Fünf Jahre
Durch Fragen versuchen Kinder, Trauer zu verarbeiten und den Tod zu verstehen. Kinder haben ein Recht, in Trauerprozesse einbezogen zu werden.
Abschiednehmen, in welcher Form auch immer, ist Teil unseres Lebens. Kinder verabschieden sich von ihren Eltern, wenn sie in den Kindergarten, die Schule gehen. Die Mutter, der Vater verabschiedet sich, um an den Arbeitsplatz zu fahren. Wir verabschieden uns von Freunden und Freundinnen, um in die Ferien zu verreisen oder von Nachbarn, die umziehen.
Der Tod ist ein Abschied auf immer. Zurück bleiben Trauer, Verzweiflung, Wut, Hoffnungslosigkeit. Wie die Geburt gehört auch das Sterben zum Kreislauf des Lebens. Wenn alte Menschen sterben, tröstet die Gewissheit, dass ein langes und hoffentlich erfülltes Leben zu Ende gegangen ist über den Verlust hinweg. Doch was ist, wenn Kinder, junge Menschen aus dem Leben gerissen werden? Wenn Babys sterben oder nicht lebend zur Welt kommen? Loslassen tut weh und wer die Frage nach dem «Warum» stellt und nach einem Sinn sucht, wird keine Antwort finden. Nach einem Verlust gilt es, den Alltag irgendwie zu meistern und einen Weg zurück in ein anderes, ein verändertes Leben zu finden.
Erfahrungen mit dem Tod haben kleine Kinder noch keine gemacht. Nicht verwunderlich also, dass es viele Fragen gibt, die nach Antworten verlangen. Wenn Kinder unbekümmert fragen, sind Erwachsene oftmals überfordert. Damit Kinder sich nicht alleingelassen fühlen, ist es wichtig, alle Fragen altersentsprechend zu beantworten. Manchmal hilft es auch, eine Frage zurückzugeben und nachzufragen: Was denkst du, warum das so ist?
Viele Fragen in Zusammenhang mit dem Tod sind eher technischer Natur. Was ist ein Sarg? Weshalb hat Grosspapa Platz in diesem Topf? Warum werden tote Menschen verbrannt? Warum gab es keine Beerdigung für unsere Katze? Andere Fragen drehen sich mehr darum, was nun mit dem toten Menschen geschieht. Warum wird man in der Erde vergraben, wenn man doch in den Himmel kommt? Ist Papa jetzt nicht ganz allein und traurig, weil wir nicht mehr da sind?
Unverblümte Fragen wirken auf Erwachsene oft irritierend und verunsichernd und die richtigen Worte zu finden, bereitet Mühe. Um sich die Welt zu erschliessen und sich eine Vorstellung zu machen, muss gefragt werden. Antworten helfen mit, Dinge zu verstehen und damit klarzukommen. Ehrliche Antworten sind wichtig und Vergleiche beim Thema Tod manchmal heikel. Der Hinweis, dass die kleine Schwester einfach eingeschlafen ist, kann beim Kind Ängste schüren. Womöglich beginnt es sich plötzlich gegen das Einschlafen zu wehren, aus Angst nicht mehr aufzuwachen.
Trauer akzeptieren und Trauer zulassen, ist gar nicht so einfach. Oft setzt man sich mit dem Anspruch, gefasst zu wirken, selber unter Druck. Manchmal tut es gut, den Tränen freien Lauf zu lassen und sich Zeit zum Weinen zu nehmen. Auch vor den eigenen Kindern muss man die Trauer nicht ständig verbergen. Mit ihren feinen Antennen spüren Kinder sowieso, dass etwas nicht stimmt.
Unausgesprochene Stimmungen bewirken oft, dass Kinder die Schuld bei sich selber suchen. Unter Umständen haben sie das Gefühl, ihr Verhalten sei der Auslöser dafür, dass Mama so traurig oder Papa gestorben ist. Besser ist, offen darüber zu reden, dass man traurig ist und weshalb man sich traurig fühlt.
