8. Monat
Gemeinsame Alltagserlebnisse sind wichtig für eine gute Bindung zu den Eltern. Das gilt auch, wenn ein Kind nur bei einem Elternteil aufwächst. Im Alltag ist das ganz schön herausfordernd und mit Zugeständnissen verbunden.
Denken Sie manchmal an Ihrem Arbeitsplatz an Ihre kleine Tochter oder Ihren kleinen Sohn? Verspüren Sie dann so etwas wie Wehmut, dass Sie jetzt nicht an dem beteiligt sein können, was zu Hause oder in der Krippe geschieht? Stellen Sie andererseits aber auch fest, dass Sie froh sind, Ihrer Arbeit nachgehen zu können? Insbesondere dann, wenn es daheim turbulent zu- und hergeht?
Wenn Ihr Beruf einen grossen Teil Ihrer Zeit, Aufmerksamkeit und Energie in Anspruch nimmt, ist es ganz wichtig, dass Sie regelmässig Zeiten für die Familie und Ihre Partnerschaft in der Agenda einplanen und diese genauso ernst nehmen wie andere Termine.
Versuchen Sie auch bewusst, den Arbeitstag zu beenden und innerlich abzuschalten, bevor Sie wieder ins Familienleben eintauchen. Was hilft Ihnen dabei? Zeitung lesen im Zug? Musik hören im Auto? Ein paar Schritte laufen? Mit dem Velo eine Runde drehen? Gestalten Sie doch Ihr ganz persönliches Feierabend-Einstiegsritual.
Haben Sie schon einmal zusammengerechnet, wie viele Stunden Sie für Ihren Beruf, für Ihre Weiterbildung, für Ihre Hobbys, für Freunde und wie viele für den Haushalt, für Ihre Partnerin, Ihren Partner und für Ihr Kind aufwenden? Eine solche Zeitbilanz kann hilfreich sein, wenn es darum geht, Vatersein, Muttersein und Paarsein neu zu gewichten.
Dass Ihr Kind von Ihrer Zeit braucht, ist klar. Wie viel von Ihrer Zeit das sein kann, das müssen Sie entscheiden – zusammen mit Ihrer Partnerin, Ihrem Partner und allenfalls mit dem Arbeitgeber. Unter Umständen werden Sie Entscheidungen treffen müssen, die Verzichte fordern, doch viele wertvolle Alltagserlebnisse mit Ihrem Kind entschädigen Sie dafür, und diese sind unbezahlbar. Die Bindung zwischen Eltern und Kind entwickelt sich über die vielen kleinen und grossen Erfahrungen, die Sie miteinander machen.
Für alleinerziehende Mütter und Väter ist es vielleicht schwierig und auch belastend, wenn wir in diesem Brief hervorheben, wie wichtig die Beziehung zu beiden Elternteilen ist. Was tun, wenn ein Elternteil keinen oder nur sehr wenig Anteil am Leben des Kindes nimmt oder nehmen kann? Wie damit umgehen, wenn man im Streit auseinandergegangen ist und keine Worte mehr füreinander findet?
Auch wenn Sie kein Paar mehr sind – Eltern werden Sie für Ihr Kind ein Leben lang bleiben. Daher ist es für die Entwicklung Ihres Kindes wesentlich, dass es auch eine Beziehung zum abwesenden Elternteil aufbauen kann. Versuchen Sie, diesem im Alltag Raum zu geben, ermöglichen Sie Begegnung und gemeinsame Erlebnisse.
Sollte zum abwesenden Elternteil gar kein Kontakt mehr bestehen oder sollte ein Elternteil tragischerweise bereits verstorben sein, so binden Sie ihn zumindest gedanklich in den Alltag mit ein. Erzählen Sie Ihrem Kind vom Vater oder von der Mutter, auch wenn es jetzt noch klein ist und nicht alles versteht. Irgendwann werden Fragen kommen. Fragen, die zum Ausdruck bringen, wie wichtig das Wissen um beide Elternteile für ein Kind ist.
Ihr Kind hat ein Recht darauf, sich sein eigenes Bild vom Vater oder von der Mutter zu machen. Vermeiden Sie es daher, negativ über den anderen Elternteil zu sprechen; auch wenn sehr tiefe Verletzungen vorhanden sein sollten.
Vielleicht hilft Ihnen das folgende Bild, die Bedürfnisse Ihres Kindes besser zu verstehen und von Ihrer Wut oder Kränkung zu unterscheiden: Jedes Kind hat zwei Kästchen in seinem Herzen, eines ist mit «Mama» angeschrieben, das andere mit «Papa» – auch wenn es nur mit einem Elternteil aufwächst. Sie als Mutter oder Vater können nicht wissen und nicht darüber bestimmen, welche Gefühle, Wünsche und Vorstellungen in diesen Kästchen drin sind. Aber Sie oder vielleicht auch andere nahestehende Personen können dabei helfen, das Kästchen für den abwesenden Elternteil mit positiven Bildern und Gefühlen zu füllen.
Wenn sich Eltern in Fragen der Beteiligung an Betreuung und Erziehung uneinig sind, ist es im Interesse des Kindes wichtig, dass sie Beratung in Anspruch nehmen, gemeinsam als Elternpaar oder einzeln als alleinerziehende Mutter und alleinerziehender Vater. In der Kleinkindberatung oder bei Jugend- und Familienberatungsstellen wird man Sie darin unterstützen, den Kontakt zu suchen und den kindlichen Bedürfnissen entsprechend zu pflegen und aufrechtzuerhalten.
Falls im Umgang mit dem Besuchsrecht Schwierigkeiten auftauchen, gibt es die Möglichkeit, Hilfe in Form von «begleiteten Besuchstagen» und begleiteten «Übergaben» in Anspruch zu nehmen. Informationen über solche Angebote (falls diese in Ihrer Region vorhanden sind) finden Sie hier.
Man kann nicht genug betonen, wie bedeutungsvoll der Aufbau von Beziehungen zu verschiedenen Menschen für ein Kind ist. Dies gilt ganz besonders auch für alleinerziehende Mütter oder Väter und ihr Kind. Bauen Sie sich ein verlässliches Beziehungsnetz auf mit Verwandten, Bekannten, Freunden, Nachbarn, Krippenpersonal.
Pflegen Sie diese Beziehungen, sie sichern Ihnen Ausgleich und Entlastung im Alltag und geben Hilfestellung in Notfallsituationen. Nehmen Sie diese Unterstützung ohne schlechtes Gewissen an, denn was Sie alleine leisten, ist sehr viel. Hin und wieder eine Auszeit – das gibt neue und frische Energie für Sie und auch für das Zusammensein mit Ihrem Kind.
Nicht zuletzt ist es für Ihr Kind eine Bereicherung, wenn es von mehreren Bezugspersonen betreut wird. Es lernt von verschiedenen Vorbildern, sammelt unterschiedliche Erfahrungen und erweitert auch seine Beziehungsfähigkeit.
Es gibt viele Alleinerziehende, die in der Freizeit gemeinsam etwas unternehmen, sich gegenseitig mit Babysitten aushelfen und den Erfahrungsaustausch schätzen. Würden Sie sich gerne einer solchen Gruppe anschliessen? Vielleicht gibt es eine entsprechende Vereinigung an Ihrem Wohnort oder Sie ergreifen selbst die Initiative zur Gründung eines Vereins. Mögliche Kontaktadressen finden Sie auf unserer Website.