1 Jahr alt
Zunehmend entwickelt Ihr Kind einen eigenen Willen. Das bringt Sie – aber auch Ihr Kind – in manche schwierige Situation, da Ihr Kind öfters mit Wut reagiert. Wie geht man damit um, wenn alltägliche Handlungen zum Machtkampf werden? Und wie gelingt es, Grenzen zu setzen?
Noch gestern hat Ihr Kind strahlend nach dem Apfelstück gegriffen, das Sie ihm hinstreckten – heute schiebt es Ihre Hand energisch beiseite. Ihr Kind hat eine wichtige Entdeckung gemacht: Es kann etwas ablehnen. Sie haben wirklich guten Grund, auf diese Willenserklärung Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes stolz zu sein, eine wichtige Phase in der Persönlichkeitsentwicklung Ihres Kindes beginnt.
Allerdings sind Sie vielleicht ganz erstaunt, wenn es keine zwei Minuten später doch den Apfel essen will. «Was ist los?», fragen Sie sich. Will es nun oder will es nicht? Es will, aber will doch nicht. Viel wichtiger als der Apfel ist nämlich die Erkenntnis, selber etwas bewirken zu können, indem man seinen Willen durchsetzt. Erstaunlich, was das bei Mami oder Papi auslösen kann.
Mit dieser neuen Fähigkeit der Willensäusserung betritt Ihr Kind nun ein neues Lernfeld. Es übt sich darin, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, sich durchzusetzen und auch abzugrenzen. Das ist ganz schwierig, und es ist verständlich, wenn es dabei wütend und zornig werden kann.
Für Sie als Eltern wird es ebenfalls nicht ganz einfach sein, diese Entwicklung zum eigenen Willen verständnisvoll zu begleiten. Für die Persönlichkeit Ihres Kindes ist dies jedoch sehr wichtig. Daher lohnt es sich, von Anfang an genau zu beobachten, wie Ihr Kind Abneigung, Widerstand, Unbehagen, Zorn oder seine Meinung ausdrückt. Auf welche Art sagt es zum Beispiel «Nein»? Wenn noch nicht in Worten, dann vielleicht mit seinem Gesichtsausdruck, durch Wegschieben oder Wegwerfen, durch Kopfschütteln oder durch Abwenden des Kopfes.
Soeben ist Ihr Kind zielstrebig zum Büchergestell gekrabbelt in der Absicht, aus «seinem» Fach ein Buch herauszuziehen. Irgendwie hats geklemmt, das Buch war nicht herauszubringen – und schon ist Verzweiflung oder Zorn ausgebrochen.
Die Unternehmungslust des Kindes, seine Neugier, sein Drang nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sind noch lange Zeit viel grösser als seine körperlichen Fähigkeiten. Und so reagiert es enttäuscht, verzweifelt und ärgerlich über sein Unvermögen. Sie können in solchen Momenten dem Kind diskret helfen, indem Sie das Buch – um bei diesem Beispiel zu bleiben – sachte etwas vorschieben, damit es leichter herausrutscht.
Oft wird Ihr Kind mit seinem Handeln an Grenzen stossen, die seinen frisch erwachten Eigensinn herausfordern. Es hat soeben die herumliegende Fernbedienung der Stereoanlage erwischt. Nur schwer kann es akzeptieren, dass dies kein Spielzeug ist. Vielleicht will es Ihr «Nein! Lass dieses Gerät liegen!» nicht befolgen, sodass Sie es ihm aus den Händen nehmen müssen. Je nach Temperament wird es nun mit Vehemenz auf diese Einschränkung reagieren.
Es kann zuweilen für Ihr Kind auch mühsam sein, wenn Sie seine Sprache nicht sofort verstehen. Doch wie sollen Sie wissen, was es genau will, wenn es «uh, uh» ruft? Will es auf den Stuhl gesetzt werden, will es den Stuhl in seiner Spielecke haben oder was sonst? Nicht immer reichen Ihre Beobachtungen aus, um die Kindersprache zu verstehen. Für beide Seiten sind das manchmal schwierige Situationen.
