Zwei Jahre und neun Monate
Dass kleine Kinder eine Kindertagesstätte besuchen oder zeitweise in einer Tagesfamilie aufwachsen, ist heute nichts Aussergewöhnliches mehr. Der Abschied kann Eltern und Kindern schwer fallen.
Familienergänzende Betreuung wird vermehrt nicht nur als eine Notwendigkeit betrachtet, wenn beide Elternteile berufstätig sind). Je länger, je mehr wird dies als Entwicklungschance für das Kind gesehen und von vielen Eltern begrüsst. Je früher Kinder mit anderen Kindern in Kontakt kommen, desto grösser ist die Chance, dass das Zusammenleben auch später im Kindergarten und in der Schulzeit gut funktioniert. Im Idealfall treffen sie dabei auf Kinder mit einem anderen kulturellen oder religiösen Hintergrund oder auf Kinder mit einer Behinderung und gewöhnen sich früh an Vielfalt.
Einige Eltern tun sich trotzdem schwer mit der Entscheidung für eine externe Betreuung. Auch heute noch befinden sich viele Eltern in einer Zwickmühle: Arbeiten sie ausser Haus, vermissen sie vielleicht ihr Kind. Unter Umständen fällt es ihnen schwer, sich von ihm zu trennen und es jemand anderem zu überlassen. Auch kann die Doppelbelastung durch Beruf und Familie für Frauen und Männer sehr anstrengend sein, was zuweilen die Lebensqualität der ganzen Familie beeinträchtigt. Bleiben Frauen oder Männer zu Hause, weil sie sich bewusst für den anspruchsvollen Beruf «Mutter und Familienfrau» oder «Vater und Familienmann» entschieden haben, bringt dies neben viel Freude aber andere Schwierigkeiten mit sich: Angst vielleicht, beruflich den Anschluss zu verpassen oder zu Hause isoliert zu sein, oder ein Unbehagen über die finanzielle Abhängigkeit vom Partner oder der Partnerin.
Jede Familie, jede Mutter, jeder Vater muss diese Möglichkeiten für sich abwägen. Die Fragen «Was wollen wir von unserem Leben? Was will ich von meinem Leben?» müssen gestellt werden. Und dann gilt es zu versuchen, so zu leben, dass es möglichst für alle Familienmitglieder stimmt. Das bedingt viele Gespräche und immer wieder Neuorientierungen, da sich die Betreuungsansprüche und -angebote je nach Alter des Kindes und je nach Familiensituation ändern.
Die Erfahrung zeigt, dass es schon für ein ganz kleines Kind eine Bereicherung sein kann, wenn es einen Teil des Tages nicht in der eigenen Familie verweilt. Das grössere Beziehungsnetz bringt dem Kind neue Erfahrungen und Entfaltungsmöglichkeiten. Durch das gemeinsame Aufwachsen in einer altersgemischten Kindergruppe werden das Sozialverhalten, die Selbstsicherheit, das Verantwortungsbewusstsein und die Konfliktfähigkeit gefördert. Ganz wichtig ist aber die Qualität der Betreuung, nämlich:
Die Konstanz der ausserfamiliären Betreuung (möglichst wenig Wechsel).
Das gute Verhältnis zwischen Kind und Betreuenden und zwischen Betreuenden und Eltern.
Eine möglichst konstante Kindergruppe, denn erst wiederkehrende Begegnungen lassen unter Kindern Vertrauen und daraus Beziehungen wachsen.
Ob ein Kind glücklich aufwächst, hängt also nicht in erster Linie davon ab, ob seine Eltern ständig präsent sind oder nicht. Wichtig ist, ob Kind und Eltern mit der Betreuungssituation zufrieden sind.
Wir haben Sie in einem unserer ersten Pro Juventute Elternbriefe ausführlich über verschiedene Betreuungsformen informiert. Hier sind noch einmal die wichtigsten Punkte: Die Verfügbarkeit von einem geeigneten Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte oder in einer Tagesfamilie ist von Region zu Region unterschiedlich. In städtischen Gebieten ist das Angebot meistens ausreichend, in ländlichen Gebieten ist es jedoch oft gering oder fehlt ganz. Beginnen Sie deshalb früh genug mit der Suche nach einem passenden Betreuungsplatz. Klären Sie ab, welche Art der Betreuung Ihren Bedürfnissen und denen Ihres Kindes entspricht. Vielleicht lohnt sich auch ein Umzug in eine Gemeinde oder in eine Stadt mit guten Kinderbetreuungsangeboten. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Arbeitgeber, ob ein firmeninternes Angebot besteht oder ob familienergänzende Kinderbetreuung finanziell unterstützt wird.
