11. Monat
Es gibt hunderterlei Dinge im täglichen Zusammenleben als Familie, die Mühe machen können: Manche Menschen lieben Ordnung über alles, andere hingegen fühlen sich in einem Durcheinander am wohlsten.
In einer Partnerschaft treffen unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Vielleicht gehören Sie zum Typ der Morgenmuffel, die kaum ansprechbar am Frühstückstisch sitzen, während Ihr Gegenüber bereits hellwach und gesprächig ist. Andere wiederum verbringen den Sonntag am liebsten zu Hause, während die Partnerin oder der Partner unbedingt etwas unternehmen möchte.
Kleinigkeiten sind das, meint man manchmal. Doch sie können im Laufe der Zeit so wichtig werden, dass es sich lohnt, sie ernst zu nehmen und über die gegenseitigen Bedürfnisse, Gewohnheiten und Erwartungen miteinander zu reden.
Auch wenn Sie sich beide an Ihrem Kind freuen und ein Leben ohne den Sohn oder die Tochter nicht mehr denkbar wäre – die Erfahrung, dass es mit Kindern unweigerlich zu neuen Diskussionen mit veränderten Inhalten kommt, teilen alle Eltern, egal, ob sie zusammenleben oder nicht.
Übermüdung und Gereiztheit durch ständig unterbrochenen Schlaf sind oft Auslöser für Streitigkeiten. Schlafmangel und andere zusätzliche Belastungen machen meist empfindlicher und verletzlicher. Bei Erziehungsfragen sind Mutter und Vater nicht derselben Ansicht, und dies kann zu Auseinandersetzungen führen.
Verzweifeln Sie also nicht bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit. Eine anfängliche Hilflosigkeit in Erziehungsfragen gehört zum Elternsein – aus Anfängern und Anfängerinnen werden aber mit der Zeit Fortgeschrittene!
Neben Unstimmigkeiten, die sich durch das Zusammenleben ergeben, gibt es auch grundsätzliche Probleme, die das Familienleben sehr belasten können. Da ist zum Beispiel das Thema Geld. Wenn Sie vor der Geburt des Kindes zwei volle Löhne zur Verfügung hatten und nun zu dritt mit nur einem oder zwei reduzierten Löhnen auskommen müssen, zwingt das zu Einschränkungen. Geldsorgen sind häufig Anlass zu Streitigkeiten.
Konflikte können auch entstehen, wenn Sie sich als (vollzeitliche) Hausfrau und Mutter oder als (vollzeitlicher) Hausmann und Vater zu Hause isoliert fühlen oder wenn die vereinbarte Aufteilung von Berufs-, Haushalts- und Familienarbeit nicht so klappt, wie Sie es sich beide vorgestellt haben. Probleme am Arbeitsplatz oder Arbeitslosigkeit bedeuten ebenfalls grosse Belastungsproben für eine Partnerschaft.
Was tun, wenn einem alles über den Kopf wächst? Wenn man an die eigenen Grenzen kommt und sich in der Partnerschaft Unzufriedenheit breit macht? Ärger und Wut, die des Friedens willen hinuntergeschluckt werden, verschwinden nicht. Es ist wichtig, rechtzeitig und wiederholt zu formulieren, was einen beschäftigt und was man konkret vom anderen erwartet.
Warten Sie nicht, bis Ihre Verstimmung so gross ist, dass Sie nur noch Kritik ausüben, aneinander «herumnörgeln» oder einander sogar beleidigen. Damit geht die Basis für konstruktive Gespräche verloren. Teilen Sie einander mit, was Sie in schwierigen Situationen empfinden, und erwarten Sie nicht von der Partnerin, vom Partner, dass sie oder er von sich aus spürt, wie Ihnen zumute ist.
Bleiben Sie miteinander im Gespräch und versuchen Sie, sich auch in die Rolle Ihrer Frau, Ihres Mannes zu versetzen, um die Optik zu wechseln, den Blickwinkel zu erweitern.
Wenn die Stimmung in der Partnerschaft eher gereizt ist und man sich vielleicht ziemlich ratlos fühlt, hilft es auch, sich wieder darauf zu besinnen, welche Stärken der Partner, die Partnerin hat und was Sie besonders an ihm oder ihr lieben. Vergessen Sie nicht, das einander von Zeit zu Zeit auch mitzuteilen!
