Vier Jahre
Kinder sind von klein auf darauf angewiesen, körperbezogene sinnliche Erfahrungen zu machen. Und schon früh wird der eigene Körper neugierig entdeckt.
Von Anfang an erleben wir die Welt mit allen Sinnen. Babys spüren Seligkeit beim Saugen von Milch, Geborgenheit beim Einschlafen in Vaters Arm, Entzücken, geschaukelt zu werden.
Für ein Neugeborenes ist Geniessen durch den Mund zentral. Bald entdeckt es besonders empfindlich reagierende Stellen wie die Ohren, Genitalien oder Kniekehlen und reibt, wippt oder spielt damit herum. Die Ausscheidung gewinnt an Bedeutung und Kleinkinder gebrauchen begeistert Wörter wie «Gaggi, Fudi, Bisi». Viele haben Lust und Freude daran, mit Dreck und Schlamm zu spielen, sich zu beschmieren, zu rülpsen und zu furzen. Nach und nach entdecken sie den Unterschied zwischen den Geschlechtern und werden sich ihres eigenen Körpers bewusst.
Im Vorschulalter setzen sich Kinder immer mehr mit sich und dem eigenen Geschlecht auseinander. Die Suche nach der eigenen Identität ist komplex und findet nicht nur auf der körperlichen Ebene statt. Vielleicht möchte Ihr Junge im Prinzessinnenkleid in den Kindergarten gehen. Oder wenn er gross ist, ein Baby in seinem Bauch haben. Oder Ihr Mädchen findet, dass sie keine Tina, sondern ein Tim sei. Möglicherweise ist das eine Phase, die mit der Entwicklung zusammenhängt und auch wieder vorbeigeht. Wenn Sie jedoch das Gefühl haben, dass sich Ihr Kind in seinem Körper unwohl fühlt, sollten Sie sich an Ihren Kinderarzt oder Ihre Kinderärztin wenden.
Auch beginnen Vorschulkinder, sich gegenseitig zu untersuchen. Interessant werden Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Fortpflanzung, Schwangerschaft und die eigene Geburt. Wie schon beim Laufen- oder Sprechenlernen entwickelt sich jedes Kind in seinem eigenen Tempo und mit persönlichen Schwerpunkten oder Vorlieben.
Es gehört zur Entwicklung, dass Kinder ihre Geschlechtsteile berühren, reiben oder streicheln. Um den eigenen Körper zu entdecken, ist diese Phase wichtig. Die sogenannten Doktorspiele gehören also zur natürlichen Entwicklung von Kindern. In gewissen Momenten und Situationen ist dies jedoch vielleicht unangenehm. Sagen Sie, was Ihnen missfällt: «Es stört mich, wenn du am Mittagstisch mit deinem Geschlechtsteil spielst. Ich mag auch nicht, wenn jemand beim Essen in der Nase bohrt, auch wenn es noch so viel Spass macht!» Kinder verstehen, dass am Esstisch oder ausser Haus andere Regeln gelten als im Bade- oder Kinderzimmer.
«Betreten verboten!», heisst es plötzlich vor dem Kinderzimmer. Mit vier, fünf Jahren, manchmal auch später, beginnen Kinder miteinander «schnäbele», «Fudi luege» oder «Baby machen» zu spielen.
Dökterle dient dem Ausprobieren. Kinder berühren sich gegenseitig. «Wie ist denn so ein Penis› zum Anfassen?» – «Wie verändert es sich?» – «Wie sieht eine Vulva aus?» – «Wie fühlt sich das an, wenn wir uns aufeinanderlegen?» – «Komm, wir cremen uns ein!» – «Soll ich dich wickeln?» Die Fantasie ist gross, die kindliche Sinnlichkeit erfindungsreich.
Doktorspiele, auch hinter verschlossener Türe, gehören zur normalen kindlichen Entwicklung. Respektieren Sie die «erwachsenenfreie» Zone, solange dies ein unbeschwertes Kinderspiel ist. So sammeln Mädchen und Jungen Informationen über ihren Körper und den der anderen. Sie lernen dabei Grenzen kennen, respektieren und akzeptieren und mit Regeln umgehen, die Sie festlegen.
Solche kindlichen Handlungen haben nichts mit Moral oder Sittlichkeit zu tun, sondern sind Teil des kindlichen Reifeprozesses. Wenn Kinder sich sehr viel und intensiv mit ihren Geschlechtsteilen beschäftigen, kann das ein Zeichen sein, dass irgendetwas nicht stimmig ist. Seien Sie hellhörig bei der Suche nach einer möglichen Ursache. Eine Beratungsstelle oder Ihre Kinderärztin hilft weiter.
Sind Sie unsicher, ob das Spiel hinter der Türe wirklich unbeschwert ist? Generell gilt:
Stellen Sie klar, dass Kinder Hilfe von Erwachsenen holen dürfen, wenn sie sich im Spiel oder hinterher unwohl oder «komisch» fühlen.
Obwohl es wichtig ist, Kindern einen gewissen Freiraum zu gewähren, sollten Eltern auf die eigenen Gefühle achten. Macht sich bei Ihnen ein ungutes Gefühl breit, dann behalten Sie die Gruppe im Auge. Nehmen Sie die Stimmung wahr und fragen Sie im Zweifelsfalle: «Habt ihr es lustig?». Achten Sie dabei auf die Antworten jedes Kindes. Sprechen Sie mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin oder mit anderen Eltern über Situationen, bei denen Sie unsicher sind. Auch spezialisierte Beratungsstellen wie zum Beispiel «Limita» helfen weiter.