Beim Wickeln und An- oder Ausziehen hält Ihr Kind wahrscheinlich nicht mehr gern still. Es wehrt sich dagegen, will davonkrabbeln oder fuchtelt ärgerlich mit Armen und Beinen. Eine Geduldsprobe für die Grossen – eine weitere Willensprobe für die Kleinen. Ihr Sohn oder Ihre Tochter lässt nun nicht mehr alles mit sich geschehen.
Mit der Entwicklung des eigenen Willens beginnt Ihr Kind sich zu behaupten und bringt dabei auch klar zum Ausdruck, was es nicht will. Diese neue Fähigkeit wird die Alltagsroutine verändern. Eingespielte Alltagsrituale wie Wickeln, Baden, An- und Ausziehen oder Essen werden Sie als Eltern nun mit Hilfe Ihrer Fantasie und Flexibilität sowie einer grossen Portion Geduld, Fingerspitzengefühl und Humor neu gestalten müssen.
Manche Kinder reagieren ärgerlich, wenn sie in etwas vertieft sind und daraus herausgerissen werden. Wenn Ihr Kind gerade ins Spiel eingetaucht ist, können Sie mit Windelwechseln vielleicht noch etwas warten. Und wenn die Windel nur nass ist, lässt sich diese rasch im Stehen wechseln.
Auch Verse, Lieder oder ein interessantes Spielzeug können den kleinen Wildfang aufheitern, wenn es beim An- und Ausziehen, beim Wickeln oder beim Haarewaschen schwierig wird. Suchen Sie neue Möglichkeiten, um die täglichen Handlungen gemeinsam neu zu gestalten, und beziehen Sie Ihr Kind, so gut es geht und so viel wie möglich, ein.
Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind fordere Sie so sehr heraus, dass Sie ihm am liebsten einen Klaps auf den Hintern geben würden, müssen Sie Abstand von ihm nehmen. Ziehen Sie sich zum Beispiel in ein anderes Zimmer zurück, damit Sie selber zur Ruhe kommen und sich nochmals verinnerlichen können, dass Ihr Kind Sie nicht extra provoziert, sondern einfach noch zu klein ist, um Verbote zu verstehen und konsequent zu befolgen. Es würde auch gar nicht begreifen, wofür es bestraft wird. Schlagen ist kein Erziehungsmittel, es macht Kinder nur traurig, enttäuscht, mutlos und verängstigt.
Wenn Sie öfter an diese Grenze kommen, ist es nötig, dass Sie sich entlasten und mit einer vertrauten Person oder einer Fachperson darüber sprechen.
Die eine oder andere Willensäusserung Ihres Kindes wird nicht nur Sie als Mutter oder Vater immer wieder neu herausfordern, sondern auch Ihr Kind wiederholt an seine Grenzen bringen. Wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, kann das ziemlich wütend machen. Und so kann es vorkommen, dass Ihr Kind seine Wut lautstark oder handfest gegen Sie richtet.
Beobachten Sie einmal, in welchen Momenten Ihr Kind zornig wird. Manchmal möchte es schon mehr können, als seine Kräfte ihm erlauben. So lässt sich der Tisch einfach nicht wegschieben – auch heftiges Zerren daran nützt nichts. Eine Schachtel ist so fest verschlossen, dass sie sich einfach nicht öffnen lässt, obwohl das doch gestern noch geklappt hat.
Wutausbrüche können heftig auftreten und müssen langsam abklingen. Man kann sie nicht einfach stoppen, am wenigsten durch Strafe. Im Gegenteil: Wenn Sie mit dem wütenden Kind schimpfen, steigert sich die Wut unter Umständen noch.
Sie können Ihrem Kind nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Das ist auch gut so, denn der Umgang mit Enttäuschung oder eigenen Grenzen muss, wie alles andere, gelernt werden. Jedes Kind wird die Erfahrung machen, dass ihm nicht nur die Eltern etwas versagen.