Wie wir in den bisherigen Texten schon verschiedentlich erwähnt haben, ist es ganz wichtig, dass Sie sich zur Pflege Ihrer Partnerschaft Zeit nehmen. Dies gelingt oft am besten ausser Haus, damit Sie sich innerlich vom Kind lösen und sicher sein können, dass Sie beim Zusammensein nicht plötzlich von einem weinenden Kind gestört werden.
Viele Eltern hüten an den Abenden abwechslungsweise das Kind, um der Partnerin, dem Partner freie Zeit für eigene Interessen zu ermöglichen. Vergessen Sie dabei nicht, dass Sie als Paar ebenfalls Zeit füreinander brauchen, auch wenn die Organisation eines Babysitters aufwendiger ist als die Kinderbetreuung durch den Partner, die Partnerin.
Wie wäre es, einander zum Geburtstag oder an Weihnachten ein gemeinsames Wochenende ohne Kind zu schenken? Die eigenen Eltern, Gotte oder Götti des Kindes leisten dazu vielleicht gerne einen Beitrag, indem sie das Kind hüten.
Der unterschiedliche Alltag mit dem Kind oder in der Berufswelt kann zu unterschiedlichen Bedürfnissen nach Erholung führen. Entspannen Sie sich am liebsten mit einem gemütlichen Fernsehabend oder einem guten Buch? Oder würden Sie lieber der Partnerin, dem Partner bei einem Glas Wein alles erzählen, was tagsüber am Arbeitsplatz oder zu Hause gelaufen ist? Oder gibt es für Sie nichts Schöneres, als sich nach einem anstrengenden Tag in die Badewanne zu legen und Musik zu hören?
Definieren Sie, was «Erholung» für Sie bedeutet, und teilen Sie dies Ihrer Partnerin, Ihrem Partner mit. So können Sie die Abende – und Wochenenden – so gestalten, dass beide sich auf ihre Art erholen können.
Auseinandersetzungen, Streit, Meinungsverschiedenheiten – das alles gehört zum Zusammenleben und muss wegen des Kindes nicht verborgen und unterdrückt werden. Nicht die beständige Harmonie ist das Geheimnis einer guten Beziehung, sondern die Fähigkeit, respektvoll Konflikte auszutragen.
Eltern sind Vorbilder und werden von ihren Kindern nachgeahmt – auch in der Art, wie sie miteinander streiten. In manchen Familien kann es – wenn die Gemüter sich erhitzen – ganz schön laut zugehen. Doch nicht die Lautstärke hinterlässt bleibende und Angst machende Eindrücke, sondern die Intensität eines Streits.
Schaden nimmt das Kind dann, wenn die Eltern das Mass des fairen Streites verlieren, einander durch grobe Beschimpfungen seelische Verletzungen zufügen oder handgreiflich werden. Dies kann grosse Ängste auslösen und tiefe Spuren hinterlassen.
Eine Diskussion zwischen Tür und Angel lässt sich nicht immer vermeiden – wächst sich diese jedoch zum Wortgefecht aus und endet womöglich mit dem unsanften Zuschlagen einer Tür, so ist es besser, wenn Sie Ihrem Kind erklären, warum Sie sich streiten und dass es keine Angst haben muss. Für Ihr Kind ist es ganz wichtig, zu spüren, dass Sie es gern haben – auch wenn Sie als Eltern sich streiten.
Je älter es wird, desto besser wird es verstehen, dass Auseinandersetzungen zum Leben gehören. Wichtig dabei ist, dass Ihr Kind mitbekommt, dass ein elterliches «Gewitter» vorübergeht. Aus Distanz kann wieder Nähe werden, wenn Klarheit geschaffen worden ist. Vielleicht brauchen Sie dafür noch einen ruhigen Moment zu zweit, um die Angelegenheit zu diskutieren.
