Due fratelli litigano.

Streit und Versöhnung

Fünf Jahre und neun Monate

Wenn verschiedene Menschen zusammenwohnen, kommt es auch zu Meinungsverschiedenheiten und Streitereien.

Du hast angefangen! Nein, du!

Es war einmal ein blauer Kerl, der lebte friedlich an der Westseite eines Berges, wo die Sonne untergeht. Und an der Ostseite, wo die Sonne aufgeht, da lebte ein roter Kerl. Manchmal redeten die beiden Kerle miteinander durch ein Loch im Berg. Aber gesehen hatten sie sich nie.

Eines Abends rief der Blaue durch das Loch: «Siehst du, wie schön das ist? Die Sonne geht unter. Der Tag geht.» – «Der Tag geht?», rief der Rote zurück. «Du willst wohl sagen, dass die Nacht kommt, du Schmarrer!» – «Sag nicht Schmarrer zu mir, du Holzkopf!», fauchte der Blaue und war so sauer, dass er kaum schlafen konnte. Der rote Kerl ärgerte sich auch so sehr, dass er genauso schlecht schlief.

Am nächsten Morgen war der Blaue nach einer so schlechten Nacht schrecklich grantig. Er schrie durch das Loch: «Wach auf, du Dummkopf, die Nacht geht!» – «Erzähl keinen Quatsch, du Spatzenhirn!», schrie der Rote. «Die Nacht geht doch nicht, der Tag kommt!»

Dann packte er einen Stein und warf ihn über den Berg. «Daneben, du fetter Doofsack!», rief der blaue Kerl und warf einen grösseren Stein zurück. Er traf auch nicht. «Ätsch, du haarige, langnasige Pfurzpflaume!», rief der Rote und warf einen Stein, der die Bergspitze abschlug.

«Du bist eine miese Flasche!», schrie der blaue Kerl und wuchtete einen Brocken rüber, der wieder ein Stück vom Berg brach. «Und du bist ein o-beiniger, labbriger Cornflake!», brüllte der rote Kerl. Dieses Mal kickte er einen riesigen Felsbrocken.

Im Laufe des Tages wurden die Felsbrocken immer grösser und grösser und die Schimpfworte schlimmer und schlimmer. Den beiden Kerlen machte das nichts, aber der Berg, der war bald in Stücke geschlagen. «Du überfressenes, hohlköpfiges, schielendes Monster!», schrie der blaue Kerl und warf noch einen Riesenbrocken. «Du schrumpfhirniger, stinkiger, feiger Pudding!», schrie der rote Kerl und warf einen noch grösseren Brocken. Dieser Brocken zerschmetterte den Rest des Berges, und zum ersten Mal sahen sich die beiden Kerle.

Das geschah gerade, als die Sonne unterging. «Unglaublich», sagte der Blaue und liess den Felsbrocken fallen, den er werfen wollte. «Die Nacht kommt. Du hast Recht gehabt.» – «Toll», staunte der Rote und liess seinen Brocken fallen. «Du hast Recht, der Tag geht.»

Die beiden Kerle trafen sich in der Mitte der Verwüstung, die sie angerichtet hatten, und schauten zu, wie die Nacht kam und der Tag ging. «Das hat Spass gemacht», grinste der blaue Kerl. «Ja», kicherte der rote Kerl. «Nur schade um den Berg.»

David McKee:

«Du hast angefangen! Nein, du!»
Patmos Verlag GmbH & Co KG /
Sauerländer Verlag, Düsseldorf

Geht der Tag? Oder kommt die Nacht? Manchmal entzündet sich Streit an banalen Fragen. Doch wenn verschiedene Personen zusammenleben, gibt es verschiedene Ansichten und unterschiedliche Meinungen. Die einen diskutieren ruhig, andere streiten sich heftig und die beiden Kerle in der Geschichte werfen gar mit Steinen.







Illustration Kinder tragen grosse Steine

Auseinandersetzungen gehören zum Familienalltag. Mal geraten Geschwister aneinander, mal Eltern mit Kindern, manchmal die Erwachsenen unter sich. Die wenigsten streiten gerne und trotzdem tun es (fast) alle hin und wieder. Das Thema «Streit und Versöhnung» steht im Mittelpunkt der nächsten Artikel, denn es fällt nicht immer leicht, so zu streiten, dass statt harter Steine offene Worte fliegen.

Es braucht Übung, dass beim Streiten kein Berg, aber festgefahrene Meinungen «kaputt» gehen. Offenheit ist gefragt, damit friedliches Zusammenleben wieder möglich ist. Nachdem geklärt ist, ob die Nacht kommt, ob der Tag geht oder ob, je nach Standpunkt, sogar beide Recht haben.

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