Un bimbo comodamente accoccolato in grembo alla mamma.

Damit Grenzen nicht überschritten werden

Vier Jahre

Kinder brauchen Zärtlichkeit und Körpernähe. Doch wo liegt die Grenze zwischen Liebkosung und Missbrauch?

Eltern sind oft verunsichert, wie viel Nähe ok ist. Deshalb verzichten zum Beispiel viele darauf, sich nackt vor den Kindern zu zeigen, mit ihnen zu baden, sie nach einem schlechten Traum ins gemeinsame Bett zu holen. Es wäre schade, wenn Eltern aus dieser Angst heraus ihre Zuneigung nicht mehr durch körperliche Nähe zeigen.

Verunsichert?

Bei unklaren Situationen ist die Absicht des Erwachsenen entscheidend, die hinter einer Handlung, einer Berührung steckt. Grenzen werden überschritten, wenn:

  • Erwachsene das Vertrauen, die Unwissenheit und die Abhängigkeit des Kindes ausnützen.
  • Erwachsene die eigenen sexuellen Bedürfnisse befriedigen.
  • Erwachsene die eigenen sinnlichen Wünsche mit denen der Kinder verwechseln.
  • Kinder den Körperkontakt nicht geniessen und versuchen, sich abzuwenden.
  • Erwachsene verlegen werden, wenn sie bei bestimmten Handlungen mit Kindern überrascht werden.

Die Angst vor sexuellen Übergriffen ist leider nicht ganz unberechtigt. Die Angst vor dem bösen Unbekannten ist allerdings trügerisch, da Übergriffe – falls sie stattfinden – eher durch Personen aus dem näheren Umfeld passieren. Für Eltern bedeutet das, wachsam zu sein, ohne hinter jedem Bekannten einen potenziellen Täter zu vermuten.







Illustration Zwei Kinder denken sich "Da stimmt was nicht!"

Achtsamkeit der Eltern ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit allfälligen Grenzüberschreitungen. Seien Sie aufmerksam gegenüber Ihrem Kind. Achten Sie auf abrupte oder lang andauernde Stimmungsveränderungen und verändertes Verhalten im Alltag und im Spiel. Gehen Sie Ängsten und Abneigungen nach, auch wenn sich zum Glück meistens eine harmlose Erklärung finden lässt.

Sexueller Ausbeutung vorbeugen

Über Sexualität zu reden und Mädchen und Jungen über ihren Körper und alle damit verbundenen Aspekte aufzuklären, ist wichtig, um sexueller Ausbeutung vorzubeugen. Für Kinder, die ihren Körper kennen und mögen, ist es eher möglich, «Nein» zu sagen, wenn sie auf unangenehme Art berührt werden. Kennt das Kind Worte für Berührungen oder Körperteile, kann es zu Hause eher davon erzählen.







Illustration Kinder streiten

Kinder, die früh über eine «komische» Begegnung sprechen und sich in heiklen Situationen selbstbewusster zu helfen wissen oder Hilfe holen, werden weniger leicht zu Opfern. Die Verantwortung zum Schutz gegen Übergriffe darf aber nicht an die Kinder delegiert werden.

Grenzen zu wahren liegt in der Verantwortung von Erwachsenen! Ebenso ist es unsere Aufgabe, hinzuschauen und zu reagieren, wenn andere Erwachsene oder Jugendliche kindliche Grenzen verletzen.

Sieben Grundsätze
Diese sieben Grundsätze von Limita, der Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen, helfen, Kinder zu stärken:

1. Dein Körper gehört dir!

Ihr Kind spürt und entscheidet allein, wie, wann, von wem und wo es angefasst werden möchte. Bereits sehr kleine Kinder wissen, ob sie eine Liebkosung schätzen und wann sie von einer Berührung genug haben.

Aufgabe von Erwachsenen ist es, kindliche Signale wahrzunehmen und zu respektieren. Drängen Sie das Kind nie, unerwünschte oder unangenehme Zärtlichkeiten zu geben oder zu erdulden.

2. Du darfst Nein sagen!

Die Grossmutter bringt ein Geschenk und möchte dafür ein Küsschen und der Onkel, der so selten kommt, knuddelt immer zur Begrüssung – doch Ihr Kind will nicht!
Respektieren Sie diese Reaktion, auch wenn ein Nein im ersten Moment peinlich sein kann. Unterstützen Sie Lösungen wie ein einfaches «Danke!» oder Händeschütteln zur Begrüssung.