Beenden Sie einen eskalierenden Disput vor Ihrem Kind und führen Sie die Diskussion später unter vier Augen weiter. Wenn der Streit vorüber ist, ist es für Ihr Kind sehr beruhigend und erlösend, wenn es Zeuge Ihrer Versöhnung sein kann. Ein Lächeln, eine Umarmung oder ein Kuss können Ausdruck dafür sein, dass man sich trotz eines Streites immer noch gern hat.
Ein «guter» Streit sollte mit einer Einigung enden und nicht mit einem Sieg. Versuchen Sie, Ihre eigene Kultur des Streitens und Versöhnens zu entwickeln, mit gemeinsam festgelegten «Spielregeln».
Unterschiedliche Vorstellungen zur Kindererziehung können eine dauernde Quelle von Spannungen sein. Manchmal werden diese noch geschürt, indem sich Aussenstehende einmischen. Es gibt wohl kein Elternpaar, das immer in allen Erziehungsfragen gleicher Meinung ist.
Jeder Elternteil bringt seine eigenen Kindheitserfahrungen mit, seine eigene, ganz persönliche Familiengeschichte, welche die Vorstellung, was für das eigene Kind gut ist, prägt. Sei es, dass man aus positiven Erfahrungen heraus vieles ähnlich machen möchte, sei es, dass man im Gegenteil alles ablehnt, was für die eigenen Eltern massgebend war.
Teilen Sie einander persönliche Erfahrungen und Kindheitserlebnisse mit, reden Sie über Ihre Erwartungen und Vorstellungen. Oft wird dem Gegenüber dann klarer, worauf eine Ansicht oder Überzeugung begründet ist. Versuchen Sie, in grundsätzlichen Fragen eine gemeinsame Linie zu finden. Formulieren Sie gemeinsam aus, welche Vorstellungen Sie teilen, was für Sie beide grundlegend wichtig ist.
Versuchen Sie, in Alltagsfragen gegenseitig grosszügig zu sein. Ihr Kind wird es akzeptieren, wenn bei der Mutter und beim Vater nicht immer genau die gleichen Regeln gelten. Voraussetzung ist aber, dass es dabei die gegenseitige Achtung der Eltern spürt. Wenn Ihr Partner, Ihre Partnerin dem Kind gegenüber anders reagiert, als Sie es tun würden, so stellen Sie ihn oder sie vor Ihrem Kind nicht bloss. Ihr Kind wird die Uneinigkeit und einen eventuell gehässigen Tonfall spüren. Lassen Sie ab und zu fünf gerade sein oder reden Sie später in Ruhe darüber .
Wenn das Gespräch kein Verständnis mehr bringt, der Groll immer grösser wird, die Verletzungen und Vorwürfe zunehmen, dann ist es hilfreich, Aussenstehende beizuziehen. Manchmal hilft das Gespräch mit einem befreundeten Paar. Manchmal braucht es auch fachliche Hilfe, sei dies eine Mediation, wo der Umgang miteinander verhandelt, die Aufgabenteilung geklärt und gemeinsam nach neuen Regelungen gesucht wird. Eine andere Hilfestellung kann eine Beratung oder eine Therapie sein, wo Ihre Gefühle und Ihre Beziehung mehr im Vordergrund stehen.
Wenn es zu Gewalt in der Partnerschaft kommt, ist das ein eindeutiges Zeichen für eine Überlastungssituation und dringender Anlass, sich und das Kind zu schützen und Hilfe zu holen. Schämen Sie sich nicht, Ihre Not nach aussen zu tragen.
Wenden Sie sich an Fachleute wie Psychologinnen, Sozialarbeiter, Seelsorgerinnen oder die Familienberatung. Es gibt auch spezialisierte Beratungsstellen für Frauen und Männer im Bereich der häuslichen Gewalt.
Lassen Sie Ihre Konflikte nicht «chronisch» werden und Ihre Liebe zudecken. Gewiss, es braucht Überwindung, zu einer offiziellen Stelle zu gehen und seine Probleme «öffentlich» preiszugeben; denn eigentlich will man alleine zurechtkommen. Die Anwesenheit einer neutralen Drittperson hilft jedoch oft, einen Schritt weiterzukommen, statt sich in eingespielten Mustern im Kreis zu drehen und sich gegenseitig zu schaden. Hinweise auf Beratungsstellen finden Sie im Adressverzeichnis.