Kindertagesstätten: Für Kinder ab drei Monaten bieten Kindertagesstätten Tagesbetreuungen an. Anbieter sind meist Vereine, Stiftungen, Gemeinden oder Unternehmen (teilweise mit betriebseigenen Kitas) und die Öffnungszeiten sind geregelt. In einer Kita teilt das Kind seinen Alltag mit anderen Kindern, sie lernen voneinander und erleben im Miteinander die verschiedensten Alltagssituationen. Die Gruppengrösse und die Anzahl der Betreuungspersonen hängen vom Alter der Kinder und von der Ausbildung der Betreuerinnen und Betreuer ab. Unmittelbar mit den Kindern arbeitet das pädagogische Fachpersonal. Unterstützt wird dieses von Lernenden, nicht pädagogisch ausgebildetem Assistenzpersonal und jungen Erwachsenen im Praktikum oder im Zivildienst.
Die Eltern bezahlen entweder einen von ihrem Einkommen abhängigen Beitrag, sofern die öffentliche Hand oder der Arbeitgeber die Tarife subventioniert. Wenn den Eltern kein subventioniertes Angebot zur Verfügung steht, wird ein Einheitstarif verrechnet.
In den meisten Kantonen gibt es qualitative Vorgaben für die Kinderbetreuung und eine Aufsichts- und Bewilligungsbehörde, welche die Einhaltung dieser Vorgaben überprüft. In einigen wenigen Kantonen sind es die Gemeinden, die für die Bewilligung und Aufsicht zuständig sind. Immer mehr Kitas sind zertifiziert und verfügen über das Qualitätslabel «QualiKita». Ein grosser Teil der Kindertagesstätten ist dem Verband kibesuisse Kinderbetreuung Schweiz angeschlossen. Hier können Sie sehen, ob es in Ihrer Wohnumgebung ein entsprechendes Angebot gibt. Zudem finden Sie weiterführende Informationen zu Kindertagesstätten.
Haben Sie Mühe, reguläre Betreuungsmöglichkeiten für Ihr Kind mit einer Behinderung zu finden? Regionale Elternvereine bieten Unterstützung. Vielleicht erreichen Sie, dass eine bestehende Krippe in Ihrer Nähe neue passende Möglichkeiten bietet? Hilfe in Form von Argumenten und Praxisbeispielen zur Öffnung von Kinderbetreuungsangeboten enthält die Broschüre «Kindertagesstätten öffnen für Kinder mit besonderen Unterstützungsbedürfnissen».
Tagesfamilien: Tagesmütter, respektive Betreuungspersonen in Tagesfamilien, kümmern sich um eines oder mehrere Kinder regelmässig ganztags, halbtags oder stundenweise bei sich zu Hause. In der Regel haben sie auch eigene Kinder. Die Betreuungsperson pflegt einen engen Kontakt zu den Eltern.
Tagesmütter sind entweder in einer Tagesfamilienorganisation angestellt oder arbeiten selbstständig. Tagesfamilienorganisationen regeln die rechtlichen und finanziellen Fragen sowie die Vorbereitung und Begleitung des Betreuungsverhältnisses. Sie werden in der Regel von den Gemeinden in ihrem Tätigkeitsgebiet subventioniert. Die Entlöhnung der Betreuungsperson erfolgt durch die Organisation, wobei die Eltern dank der Subventionen einen auf ihr Einkommen abgestimmten Beitrag leisten. Unter kibesuisse.ch finden sich die angeschlossenen Tagesfamilienorganisationen, gegliedert nach Kantonen, mit weiterführenden Informationen rund ums Thema «Tagesfamilienbetreuung».
