Ein Jahr und zwei Monate
Täglich erleben Sie, wie Ihr Kind durch Ausprobieren lernt, wie es seine Umgebung beobachtet und Verhaltensweisen nachahmt. Eltern sind wichtige Vorbilder, vor allem auch in Bezug auf Geschlechterrollen.
Für Kinder sollte es selbstverständlich sein, dass Rollenverteilungen nicht fix sind und dass es keine Frage des Geschlechts ist, ob jemand gut waschen, bügeln und kochen oder handwerklich tätig sein und den Rasenmäher bedienen kann. Je vielfältiger Kinder das Verhalten von Frauen und Männern erleben, umso grösser sind die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten.
Schon früh, ab etwa einjährig, fängt es an, dass Kinder sich mit dem einen oder anderen Geschlecht identifizieren. Dabei orientieren sich vor allem junge Kinder stark an stereotypen Äusserlichkeiten: Ein Mann hat kurze Haare, ist gross und kräftig und spricht mit tiefer Stimme. Eine Frau trägt längere Haare, ist kleiner und weniger stark als ein Mann.
Kinder passen sich ihren Rollenvorbildern an und ahmen Erwachsene nach. So üben sie Geschlechterrollen ein und übernehmen ganz selbstverständlich Eigenschaften, die sie einem Jungen oder einem Mädchen zuschreiben. Wird Ihr Kind von Erwachsenen und anderen Kindern darin bestärkt, festigt sich dieses Rollenverhalten mit zunehmendem Alter.
Im Umgang mit Kindern und anderen Erwachsenen sollte man nach Möglichkeiten vermeiden, Verhaltensweisen einem Geschlecht zuzuordnen. Wie leicht kommentiert man, dass ein richtiger Junge nicht so schnell Angst habe und Mädchen eigentlich nicht so laut herumschreien. Wenn Ihr Junge sich noch nicht auf die Rutschbahn traut, ist er noch längst kein Angsthase. Möchte Ihre kleine Tochter alleine umherklettern, halten Sie sie genauso wenig zurück wie Ihren Jungen.
Mit der Wahl von Geschichten und Spielsachen tragen Sie ebenfalls dazu bei, dass Geschlechterzuschreibungen nicht bereits an Ihrem Kleinkind haften. Bieten Sie Mädchen und Jungen gleichermassen Autos und Puppen zum spielen an. Achten Sie darauf, wer die Helden in den Geschichten sind, die Sie erzählen und dass es sich nicht nur um mutige Prinzen und hübsche Prinzessinnen handelt.
Ermuntern Sie Ihr Kind – unabhängig von seinem Geschlecht – neue Erfahrungen zu machen und Grenzen auszuloten. Zeigen Sie aber auch Verständnis, wenn es sich zögerlich an neue Herausforderungen heranwagt. Löst man sich von Erwartungen, was weibliche und männliche Verhaltensweisen sind, fällt es leichter, Interessen und Fähigkeiten des Kindes, unabhängig von seinem Geschlecht, zu fördern.
Lassen Sie es aber auch zu, wenn sich bei Ihrer Tochter typisch weibliche Eigenschaften bemerkbar machen und sie beispielsweise wie magnetisch von der Farbe Rosa oder von Glitzersachen angezogen wird. Zweifeln Sie nicht an Ihrem Erziehungsstil, wenn Ihr Sohn, trotz Puppen und Kochgeschirr, bloss den Plastiktraktor oder die Garage anpeilt.
In einer gendergerechten Erziehung geht es nicht darum, die Geschlechter gleichzuschalten. Vielmehr soll dem Kind Wahlfreiheit zugestanden werden, damit es seine Persönlichkeit frei entfalten kann und nicht durch Erwartungen und Geschlechterklischees eingeengt wird.
Manche Kinder fühlen sich in den ihnen zur Verfügung stehenden Geschlechter- und Rollenbildern nicht wohl. Leidet Ihr Kind unter den Erwartungen, lohnt es sich, dies mit einer Fachperson wie etwa der Kinderärztin, dem Kinderarzt zu besprechen.
Im Prinzip können Eltern wählen, wie sie Beruf und Kindererziehung verbinden und aufteilen möchten. Doch die klassischen Rollenaufteilungen scheinen sich nur langsam aufzuweichen. Viele Mütter entscheiden sich eher für eine Teilzeitarbeit, um den Spagat zwischen Familie und Beruf besser zu bewältigen. Und zu oft noch haben Väter Mühe, Unterstützung vom Arbeitgeber zu erhalten, wenn das Familienleben plötzlich mehr Platz einnehmen soll.
Versuchen Sie unabhängig von Erwartungshaltungen herauszufinden, wie Sie in Ihrer Familie Beruf und Familienleben kombinieren wollen. Suchen Sie dann das Gespräch mit dem Arbeitgeber und sprechen Sie über Ihre Vorstellungen. Vielleicht finden Sie gemeinsam kreative Lösungen, wie etwa mehr Homeoffice und dafür kürzere Tage oder eine vorübergehende Pensumsreduktion.