4. Monat
Rosa für Mädchen, hellblau für Jungen, lautet das gängige Klischee. Auch wie wir Mädchen und Jungen erziehen, wird häufig durch Rollenbilder beeinflusst – meist unbewusst. Das kann Kinder einschränken, ihre Talente zu entdecken und sich entsprechend zu entfalten.
Es ist noch gar nicht lange her, dass Sie voller Spannung gerätselt haben, ob Sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen. Die Frage nach dem Geschlecht beschäftigt nicht nur werdende Eltern, sondern auch die Familie des Paares. Sogar im Freundeskreis wird vielleicht über mögliche Namen diskutiert und nach passenden Geschenken Ausschau gehalten.
Kaum steht das Geschlecht des Kindes fest, beginnt man sich auszumalen, wie das Leben mit einer Tochter oder einem Sohn verlaufen könnte. Oft wird auch das Kinderzimmer anders eingerichtet, wenn man weiss, dass man Eltern eines Jungen oder eines Mädchens wird.
Obwohl Spielsachen für Mädchen und Jungen im Babyalter oft gleich sind, unterscheiden sie sich vielfach farblich. Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, ob es wirklich wichtig ist, dass der Schlenkerhase für Mädchen in zarten Pastelltönen gehalten wird, während der weiche Knuddelbär für Jungen eher dem braunen Originalton entspricht.
Weil man weiss, dass Kinder nicht bloss durch das Geschlecht, sondern auch durch die Erziehung geprägt werden, unterscheidet man zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht. Mit dem Begriff Gender ist das soziale Geschlecht gemeint, welches, wie bereits erwähnt, durch äusserliche Einflüsse geprägt wird. Ob Frau oder Mann, wir werden von unserem Umfeld geformt. «Das geziemt sich nicht für eine Dame», hiess es früher oder: «Ein richtiger Mann weint nicht».
In jeder Zeitepoche haben gesellschaftliche Normen das Frauen- und Männerbild beeinflusst. Inzwischen hat sich vieles geändert und die Rollenvorgaben zwischen Frauen und Männern sind heute weniger ausgeprägt, doch ganz abschütteln lassen sich die Einflüsse aus früheren Zeiten (noch) nicht.
Ob wir es wollen oder nicht, wir reagieren oftmals anders, wenn wir uns mit einem Jungen oder einem Mädchen abgeben. Als Vater haben Sie sich vielleicht bereits ausgemalt, wie Sie mit Ihrem Sohn im Wald umherstreifen, campieren und die Männergesellschaft geniessen. Mütter freuen sich auf den Austausch mit einer feinfühligen Tochter und das gemeinsame Plaudern und Bummeln.
Auch wenn in der Realität nachher alles anders ist und sich Ihre Tochter als Wildfang entpuppt und Ihr Sohn ein Bücherwurm ist: Vorstellungen beeinflussen die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern umgehen.
Bei der Genderthematik geht es nicht darum, aus einem Jungen ein Mädchen zu machen oder umgekehrt. Es geht lediglich darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, unabhängig vom Geschlecht die eigenen Talente zu entdecken und sich entsprechend zu entfalten. Erwartungshaltungen, ob gesellschaftlicher oder familiärer Natur, besitzen nicht selten eine einschränkende Wirkung.
Bei Babys sind Geschlechterunterschiede noch kaum relevant und werden erst durch die Eltern oder die Gesellschaft betont. Damit ein Kind seine Geschlechtsidentität aufbauen kann, muss nicht alles im Prinzessinnenlook gestylt oder für einen Fussballer geplant werden.
Wichtiger wäre, als Eltern, das eigene Geschlechterrollenvorbild zu reflektieren. Leben Sie als Vater vor, dass Männer auch fürsorglich sein können, für die Kinder da sind, Kochen, Füttern, Wickeln übernehmen und die Wäsche besorgen. Zeigen Sie, dass Sie als Mutter bei sportlichen Balgereien mitmachen und zwischendurch auch abwesend sein können.
Im Umgang mit ihrem Sohn, ihrer Tochter sollten sich Eltern bewusst machen, wie sie der Persönlichkeit ihres Kindes, seinen Stärken und Interessen gerecht werden. Versuchen Sie darauf zu achten, dass Sie die Entwicklungsmöglichkeiten nicht ungewollt mit Erwartungen, wie ein Mädchen oder ein Junge zu sein hat, einschränken.
Erinnern Sie sich daran, wie Sie als Mädchen oder Junge erzogen wurden, und wie Sie die Geschlechterrollen empfunden haben. Vielleicht haben Sie in Ihrer eigenen Kindheit manchmal darunter gelitten, dass Sie in einem Rollenklischee gefangen waren. Dass Sie als kleines Mädchen nicht so unbekümmert auf Bäume klettern durften wie Ihre Brüder oder dass man Sie als kleiner Junge nicht mit Puppen spielen liess. Persönliche Erinnerungen spielen bei der Erziehung der eigenen Kinder mit.
Gegenüber Zwillingen gibt es immer noch bestimmte Vorstellungen und Erwartungen: Zwillinge entwickeln sich gleich schnell, Zwillinge schlafen gleich viel, Zwillinge zieht man gleich an, für Zwillinge muss man alles zweimal kaufen. Doch Zwillinge haben ein Anrecht darauf, als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen zu werden. Unabhängig davon, ob sie ein- oder zweieiig sind.
Oft staunen Eltern von Zwillingen über verblüffende Ähnlichkeiten und stellen zugleich grundsätzliche Unterschiede fest. Weil Gemeinsamkeiten meistens offensichtlich sind, sollten Unterschiede vor allem bei eineiigen Zwillingen gegenüber aussenstehenden Personen betont werden.