Mit Trauer gehen Menschen unterschiedlich um. Die einen wollen darüber reden, andere hüllen sich in Schweigen und wieder andere versuchen, die Tatsache zu verdrängen. Wichtig ist, dass man Reaktionen von Hinterbliebenen nicht wertet, denn es gibt kein richtiges oder falsches Trauern.
Für Kinder ist der Tod noch viel unfassbarer als für uns Erwachsene. Junge Kinder erleben erst einmal die Reaktionen der Erwachsenen. Sie sehen, dass Mama traurig ist, dass Papa weint oder dass Grossmama plötzlich nicht mehr spielen mag. Bei einem Todesfall ist eine Person auf einmal nicht mehr da und gewohnte Reaktionen bleiben aus.
Verständlich, dass Kinder durch Fragen versuchen, die Situation zu verstehen und die Tragweite des Verlustes zu erkennen. Oft versuchen Erwachsene, Kinder fernzuhalten und vor der Trauer zu schützen. Da man selber kaum klarkommt, möchte man den Kindern die Heftigkeit dieser Gefühle, dieses Gefühl des Verlassenseins ersparen. Eine verständliche Reaktion, doch Kinder haben ein Recht, in Trauer- und Abschiedsprozesse einbezogen zu werden. Gleichzeitig haben Kinder ein Anrecht darauf, dass auch während trauriger Phasen Lachen Platz hat. Denn Lachen und Weinen sind gar nicht so weit auseinander. Trotz eines Verlustes dürfen Kinder unbeschwert sein und ihren Kummer im Spiel vergessen.
Das Leben ist nicht planbar und was das Schicksal mit uns vorhat, weiss zum Glück niemand. Wichtig ist, dass diese Ungewissheit nicht zu einer ständigen Angst führt und mögliche Verlustängste überhandnehmen. Kinder sollen so unbekümmert und unbelastet wie möglich gross werden.
Im Umgang mit trauernden Menschen ist Feinfühligkeit angesagt. Ein Todesfall erschüttert ein gewisses Grundvertrauen und es ist verständlich, dass man verletzlicher reagiert und dünnhäutig ist. Unter Umständen befindet man sich nach einem Verlust über längere Zeit in einem Wechselbad der Gefühle. Meist ändert sich dies auch nicht so schnell wieder.
Für Aussenstehende geht nach dem ersten Schock der gewohnte Alltag weiter. Doch für die betroffene Familie ist nichts mehr, wie es einmal war. Wichtig ist, dass man Trauernden Zeit zugesteht und Verständnis aufbringt, dass nicht nach ein paar Wochen alles wieder so ist wie früher.
Wer seinen Partner, seine Partnerin oder gar ein Kind verloren hat, braucht unglaublich viel Kraft und Energie, mit dem Verlust klarzukommen. Es hilft, wenn Freunde einfach da sind. Es tut gut, wenn sie Stimmungswechsel mittragen, geduldig zuhören, wenn man erzählen möchte, ablenken, wenn es nötig ist und verstehen, wenn man mit sich und seiner Trauer allein sein möchte.
Trauer ist nicht wie ein Kleidungsstück, das man einfach ablegen kann. Trauer ist ein Prozess mit unterschiedlichem Ausgang, der stärken aber auch zerbrechen kann. Und oft benötigen Betroffene professionelle Hilfe, um in dieser schwierigen Lebensphase nicht unterzugehen.
Die Fachstelle für Kindsverlust ist ein nationales Kompetenzzentrum und unterstützt beim Tod eines Kindes in der Schwangerschaft, während der Geburt und der ersten Lebenszeit: www.kindsverlust.ch.
Der Verein Aurora ist eine Informations- und Kontaktstelle für Verwitwete mit minderjährigen Kindern: www.verein-aurora.ch.