Die Betreuung durch eine Tagesmutter bedeutet für die Kinder das Kennenlernen einer zweiten Familie. Es kann neue Regeln des Zusammenlebens erproben und erweitert seinen Kreis von Bezugspersonen.
Spielgruppe, Kindertagesstätte, Tagesfamilie oder private Kindergärten – etwas haben sie alle gemeinsam: Kind und Eltern müssen sich trennen. Auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist: Abschied nehmen ist manchmal nicht einfach. Zum Teil fällt das Loslassen den Eltern fast noch schwerer als dem Kind. Trennungserfahrung ist für die Entwicklung des Kindes zur Selbstständigkeit jedoch nötig. Es gewinnt mehr Vertrauen zu sich, aber auch zu Vater und Mutter. Dadurch, dass die Eltern zwar weggehen, aber garantiert immer wiederkommen, verliert es die Angst, verlassen zu werden. Und Eltern lernen dabei, oft mit einem lachenden und einem weinenden Auge, dass ihr Junge oder ihr Mädchen sie nicht mehr ständig braucht und auch ohne sie neue Erfahrungen machen kann.
Abschied nehmen sollte daher schon von klein auf geübt werden: ein erster Spaziergang mit dem Onkel, ein erster Nachmittag mit dem Babysitter, die erste Übernachtung beim Gotti, das erste Wochenende bei den Grosseltern, das erste Mal alleine in der Spielgruppe … Die kleinen Abschiede bereiten Eltern und Kind auf die grösseren vor.
Übergänge brauchen viel Zeit. Die Kinder müssen sich am neuen Ort eingewöhnen und Vertrauen in die Umgebung und zu der Betreuungsperson entwickeln. Erst dann können die Eltern für kurze – und allmählich für längere – Zeit weggehen. Es ist also ganz wichtig, für diese Eingewöhnungsphase ausreichend Zeit einzuplanen. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie Ihr Kind während ein bis vier Wochen bei diesem Übergang begleiten. Sollten Sie also vorhaben, in absehbarer Zeit wieder ins Berufsleben einzusteigen, so planen Sie die Eingewöhnung Ihres Kindes vorher ein.
Es kann geschehen, dass Kinder, die bisher bei Trennungen nicht geweint haben, plötzlich damit beginnen: Sie weinen herzzerreissend und weigern sich, allein zurückzubleiben. Das heisst aber nicht, dass Sie deswegen gleich aufgeben müssen. Grössere Selbstständigkeit muss oft ein wenig «erlitten» werden, sowohl vom Kind als auch von den Eltern. Häufig ist das Kind nämlich nach einem tränenreichen Abschied ganz vergnügt und zufrieden, sobald die Eltern ausser Sicht sind! Da Eltern das nicht mehr selber beobachten können, kann es sehr erleichternd sein, wenn sie bei der Betreuerin telefonisch nachfragen können, ob sich ihr Kind beruhigt hat.
Wenn es schwer fällt, Abschied zu nehmen, ist es besonders wichtig, dass Sie den Zeitpunkt der Trennung nicht hinauszögern. Ein kurzer, bestimmter und herzlicher Abschied fällt dem Kind meist leichter als ein «langsamer Abschied», bei dem der schmerzliche Moment der Trennung hinausgezögert wird. Unterstützend dabei kann auch ein ganz persönliches Ritual sein, mit dem der Abschied immer gleich gestaltet wird. Ein «Spezialkuss», ein Winken durch die Fensterscheibe, ein «Einmal herumwirbeln» oder eine innige Umarmung. Trost spendet auch ein Gegenstand von Ihnen, den Sie als Teil von sich zurücklassen, zum Beispiel ein «Mutmachstein», ein Tuch, ein Ring an einer Kette und so weiter.
Auch wenn Ihr Kind weint, wenn Sie sich verabschieden und gehen, sollten Sie nicht versuchen, dem Kind den Abschiedsschmerz zu «ersparen». «Schleichen» Sie sich nicht in einem unbemerkten Moment, wenn das Kind abgelenkt ist, ohne Abschied davon. Eine Trennung ohne klaren Abschied verunsichert Ihr Kind und ist schwieriger zu verkraften als ein klarer, ausgesprochener Abschied, bei dem Sie ihm auch versichern können, dass Sie am Abend wiederkommen.