Achten Sie darauf, dass Ihr Kind nicht mit unangepassten Inhalten konfrontiert wird, die verunsichern oder verstören und welche es womöglich nachher sogar ausprobiert. Sexfilme und pornografische Bilder sind für Kinder tabu. Reagieren Sie, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind Inhalte gesehen hat, die es überfordern.
«‹Hast du kein Geschwisterchen?›, fragte die Verkäuferin meinen vierjährigen Sohn. ‹Nein, weisst du, meine Eltern müssen erst ins Bett gehen und sich ganz, ganz fest umarmen›, erklärte dieser der verblüfften Frau. Und ich merkte, wie er meine Unsicherheit in der Wortwahl frisch-fröhlich an die Öffentlichkeit trug.»
Selina, 30 Jahre
Mama und Papa schmusen, sie «gehen zusammen ins Bett». Aber was passiert da genau? Komplizierte Zusammenhänge, wie den Zeugungsvorgang, Menstruation und Ähnliches in einfachen Worten zu erklären, ist gar nicht so leicht. Bilderbücher können dabei unterstützen. Die Auswahl ist gross und bietet für jeden Geschmack etwas.
Kinder sollen wissen, dass der Geschlechtsverkehr Teil einer lustvollen Beziehung zwischen Erwachsenen ist und manchmal auch der Zeugung von Babys dient. Wichtig ist: Nicht alles, was stimmt, müssen Sie erzählen. Aber alles, was Sie erzählen, muss stimmen.
Fehlen Ihnen oft ganz einfach die Worte? Dann geht es Ihnen wie vielen. Ausdrücke für gewisse Körperteile sind entweder zu medizinisch, verniedlichend, grob oder zum Teil gar abstossend. Mit welchen Begriffen können Sie sich anfreunden? Welche kennen Sie schon aus der eigenen Kindheit? «Pfiifeli, Schlitzli, Schnäbi, Löchli, Penis, Müscheli, Klitoris, Scheide, Weggli, Hoden, Schnäggli, Zipfeli»? Vielleicht entscheiden Sie sich dafür, die medizinisch gebräuchlichen Begriffe wie Vulva und Penis zu verwenden. Indem Sie die Körperteile klar benennen, helfen Sie Ihrem Kind, sich von klein an richtig auszudrücken.
«Wieso hast du ein ‹Schnäbeli› und ich ein ‹Schlitzli›?», «Was ist ‹schwul›?» Kinder fragen und nicht immer ist die Antwort kinderleicht:
Viele Erwachsene wollen Kindern nicht vor den gespitzten Ohren eines ganzen Zugabteils oder in der Schlange vor der Kasse erklären, was ein Kondom ist. Verschieben Sie in diesem Falle das Gespräch, vergessen Sie aber nicht, es zu Hause nachzuholen. Geheimnistuerei erweckt den Eindruck, es handle sich um etwas «Peinliches» oder «Schwieriges».
Versuchen Sie, herauszufinden, ob Ihr Kind aus Neugierde fragt und «nur» eine weitere Portion Information braucht. Oder ob es ein Erlebnis verarbeiten will, vielleicht ernst, bedrückt oder verängstigt wirkt. Sagen Sie nie: «Dafür bist du noch zu jung.» Sobald Ihr Kind fragt, ist es alt genug für eine kindgerechte Antwort.
Es gibt auch Kinder, die keine Fragen stellen. Manche drücken ihr Interesse durch Andeutungen oder Verhaltensweisen aus, zum Beispiel mit verlegenem Kichern, wenn sich Erwachsene küssen. Achten Sie aufmerksam auf solche Zeichen, gehen Sie darauf ein und beginnen Sie von sich aus ein Gespräch.
Ob die ganze Familie nackt in der Wohnung herumläuft oder einige sich zum Umziehen hinter geschlossene Türen zurückziehen, entscheidet jeder und jede für sich. Ob Sie Ihr Kind nach einem Albtraum in seinem Bett oder im Elternbett trösten, ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind Sie an intimen Stellen berührt, sagen Sie «Nein». Respektieren Sie Ihre persönlichen Grenzen und die Ihrer Kinder.
Es gibt Mädchen und Jungen, die schon sehr früh ein ausgeprägtes Schamgefühl entwickeln, alleine aufs WC gehen, die Badehose nur hinter dem Gebüsch wechseln, sich selber waschen wollen. Andere laufen am liebsten überall «füdliblutt» herum. Bei Menschen verschiedener Generationen, unterschiedlicher Erziehung oder Kultur unterscheiden sich Schamgrenzen zum Teil stark. Dann gilt es, gegenseitig Rücksicht zu nehmen.
Schadet es Kindern, wenn sie die Eltern beim Sex überraschen? Eine Frage, die in vielen Familien auftaucht und unter Eltern für Gesprächsstoff sorgt und für wenig romantische Unterbrechungen à la «Halt, war da nicht ein Geräusch ?».
Meistens bekommen Kinder nicht wirklich etwas mit, wenn sie reinplatzen. Denn im Gegensatz zu Erwachsenen wissen sie noch nicht, was gerade im Gang war. Trotzdem kann man am nächsten Morgen vielleicht nochmals kurz nachfragen, ob das Kind sich noch erinnert, dass es gestern ins Schlafzimmer getapst ist und wie das war. Und natürlich kann man dem Kind erklären, dass auch Eltern schmusen und dass beide das schön finden.
Kinder dürfen wissen, dass Eltern manchmal nicht gestört werden wollen. Die geschlossene Schlafzimmertüre kann ein Zeichen dafür sein. Wacht ein Kind aber aus einem Albtraum auf und sucht Trost bei den Eltern, wäre es wahrscheinlich irritiert, wenn es vor einer abgeschlossenen Türe stehen würde. Dass in solchen Momenten Abmachungen vergessen gehen, ist verständlich.