer es ins Bett bringt. Schwieriger wird es bei Aufgaben, die nicht so genau definiert werden können.
Kommt Ihnen vielleicht die folgende Situation bekannt vor? Die Waschmaschine ist soeben fertig geworden und Sie wollen die Wäsche aufhängen. Auf dem Weg zur Waschmaschine gehen Sie am Kühlschrank vorbei, was Sie daran erinnert, dass Sie noch nicht eingekauft haben. Was soll es denn heute zum Abendessen geben? Oh, apropos einkaufen: Übermorgen hat die Oma Geburtstag, da wollten Sie ja noch ein Geschenk besorgen. Hat es eigentlich noch Geschenkpapier zuhause? Wie sieht es mit Klebestreifen aus, um das Päckchen zuzukleben? In Ihrem Kopf poppt möglicherweise ein To-Do nach dem anderen auf. Diese unendliche Besorgungsliste im Kopf hat einen Namen: Mental Load, die mentale Last, ständig an alles zu denken.
Zu Mental Load gehört auch, Pläne fürs Wochenende oder die nächsten Ferien zu schmieden, sich zu überlegen, welche Kleider das Kind heute anziehen soll oder den Regenschutz nicht zu vergessen, weil es am Nachmittag regnen wird. Was viele nicht wissen: Mental Load beinhaltet zudem, die eigenen Emotionen und die der Familie zu regulieren. Kommt der Partner, die Partnerin schlecht gelaunt nach Hause, versuchen Sie vielleicht, die Stimmung zu heben. Weint das Baby, überlegen Sie, was es wohl braucht. Zerrt das Gebrüll an Ihren Nerven, suchen Sie nach Strategien, um selbst ruhig zu bleiben.
Ständig an alles Mögliche zu denken ist Schwerstarbeit für den Kopf und eine beachtliche Leistung. Dies kann unter Umständen belasten und allmählich zu Erschöpfung führen. Bevor Mental Load zu grösseren Konflikten in der Familie führt und an der psychischen Gesundheit nagt, ist es wichtig, das Thema anzugehen und sich zu überlegen, wie man die Last verteilen und abbauen kann.
Was lässt sich gegen Mental Load tun?
Manche Eltern machen gute Erfahrungen mit einem gemeinsamen wöchentlichen Austausch, um die Aufgaben aufzuteilen. Setzen Sie sich zum Beispiel immer am Sonntagmittag, während das Kind Mittagsschlaf hält, zusammen und besprechen Sie, wer wofür verantwortlich ist. Klären Sie sowohl die offensichtlichen Zuständigkeiten, also etwa, wer das Kind in die Kita bringt, wer kocht etc. als auch die Dinge Ihrer Mental-Load-Liste. Idealerweise finden Sie eine Arbeitsaufteilung, die beiden Elternteilen entspricht. Dabei gilt: Wer zum Beispiel die Aufgabe «Geschenk für Oma kaufen» übernimmt, ist auch für das Geschenkpapier und die Klebestreifen verantwortlich, auch wenn diese auf der To-Do-Liste nicht explizit erwähnt sind. Besprechen Sie zudem, was in der letzten Woche gut funktioniert hat und was weniger. Vielleicht erkennen Sie, dass Sie die Aufgaben anders verteilen müssen oder ein Thema doch lieber bei sich behalten wollen.
Haben Sie eine Aufgabe abgegeben, ist es auch zentral, loszulassen. Gut möglich, dass Ihr Partner, Ihre Partnerin die Aufgabe nicht genau so erledigt, wie Sie das machen würden, oder auch mal etwas vergisst. Seien Sie tolerant und ermöglichen Sie dem Partner, der Partnerin, eigene Weg zu gehen und eigene Erfahrungen zu machen.
Geraten körperliche und seelische Kräfte aus dem Gleichgewicht, kann das zu Erschöpfungszuständen oder einer Erschöpfungsdepression führen. Anzeichen einer ernstzunehmenden Überforderung sind ständige Gereiztheit, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Passivität, Herzklopfen, Schwindel, Interesselosigkeit.
Möglicherweise machen sich auch widersprüchliche Gefühle dem Kind und dem Partner gegenüber bemerkbar. Wichtig ist, frühzeitig zu signalisieren, dass Sie Unterstützung und kleine Auszeiten benötigen. Finden Sie trotz Entlastungsmöglichkeiten Ihr seelisches Gleichgewicht nicht mehr, sollten Sie das Gespräch mit einer Fachperson (Mütter- und Väterberatung , Ärztin, Arzt) suchen und Ihre Situation schildern.
Den Alltag mit einem kleinen Kind so zu gestalten, dass man dem Kind, dem Beruf, dem Partner, der Partnerin und sich selber gerecht wird, ist kein leichtes Unterfangen. Verständlich, dass viele berufstätige Mütter und Väter das ständige Gefühl haben, der Tag sei vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Denn nach einem anstrengenden Arbeitstag steht zu Hause dies und jenes an.
Lassen Sie sich von all den Dingen, die noch zu erledigen wären, nicht erdrücken. Gönnen Sie sich genügend Zeit für Erholung und geniessen Sie gemeinsam mit Ihrer Familie den Feierabend. Setzen Sie Prioritäten zugunsten Ihrer Familie und widmen Sie sich eine Zeit lang nur Ihrem Kind. Oft ist die Intensität des Zusammenseins wichtiger als die Dauer. Lassen Sie das Telefon doch einfach mal klingeln und rufen Sie erst später zurück.
Versuchen Sie die Zeit aufzuschlüsseln, die Sie in das Elternsein, das Paarsein und die Erwerbstätigkeit investieren und gewichten Sie diese, falls nötig, neu. Rechnen Sie zusammen wie viele Stunden Sie für Ihren Beruf, für Ihre Weiterbildung, für Ihre Hobbys, für Freunde, für den Haushalt, für Ihre Partnerin, Ihren Partner und für Ihr Kind aufwenden.
Vielleicht gibt es Bereiche, auf die Sie, zugunsten Ihrer Familie, vorübergehend verzichten möchten. Damit sich Kinder zu starken, gesunden und selbstsicheren Persönlichkeiten entwickeln, benötigen sie ausreichend Liebe und Aufmerksamkeit. Die guten Beziehungserfahrungen der ersten Lebensjahre bilden ein wichtiges Fundament im Leben eines Kindes.