Kinder müssen Nein sagen können, um Übergriffe von Erwachsenen abzuwehren. Andererseits können Kinder, die ständig Nein sagen, im normalen Familienalltag anstrengend sein. Versuchen Sie das Positive zu sehen und freuen Sie sich an einem Kind, das eine eigene Meinung hat, das sich zu wehren weiss, das eigenständig wird.

3. Akzeptiere das Nein anderer!

Ihr Sohn oder Ihre Tochter sollen nicht nur vor Übergriffen geschützt werden, sondern auch lernen, die Grenzen anderer zu achten. Sie müssen lernen, ein Nein anderer Kinder oder der Eltern zu respektieren, auch wenn es unbequem ist.

Am Vorbild ihrer Umwelt und der Medien erleben schon kleine Kinder, dass Aggressivität und Stärke oft eher Jungen zugestanden werden und schutzbedürftige Opferrollen meist weiblich besetzt sind. Diese Rollen zu überdenken ist Teil einer umfassenden Prävention. Wer meint, mehr Rechte zu haben als andere, fühlt sich schneller ermutigt, seinen Willen auch mit Gewalt durchzusetzen. Und wer meint, sich nicht selber schützen zu können, wird sich weniger gegen Übergriffe wehren.

4. Deine Gefühle sind wichtig

Meistens wissen Kinder genau, was sie von etwas halten: Der Pullover kratzt, der Käse stinkt und Mareike aus der Wohnung nebenan ist blöd. Erwachsene versuchen, mit einem «Ist doch gar nicht so schlimm» oder «Ich finde das Mädchen nett» Situationen zu entschärfen oder mit einem «Das schmeckt aber gut», das verhasste Sauerkraut schmackhaft zu machen.

Werden einem Kind aber häufig Gefühle ausgeredet oder umgedeutet, verliert es einen wichtigen Selbstschutz: seine innere Stimme, die ihm sagt, wenn etwas nicht stimmt.

5. Es gibt gute und schlechte Geheimnisse

Gute Geheimnisse sind spannend und machen Freude. Schlechte Geheimnisse bereiten Sorgen oder Angst. Das Kind muss wissen, dass es unangenehme Geheimnisse einer Vertrauensperson erzählen darf, auch wenn es mit Geschenken, Versprechen oder Drohungen zum Schweigen verpflichtet wurde.

6. Du darfst darüber reden und Hilfe holen

Mit Kindern kann – sachlich und undramatisch – über sexuellen Missbrauch geredet werden. Sie müssen wissen, dass Mutter oder Vater sie anders anfassen dürfen als zum Beispiel der Nachbar. So lernen sie,

  • dass es in gewissen Situationen schlecht ist, zu gehorchen
  • dass es erlaubt ist, Nein zu sagen, davonzulaufen und Hilfe zu holen
  • dass sie von bedrückenden und unangenehmen Erlebnissen erzählen dürfen, bis jemand zuhört.

Wird zu Hause offen (über Sexualität) gesprochen, traut sich ein Kind eher, einem Familienmitglied auch von «komischen» oder gar negativen Erlebnissen zu berichten.

7. Du trägst keine Verantwortung

Ihr Kind soll wissen, dass es Menschen gibt, die auch über ein lautes und deutliches Nein hinweghören. Oder die einem solche Angst einjagen, dass man sich nicht zu wehren traut. Wenn Erwachsene Grenzen überschreiten, tragen sie allein die Verantwortung für das, was sie dem Kind antun.

Hilfe holen

Wo Grenzen überschritten werden, brauchen Kinder und Erwachsene Hilfe. Wenden Sie sich an eine Fachperson. Dort können Sie auch Rat holen, wenn Sie ein ungutes Gefühl haben oder einen Missbrauch vermuten und nicht weiterwissen. Auskunft oder geeignete Adressen geben Ihnen – anonym! – die kantonalen Opferhilfestellen, Limita, Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen , regionale Kinderschutzgruppen (die Adressen finden Sie im Internet), oder die Pro Juventute Elternberatung (Tel. 058 261 61 61).

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