1 Jahr alt
Beginnt Ihr Kind zu sprechen, erfährt Ihr Zusammenleben eine weitere Bereicherung. Die Entwicklung der Sprache ist ein komplizierter und faszinierender Vorgang.
Bisher drückte Ihr Kind Freude, Unlust und Wünsche mit seinem Gesicht, seinem Körper und seinen eigenen Lauten aus. Gegen das Ende des ersten Lebensjahres ändert sich das allmählich. Das Kind entdeckt, dass es interessant ist, was wir Erwachsenen zu den verschiedenen Tätigkeiten meinen. Und so schaut es jetzt nach jedem kleinen Erlebnis zur Bezugsperson, als ob es fragen wollte «Hast du das gesehen?», «Was meinst du dazu?».
Auf diese Weise erkennt es, dass in ähnlichen Situationen immer wieder gleiche Wörter auftauchen. Dies ist so spannend, dass es sich jetzt aktiv daranmacht, dies zu überprüfen, das heisst, es beginnt auf Dinge zu zeigen. Viele Kinder zeigen tausendmal auf ein Auto und wollen einfach nur hören, dass Mama und Papa, Oma, Opa und alle anderen Leute heute, morgen und übermorgen «Auto» sagen.
Auf diese Weise entdecken sie zudem, dass wir nicht nur zu diesem besonderen Auto «Auto» sagen, sondern ebenso zu vielen anderen Gegenständen mit vier Rädern. Mit diesem Schauen und Zeigen beginnt die eigentliche Entwicklung der Sprache. Bald kann Ihr Kind viele Wörter verstehen und natürlich wird es jetzt auch versuchen, einzelne Wörter selbst zu sagen.
Zuerst reagiert das Kind auf den Klang Ihrer Stimme, auf Ihren Gesichtsausdruck und auf die Situation, in der ein bestimmtes Wort ausgesprochen wurde. Immer wieder hört es die gleichen Wörter – und eines Tages merkt es, dass das Ding, das jeden Morgen mit Milch gefüllt wird, «Tasse» heisst.
Ihr Kind versucht immer stärker, Geräusche, Stimmen oder Musik nachzuahmen. Es gibt Ihnen auf Wunsch einen bestimmten Gegenstand. Es «brabbelt» zufrieden vor sich hin, wenn es allein ist. Es beginnt, ein bis zwei Wörter verständlich auszudrücken. Kurz: Ihr Kind kann aufmerksam zuhören, versteht schon einiges, obwohl es vielleicht noch nicht mit Worten antworten kann.
Erinnern Sie sich: Wir haben früher einmal geschrieben, wie gut es ist, mit dem Kind zu sprechen, ihm zu erzählen, was Ihnen gerade so durch den Kopf geht. Wenn Sie jetzt über Dinge sprechen, die es interessieren, bemüht sich das Kind, Ihnen zu antworten, und formt Laute und Silben.
Schon in diesem Alter entwickeln die Kinder eigene Vorlieben für bestimmte Lautfolgen. Immer wieder sind Aussenstehende erstaunt, dass Sie als Eltern Worte wie «agaga» oder «memem» verstehen. Sie können Ihr Kind unterstützen, indem Sie wiederholen, was es Ihnen sagen will. «Ja, ich verstehe, du möchtest spazieren gehen.» Ein spannendes Spiel!
Wird das einjährige Kind aufgefordert, «Papa» oder «Mama» zu sagen, reagiert es mit Aufregung und bringt irgendeinen Laut hervor, «pa» oder «be» oder gar schon «Mama» oder «Papa». In diesem Alter kommt es nicht so sehr auf die Anzahl der Wörter an, die Ihr Kleines verwendet; viel wichtiger ist, dass es den Inhalt verstehen lernt.
Viele Kinder sprechen ziemlich lange, manchmal bis ins dritte Lebensjahr, ihre eigene (Kinder-)Sprache. Der Übergang zur korrekten Sprache geschieht dann oft sehr rasch. Sie als Eltern werden Ihr Kind bald sehr gut verstehen. Aber Freunde und Verwandte, die es nur gelegentlich sehen, werden ihre Mühe haben, «drauszukommen».
Es kann für kleine Sprachkünstlerinnen und Sprachkünstler recht enttäuschend sein, wenn man sie einfach nicht verstehen kann. Vielleicht können Sie als Eltern helfen, in Worte zu fassen, was Ihr Kind ausdrücken will. Versuchen Sie aber, sich in der Regel als «Dolmetscher» zurückzuhalten, da sonst für Ihr Kind wichtige sprachliche und soziale Übungsfelder verloren gehen.
Auch in der Sprachentwicklung heisst es: ermuntern, nicht kritisieren. Weisen Sie Ihr Kind nicht auf Fehler hin, sondern anerkennen Sie, was es schon richtig macht. Wenn das Kind ein Wort falsch ausspricht, sagen Sie nicht: «Das heisst nicht Tuhl, sondern Stuhl», sagen Sie: «Ja, das ist ein Stuhl.»
Bedenken Sie auch, dass es beim Erlernen der Sprache grosse Unterschiede zwischen den Kindern gibt. Da sind die Gesprächigen, die alles heraussprudeln, was ihnen in den Sinn kommt, auch wenn sie viele Wörter noch nicht richtig aussprechen. Bei ihnen ist der Mitteilungsdrang stärker als das Sprechvermögen.
Andere merken, dass sie noch nicht wie die Erwachsenen reden können, und verzichten deshalb lieber ganz darauf. Sie drücken ihre Wünsche durch Mimik, Gebärden und kurze, prägnante Ausrufe aus. Wenn sie dann bereits viel verstehen, werden sie plötzlich – praktisch über Nacht – drauflosreden und stehen den «Frühsprechenden» in nichts nach!
Meist sprechen Mädchen etwas früher als Jungen. Es gibt Kinder, die nicht sprechen, weil sie nicht hören können. Nehmen Sie sich die Zeit und beobachten Sie Ihr Kind genau, wenn Sie meinen, dass etwas nicht stimmt. Reagiert es auf Geräusche? Blickt es in die Richtung, aus der Sie kommen? Versteht es, was Sie ihm sagen wollen? Freut es sich, wenn Sie ihm etwas Schönes ankündigen? Wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas nicht in Ordnung ist, informieren Sie die Kinderärztin, den Kinderarzt.
Kinder, die mehrsprachig aufwachsen können, haben im späteren Leben Vorteile. Häufig ist zwar ihre Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren anfänglich etwas verzögert. Dies drückt sich darin aus, dass der Wortschatz in den ersten Lebensjahren etwas kleiner ist oder sie bis ins frühe Schulalter einfachere Sätze machen.
Aber dies sollte Eltern nicht davon abhalten, ihr Kind mehrsprachig aufwachsen zu lassen. Nach einer gewissen Zeit gleicht sich das wieder aus. Es ist eine Bereicherung, wenn sich das Kind in verschiedenen Sprachen verständigen kann. Jeder Elternteil sollte allerdings in seiner eigenen Muttersprache mit dem Kind sprechen, unabhängig davon, wie Sie miteinander reden. So erlebt das Kind Sprache und Person als Einheit und erhält in beiden Sprachen eine solide Basis. Wechselt eine Person die Sprache öfter, kann das beim Kind zu Überforderung führen.