5. Monat
Es gibt Tage, da geht alles schief. Das Baby lässt sich kaum beruhigen, die Nerven liegen blank. Solche Gefühle kennen alle Eltern. Wichtig ist, die eigene Überforderung nicht am Baby auszulassen und dem Partner oder der Partnerin zu signalisieren, dass gerade alles zu viel wird.
Es ist wie verhext: Ausgerechnet dann, wenn Sie für den Einkauf oder einen Spaziergang startklar sind, beginnt das Kind zu schreien. Was hat es denn jetzt schon wieder? Sie nehmen es auf – und schon ist es passiert: Der neue Mantel – ausgerechnet dieser – ist vollgekötzelt. Klar, dass Sie dieses Malheur sofort beheben wollen und das Kind schnell ins Bett zurücklegen – mit dem Erfolg, dass es nun umso lauter schreit.
Auch die Ausfahrt im Wagen – sonst ein erfolgreiches Mittel – wirkt heute nicht beruhigend. Der säuerliche Geruch, der vom geputzten Mantel in die Nase steigt, trägt auch nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben. Wieder zu Hause, wird die Laune immer schlechter. Das Kind weint und weint, das Essen brennt an, die Windeln sind voll, das Telefon klingelt, und das Baby schreit dazwischen – es ist zum Aus-der-Haut-Fahren.
Einfach alles, aber auch wirklich alles läuft heute schief. Ob Sie heute Nacht wohl wieder kaum zum Schlafen kommen? Wie soll das bloss am nächsten Morgen werden, wenn Sie zur Arbeit müssen und die Grossmutter zum Babysitten kommt? Ob Sie es dann überhaupt aus dem Haus schaffen?
Nerven können an solchen Tagen blank liegen, und es braucht oft Kraft, dass man seinen Ärger nicht am Kind auslässt. Wohin dann aber mit der eigenen Wut und dem Gefühl, allem nicht gewachsen zu sein und dazu noch alles falsch zu machen? «Ich kann jetzt einfach nicht mehr! Löst du mich mal ab?» Sie dürfen diesen Wunsch anmelden; bei Ihrem Partner, Ihrer Partnerin, Ihren Eltern oder einer Vertrauensperson.
Negative Gefühle wie Ärger oder Wut dem Kind gegenüber empfinden wohl alle Eltern in bestimmten Situationen. Oft besteht aber eine Hemmung, sich diese einzugestehen und sich darüber auszutauschen. Kann man mit anderen Eltern, Freunden oder Verwandten darüber reden? Entspricht man dann noch dem Bild einer «guten» Mutter, eines «guten» Vaters, wenn man so zwiespältige Empfindungen ausspricht?
Ehrlichkeit und Offenheit kann gerade unter Eltern viel Erleichterung und gegenseitiges Verständnis bewirken. Den meisten Eltern geht es nämlich genau gleich, denn es ist ganz normal, vorübergehend widersprüchliche Gefühle dem Kind gegenüber zu haben.
Viele Eltern kommen irgendwann in eine Situation, in der sie drauf und dran sind, aus Verzweiflung und Überforderung die Kontrolle über sich zu verlieren und das Baby zu schlagen oder zu schütteln. Wenn Sie spüren, dass Sie sich nur noch mühsam beherrschen können, legen Sie das Kind in sein Bettchen. Gehen Sie in ein anderes Zimmer und schaffen Sie so Distanz. Versuchen Sie, sich zu beruhigen.
Rufen Sie eine vertraute Person oder die Pro Juventute Elternberatung an (058 261 61 61). Am besten speichern Sie diese Nummer gleich in Ihrem Handy. Falls solche Situationen wiederholt auftreten, raten wir Ihnen dringend, eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Im gemeinsamen Gespräch mit einer Fachperson kann herausgefunden werden, wo die Gründe für die immer wieder auftretenden Überforderungen liegen und wie am besten Abhilfe geschaffen werden kann.
Es ist weder eine Schande noch ein Versagen, wenn man Hilfe von aussen in Anspruch nimmt. Im Gegenteil, Sie handeln verantwortungsvoll, weil Sie die Lage realistisch beurteilen und etwas für deren Veränderung tun wollen.
Manchmal hat man als Mutter oder Vater das Gefühl, das Baby wolle einen «extra» schikanieren. Genau zu Beginn des Nachtessens beginnt es zu schreien – gerade dann, wenn die Freundin zu Besuch kommt, will es nicht schlafen und verunmöglicht jedes ruhige Gespräch.
Kein Baby tut etwas «absichtlich». Es hat noch keine Fähigkeit entwickelt, Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen. Schimpfen, drohendes Schweigen, Verzicht auf das Gutenachtlied, einen Klaps oder andere Gewaltanwendungen kann es weder verstehen noch in Beziehung zu seinem Verhalten setzen. Schütteln oder schlagen Sie Ihr Baby nie, beides ist lebensbedrohlich.
Absicht ist auch dann nicht dabei, wenn das Kind genau dann quengelig, weinerlich und mühsam ist, wenn es Ihnen selber nicht gut geht. Kinder sind sehr empfindsam und spüren Nervosität und Anspannung von Vater oder Mutter und reagieren entsprechend darauf. Das kindliche Verhalten ist dann gleichsam der Spiegel des elterlichen Befindens.