Aufgrund heftiger Empfindungen kann sich ein Wutausbruch zu einem Affektkrampf steigern. Es gibt Kinder, die dabei den Atem anhalten und blau anlaufen, sogar kurz ohnmächtig werden, dann aber wieder normal atmen. Diese Wutanfälle sehen schlimmer aus, als sie sind. In der Regel sind solche Krämpfe ungefährlich und legen sich meist schnell, wenn Sie ruhig bleiben.
Es gibt auch Kinder, die im Zorn mit dem Kopf gegen die Wand oder den Boden schlagen. Auch das sieht sehr bedrohlich aus, aber sie verletzen sich dabei nicht. Falls sich die Wut Ihres Kindes wiederholt zu solchen Affektkrämpfen steigert, sollten Sie mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt darüber sprechen.
Es ist ganz wichtig, dass Sie Willensäusserungen Ihres Kindes ernst nehmen und es nicht ablenken mit Worten wie: «Nein, das verstehst du noch nicht». Sicher gibt es aber Situationen, die ein klares Nein erfordern. Ihr Kind muss wissen, dass die Schalter des Kochherdes nicht zum Spielen da sind. Nehmen Sie es ohne grosse Worte vom Herd weg, erklären Sie ihm, dass es sich wehtun könnte und lenken Sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas anderes.
Obwohl es den Sinn Ihrer Erklärung noch nicht verstehen kann, bekommt es Ihre emotionale Verfassung mit. Vielleicht provozieren Sie mit Ihrem Handeln einen Wutanfall. Allenfalls hilft es dem Kind, wenn Sie seine Gefühle benennen: «Gell, du bist wütend, weil du das nicht darfst. Das verstehe ich.» Lassen Sie Ihrem Kind Zeit und Raum dafür; es wird sich wieder beruhigen. Vielleicht benötigt es, wenn der grösste Protest vorbei ist, Ihre Nähe und Ihren Trost.
Bleiben Sie aber konsequent bei den Verboten, die Ihnen wirklich wichtig sind. Ihr Kind wird in diesem Alter noch nicht nachvollziehen können, warum es etwas nicht darf, doch es lernt durch wiederholt ausgesprochene Verbote die hauseigenen Spielregeln kennen und einzuhalten. Haben Sie Geduld dabei – dieser Prozess geht nicht von heute auf morgen und verlangt von Ihnen Einfühlungsvermögen und gute Nerven.
Besprechen Sie gemeinsam mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin oder anderen Betreuungspersonen, wo und wann Sie Ihrem Kind Grenzen setzen wollen und wo Sie ihm Raum lassen können für sein Experimentieren und Entdecken.
Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Ihr Kind (fast) alles essen kann, was auch die Grossen essen, und das vermutlich auch möchte! Allerdings wird es hier gleichermassen immer wieder Situationen geben, wo es gar nicht will.
Versuchen Sie, die Sache gelassen anzugehen. Lassen Sie sich am Tisch nicht auf Machtkämpfe ein, Essen soll kein Zwang sein, sondern ein Genuss. Lassen Sie Ihr Kind an Ihrer Tafelrunde teilnehmen und nach Lust und Laune in kleinen Portionen probieren.
Wenn Ihr Kind mit dem Essen nur noch spielt oder das Essen ganz verweigert, so nehmen Sie ihm den Teller weg, ohne zu schimpfen. Versuchen Sie es bei der nächsten Mahlzeit wieder. Nehmen Sie bei der Auswahl und Zubereitung der Speisen Rücksicht auf das Geschmacksempfinden Ihres Kindes. Vieles ist für Zunge und Gaumen noch ungewohnt und wird erst mit der Zeit vertraut.
Für die gesunde Ernährung der kleinen Esser und Esserinnen möchten wir Ihnen noch folgende Hinweise geben: