Ein Jahr und vier Monate
Erst 16 Monate auf der Welt – was gibt es da nicht alles zu entdecken! Jetzt gilt es Vorsichtsmassnahmen zu treffen und Grenzen zu setzen.
Was mag sich wohl auf dem Esstisch befinden? Schon greift eine kleine Hand nach dem herunterhängenden Tischtuch und zieht daran. Die Blumenvase purzelt scheppernd auf den Boden, hinterlässt eine Wasserpfütze mit vielen Scherben und entlockt Mama wie Papa kein freudiges Lächeln. Atmen Sie tief durch und schimpfen Sie nicht mit Ihrem Kind. Hinter seinem Handeln steht keine «böse» Absicht. Wahrscheinlich ist es selber erschrocken über das Ergebnis seines Handelns und braucht Ihren Trost.
Solche Situationen werden in den nächsten Wochen und Monaten vermutlich häufig vorkommen. Versuchen Sie, sich in Ihr Kind zu versetzen und die Wohnung mit aufmerksamen Kinderaugen erneut zu entdecken. Was könnte besonders verlockend sein? Wo lauern Gefahren?
Können Sie nachvollziehen, dass die kleinen Kugeln der Hydrokulturpflanzen geradezu zum Herumkullernlassen und In-den-Mund-Stecken einladen? Dass ein gefüllter Papierkorb unwiderstehlich zum Ausräumen lockt? Dass Fenstergriffe jetzt plötzlich erreichbar sind? Einfühlung in das Kind und Verständnis für sein Handeln helfen, nicht gleich wütend zu werden, Vorwürfe zu machen oder lautstark zu schimpfen.
Gewisse Vorsichtsmassnahmen sind zwingend, und nicht alles, was Ihr Kind tut, ist tolerierbar. Jedes Kind muss lernen, dass es Grenzen gibt. Ein klares, bestimmtes Nein zeigt ihm diese Grenzen auf. Wichtig ist, dass Sie dieses Nein konsequent einsetzen. Was heute gilt, muss auch morgen gelten.
Sobald ein Kind gehen kann, vergrössert sich sein Bewegungsfeld ständig. Durch die Fähigkeit zum Gehen und Klettern drohen dem Kind neue Gefahren. Auf einmal sind im Haushalt Dinge zugänglich, die bisher unerreichbar waren, zum Beispiel das Bügeleisen, die Herdplatten und vieles mehr.
Draussen darf das Kind ebenfalls nicht aus den Augen gelassen werden. Schnell ist es entwischt und versucht, auf dem Spielplatz die Leiter der hohen Rutschbahn hinaufzuklettern, oder es möchte die Enten im Weiher aus der Nähe betrachten. Jetzt sind Vorsichtsmassnahmen geboten, denn die Selbstständigkeit hört dort auf, wo es gefährlich wird.
Ihr Kind wird Verbote und Warnungen umso ernster nehmen, je sparsamer Sie diese anwenden. Ein bewusstes und von Ihnen klar ausgesprochenes Nein bringt viel mehr als viele Neins, von denen Ihnen vielleicht nur ein Teil wirklich wichtig ist. Überlegen Sie sich in einer ruhigen Minute, wo Sie Grenzen setzen wollen. Besprechen Sie dies mit Ihrer Partnerin, Ihrem Partner, damit Sie beide «am gleichen Strick ziehen» und sich das Kind daran orientieren kann.
Bis Ihr Kind Ihre Vorschriften befolgt, werden Sie das Gleiche unzählige Male wiederholen müssen. Das ist normal und hat nichts mit Ungehorsam zu tun. Kleine Kinder leben im Moment und können sich Regeln noch nicht einfach so merken. Selbst wenn ihnen das immer besser gelingt, sind Neugier und Verlockung meist doch stärker. Wenn das Kind von Ihnen aufgestellte Regeln überschreitet, so überprüft es damit, ob diese wirklich gelten. Daher sind Kinder in diesem Alter unberechenbar.
Auch wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Sohn genau weiss, dass er den Herdschalter nicht drehen darf, wird er dies vielleicht in einem unbeobachteten Moment doch tun. Kontrollieren Sie die Wohnung auf Gefahrenquellen hin. Sind die Steckdosenlöcher gesichert, alle Putzmittel, Kosmetika und Medikamente ausser Reichweite? Achten Sie speziell auch an fremden Orten, zum Beispiel wenn Sie auf Besuch sind, auf mögliche Gefahren.
Die Broschüren und Bilderbüchlein «Ouups!»der bfu (Beratungsstelle für Unfallverhütung) vermittelt wichtige Hinweise zur Unfallverhütung.
Bauklötze und Bilderbücher, Plüschtiere und Puppen, Kissen und Tücher, verteilt im Kinderzimmer oder in der Spielecke auf Stuhl, Bett und Tisch: Was wir Erwachsenen als «Unordnung» bezeichnen, stört Ihr Kind keineswegs. Spontan folgt es seinen immer wechselnden Spielideen. Die Spuren der vorhergegangenen Aktivitäten bleiben liegen. Seien Sie Ihrem Kind deswegen nicht böse. Es lebt im Moment und geht auf in seinem Spiel!
Verschwenden Sie keine Energie damit, Ihrem Kind jetzt schon «Ordnung» beizubringen. Dafür ist es noch viel zu früh. Ordentlich in unserem Sinne wird es erst viel später sein. Dies geschieht langsam und stufenweise. Ordnung halten setzt nämlich voraus, dass Ihr Kind «ordnen» kann, dass es weiss, dass gleiche Sachen immer am gleichen Ort ihren Platz finden. Dafür muss es Sachen vergleichen können und lernen, welche Dinge zusammengehören. Beobachten, vergleichen, unterscheiden, sortieren. Ordnung schaffen ist eine Frage der Reife und auch häufig eine Frage der Persönlichkeit. Wie sieht es mit Ihrem Ordnungssinn aus? Zählen Sie sich eher zu den ordentlichen oder zu den unordentlichen Menschen? Und wie wichtig ist Ihnen Ordnung?
Damit Sie nicht jeden Abend allein damit beschäftigt sind, Unordnung in Ordnung zu verwandeln, könnten Sie Ihr Kind spielerisch miteinbeziehen, auch wenn es noch nicht versteht, warum und wie es aufräumen soll. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Aufräum-Abendritual? Eventuell mit Hilfe vom Teddybär, von der Puppe oder einem selbst gesungenen motivierenden «Aufräumlied»? So lange gesungen wird oder das Lied ertönt, wird aufgeräumt und nach getaner Arbeit ein Freudentänzchen aufgeführt.
Oder immer, wenn die Musik stoppt, wird ein Spielzeug vom Boden aufgehoben und an seinen angestammten Platz gebracht. Autos und sonstige Fahrzeuge sind an ihrem Garagenplatz am besten aufgehoben und werden gleich da hinchauffiert. Puppen und Stofftiere schlafen am liebsten auf ihrem kuscheligen Schlafplatz und werden sanft in den Schlaf gewiegt. Eine Schachtel im Wohnzimmer und eine im Kinderzimmer bieten Platz für das ganze restliche Spielzeug.
Versuchen Sie, das Aufräumen möglichst gelassen und spielerisch über die Runden zu bringen. Auch beim Aufräumen lernt Ihr Kind an Ihrem Vorbild. Nicht nur, was Sie tun, ist wichtig, sondern auch, mit welcher Haltung und Einstellung Sie es tun. Gemeinsames Aufräumen kann Spass machen, und das Gefühl danach ist für Gross und Klein beflügelnd: Eltern fühlen sich am Abend wohler, wenn nicht überall Spielsachen herumliegen. Dem Kind fällt der Start in den neuen Spieltag leichter, wenn es seine Sachen am gewohnten Ort wiederfindet und alles bereit ist für das Entstehen von neuen Spielen und Bauwerken.
Sollte das Chaos im Kinderzimmer oder in der ganzen Wohnung überhand nehmen, könnte dies auch daran liegen, dass dem Kind zu viele Spielsachen aufs Mal zur Verfügung stehen. Probieren Sie in diesem Fall aus, was sich ändert, wenn Sie einen Teil davon wegräumen und zum Beispiel eine Zeit lang auf dem Estrich lagern. Weniger ist oft mehr, und weggeräumte Spielsachen sind mit neuem Erscheinen wieder attraktiver!
Kinder wollen und müssen die Welt mit all ihren Sinnen erfahren – ob sie Joghurt mit den Händen essen, sich Sand in den Mund stopfen oder später, wenn sie grösser sind, von Pfütze zu Pfütze springen. Am Kind und auch an den Kleidern hinterlassen solche Experimente Spuren, nicht immer zur Begeisterung der Eltern.
Kinder sollten möglichst vielfältige Sinneserfahrungen machen können, denn die Sinne sind für sie das Tor zur Welt. Sauberkeit und Hygiene sollten nicht so sehr ins Zentrum rücken, dass sie sinnliche Erlebnisse verunmöglichen. Seien Sie grosszügig und lassen Sie Ihr Kind die Welt entdecken. Ziehen Sie ihm Kleider an, die für seine Expeditionen tauglich sind. Wen kümmert es, wenn Ihr Kind strahlend, aber verschmiert und verdreckt daherkommt! Legen Sie nicht den Ehrgeiz an den Tag, dass es so frisch gewaschen und fleckenlos sein soll wie die Kinder in der Fernsehwerbung. Lieber ein fröhliches, ab und zu schmutziges Kind als eines, das sich vor Angst, dreckig zu werden, kaum zu bewegen traut.
Übrigens: An vielen Orten gibt es Kinderkleiderbörsen. Da Kleidung von kleinen Kindern ja selten abgetragen wird, bekommen Sie hier gut erhaltene Sachen entweder im Tausch oder für wenig Geld.