Drei Jahre und sechs Monate
Kinderbeziehungen sind wichtig für die Entwicklung. Mit anderen Kindern machen sie Erfahrungen, die ihnen Erwachsene nicht bieten können.
Sich mit der eigenen Familie auseinanderzusetzen ist für ein Kind von grundlegender Bedeutung. Genauso wesentlich ist aber auch die Begegnung mit anderen Kindern. Nur so erfährt es, dass Menschen unterschiedlich leben und denken. Bei Linus wird vielleicht ganz anders gestritten, bei Leonie wird viel gelacht, Julian wächst ohne Vater auf, Mia hat drei Geschwister, mit denen sie alles teilen muss, und bei David unternimmt man viel mit der ganzen Familie.
Unabhängig davon, ob Ihr Kind alleine oder mit Geschwistern aufwächst, Kinder brauchen Kinder für ihre Entwicklung, denn Kinderbeziehungen haben eine eigenständige Bedeutung.
Wenn Ihr Kind zu Hause betreut wird und keine Kindertagesstätte besucht, ist es in diesem Alter noch mehrheitlich auf Sie angewiesen, um andere Kinder zu treffen. Gelegenheit dafür bieten im privaten Umfeld Spielplätze, wo Kinder spontan Gruppen bilden, oder auch geplante Treffen mit befreundeten oder verwandten Kindern und Eltern. Gemeinsam lassen sich Ausflüge, vielleicht sogar Ferien organisieren. Gegenseitiges Kinderhüten oder Kinderbesuche zu Hause sind eine weitere Kontaktmöglichkeit. Da immer öfters beide Elternteile berufstätig sind, wird die Organisation dieser Betreuungsform oftmals sehr schwierig oder gar unmöglich.
Eine Einladung in die eigenen vier Wände bringt zwar meistens Unordnung und Lärm mit sich und unter Umständen wird das Kinderzimmer auf den Kopf gestellt. Doch es lohnt sich, den Aufwand auf sich zu nehmen! Im Miteinander lernen Kinder zu teilen und Konflikte auszutragen. So machen sie Erfahrungen, die Erwachsene ihnen nicht bieten können.
Im gemeinsamen Spiel lernen Kinder aufeinander einzugehen, Ideen miteinander weiterzuspinnen, aber auch Kompromisse zu finden oder nachzugeben. In dieser Spielwelt geben nicht die Erwachsenen den Ton an. Die Kinder bestimmen selber, wie das Spiel verlaufen soll und welche Regeln gelten. Dabei entstehen wichtige Lernfelder, in denen sich das Kind behaupten lernt und an Selbstvertrauen gewinnt. Manchmal muss es auch mit Widerstand umgehen können. Denn nicht immer sind die eigenen Ideen in der Gruppe gefragt.
Vier Kinder sind eifrig dabei, mit Tisch, Stuhl und Tüchern eine Hütte zu bauen. Das ist leichter gesagt als getan. Jedes hat nämlich eine andere Vorstellung von seiner Behausung. Leandro möchte ein Haus mit einem grossen Schornstein und stellt kurzerhand einen Stuhl auf den Tisch. Alina findet das ideal, denn sie möchte gerne ein Schloss bauen und der Stuhl auf dem Tisch eignet sich hervorragend als Thron. Und schon «thront» sie darauf als frisch gekrönte Prinzessin, was Noah gar nicht passt, da er die Tücher nun nicht so über die Tischplatte legen kann, wie er es sich für seine Waldhütte vorgestellt hat.
Emma interessiert sich inzwischen schon nicht mehr für das gemeinsame Projekt. Sie hat sich im Tücherberg vergraben und wartet darauf, von den anderen ausgegraben zu werden. Als niemand Anstalten dazu macht, stülpt sie sich ein grosses Tuch über den Kopf und schwebt als Gespenst an den Kindern vorbei. Das ist lustig. Vergessen ist das Hausprojekt, aus den vier Hauskünstlern werden plötzlich vier gespenstische Gestalten.
Vier Kinder, ein Tisch, ein Stuhl und ein paar Tücher, daraus entsteht ein lustiges und lustvolles Spiel, bei dem sie
Wie Kinder miteinander spielen und wie sie Konflikte lösen, ist von ihrem Alter und von der sozialen Reife abhängig. Mit zunehmendem Alter wächst die Fähigkeit, eigene Wünsche zurückzustellen und sich eher mit Worten als handgreiflich durchzusetzen. Es gelingt ihnen, sich zunehmend im Spiel an vereinbarte Regeln und Abmachungen zu halten, ausdauernder und mehr miteinander als nebeneinander zu spielen.
Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind dies alles schon kann. Jedes Kind hat seinen eigenen Lern- und Entwicklungsrhythmus. Das gilt auch für eingeladene Kinder.
Die verschiedenen kindlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, fordert oftmals viel Energie von Kindern und Eltern. Daher empfiehlt es sich, für einen Spielnachmittag oder ein Geburtstagsfest nicht zu viele Kinder auf einmal einzuladen. Als Regel könnte am Geburtstag gelten: so viele Gäste, wie das Geburtstagskind alt wird.
Kinderfreundschaften sind oft unverbindlich. Bei jüngeren Kindern entstehen Freundschaften rasch und spontan. Gleichzeitig sind sie manchmal kurzfristig und dauern bloss eine Spielsequenz. Vielleicht erklärt Ihre Tochter dem Nachbarskind ganz selbstbewusst: «Ich bin deine Freundin und darum darf ich mitspielen.» Erst mit der Zeit bildet sich zwischen Freundinnen und Freunden auch eine emotionale Verbundenheit.
Wichtig ist, dass Kinder ihre Freunde selber aussuchen dürfen und Eltern sich möglichst wenig in Freundschaften einmischen. Kinder, die gelernt haben, offen auf andere zuzugehen, knüpfen leichter Kontakt mit Gleichaltrigen. Kinder merken, dass Freundschaften sie stärken und suchen sich Verbündete, mit denen sie spielen, lachen, Unsinn machen und Geheimnisse austauschen können.
Im Spiel ahmen Kinder die Erwachsenen nach. Wenn Kinder vielfältige und unterschiedliche Rollenvorbilder haben, prägt das ihr Vorstellungsvermögen. Auch das Spielangebot sollte so gestaltet sein, dass Rollenklischees nicht unnötig zementiert werden. Wickelt der Vater das neugeborene Geschwister, kocht für die Familie und macht den Hausputz, erlebt dies das Kind als selbstverständlich. Gut möglich, dass es im Umgang mit Puppen den Papi imitiert. Sehen Mädchen, wie ihre Mütter selber etwas reparieren, haben sie nicht das Gefühl, handwerkliche Tätigkeiten seien Männersache. Vorbilder aus dem Alltagsleben sind wichtig für die Wertvorstellungen des Kindes und beeinflussen die Spielwelt und das Spielverhalten.
Treten Sie für die Freundschaften Ihres Kindes ein. Beobachten Sie aber auch, wie es ihm mit seinen Freundinnen und Freunden geht. Es gibt Kinder, die viele Freunde haben, andere haben nur einen Freund, eine Freundin. Manche pflegen wechselnde Freundschaften, andere haben gar keine.
Akzeptieren Sie Ihr Kind so, wie es ist und wie es seine Freundschaften lebt. Helfen Sie nur dann, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind in seiner Situation unglücklich ist. Reichen Sie Ihrem Kind Ihre Hand, wenn es sie braucht. Lassen Sie ihm aber möglichst freie Hand, wenn es darum geht, auf seinem Weg ins Leben hinaus Erfahrungen zu machen und Freundschaften zu knüpfen.