Ein Jahr und acht Monate
Ist ein zweites Kind unterwegs, bringt das für die ganze Familie und vor allem das ältere Geschwister viele Veränderungen mit sich. So können Sie Ihren Sohn, Ihre Tochter auf die Ankunft des Babys vorbereiten.
Das Thema «ein zweites Kind» wurde hier bereits angesprochen. Seither ist etwas Zeit vergangen und vielleicht sind in einigen Familien bereits Entscheide gefallen: Auf ein zweites Kind wird bewusst verzichtet oder gesundheitliche, finanzielle und andere Probleme verunmöglichen es. Ein zweites Kind wäre willkommen, aber ob es auch klappt, ist ungewiss. Das zweite Kind ist inzwischen unterwegs oder schon da.
Wenn Sie bald ein zweites Kind erwarten, ist es sinnvoll, das Erstgeborene in die Vorbereitungen auf das Baby mit einzubeziehen. Allerdings nur so weit, wie Ihr Sohn, Ihre Tochter dafür auch schon «ansprechbar» und «reif» ist. Machen Sie kein Geheimnis aus der Schwangerschaft, sondern gehen Sie offen damit um. Falls Ihr Kind das möchte, so lassen Sie es spüren, wie sich das Ungeborene im Bauch bewegt. Geben Sie ihm Gelegenheit, mit dem Bruder oder der Schwester ersten Kontakt aufzunehmen, indem es am Bauch lauscht und erste Bewegungen wahrnimmt. Vielleicht hat Ihr Sohn oder Ihre Tochter auch Freude daran, mit Ihnen zusammen das Kinderzimmer für das Geschwisterchen einzurichten oder das bestehende auszubauen. Vielleicht möchte es ebenfalls «schwanger sein» und steckt sich sein Plüschtier unter den Pullover.
In den Tagen und Wochen vor der Geburt hat die werdende Mutter Unterstützung noch nötiger als sonst! Vielleicht war der andere Elternteil schon bisher für das Einschlafzeremoniell, den abendlichen Badeplausch, das Wickeln und so weiter zuständig. Oder er nutzt die Gelegenheit, vermehrt auch solche Aufgaben zu übernehmen.
Nach der Geburt wird die Mutter, vor allem wenn sie stillt, teilweise unabkömmlich sein. Es ist daher von Vorteil, wenn das ältere Kind bereits daran gewöhnt ist, dass es von verschiedenen Bezugspersonen ins Bett gebracht wird. Dabei ist zu beachten, dass die Betreuung der beiden Kinder nach der Geburt nicht einseitig aufgeteilt wird, indem die Mutter sich vorwiegend um das Neugeborene und der andere Elternteil sich um das Erstgeborene kümmert, auch wenn das vordergründig sinnvoll scheint.
Die Geburt eines Geschwisters bedeutet für das ältere Kind eine grosse Umstellung und bringt Veränderung mit sich. Als «Einzelkind» war es daran gewöhnt, oft im Mittelpunkt zu stehen. Was es auch tat, ob es nun lustig oder störend war, wurde wahrgenommen und kommentiert. Seine Bedürfnisse, zum Beispiel Hunger, Durst oder auch einfach der Wunsch nach Aufmerksamkeit, wurden meist prompt erfüllt. Und wenn Besuch kam, stand es im Zentrum.
Ist das zweite Kind da, ändert sich die Situation schlagartig: Interesse und Zuwendung der Erwachsenen müssen mit dem Bruder oder der Schwester geteilt, die Wünsche können nicht immer sofort erfüllt werden. Dies alles ist für das ältere Kind nicht einfach. Es ist für das Erstgeborene ein Balanceakt zwischen Freude und Neugier, Unsicherheit und Eifersucht.
In diesem Moment sind die Erstgeborenen ganz fest auf die Unterstützung und das Einfühlungsvermögen ihrer Eltern angewiesen. Sie können einiges dafür tun, damit das Erstgeborene positiv auf das Geschwisterchen eingestellt ist und mit den Veränderungen im Familienleben umgehen kann. In der Box finden Sie ein paar Ideen, wie diese neue Phase angegangen werden könnte.
Ob Hausgeburt, ambulante Geburt oder Geburt mit Spitalaufenthalt: Je nach Geburtsort und Dauer der Abwesenheit der Mutter erlebt das ältere Kind die Ankunft des Geschwisterchens anders und kann anders in das Geschehen mit einbezogen werden. Denken Sie bei der Wahl des Geburtsortes auch an das ältere Kind.
Planen Sie die Betreuung des Kindes für Ihre Abwesenheit während der Geburt und unmittelbar danach sorgfältig und frühzeitig. Beginnt die Geburt in der Nacht, ist es für das Kind ein grosser Vorteil, wenn es nicht aufgeweckt und zu seiner Betreuungsperson gebracht werden muss, sondern diese zu ihm kommt.
Überlegen Sie sich, wie Sie nach der Geburt den ersten Kontakt mit dem älteren Kind gestalten. Stellen Sie zum Beispiel im Spital sein Foto auf den Nachttisch und empfangen Sie es beim ersten Besuch ohne das Kleine im Arm. Nach einer Weile fragen Sie es, ob es den Bruder oder die Schwester sehen möchte. Damit zeigen Sie ihm, dass es für Sie noch genauso wichtig ist wie vorher.
Vielleicht erhält Ihr Erstgeborenes beim ersten Kennenlernen sogar ein Geschenk im Namen des neuen Babys?
Vermeiden Sie unnötige Veränderungen nach der Geburt des zweiten Kindes: Falls das Kinderzimmer umgestellt werden muss, sollte dies schon drei bis fünf Monate vor der Geburt geschehen. Erhält das Baby das Bett des Erstgeborenen, könnte das neue Bett frühzeitig gemeinsam mit dem Kind gekauft werden und es darf auch schon darin schlafen.
Auch nicht zu empfehlen ist, unmittelbar nach der Geburt ein neues Betreuungsarrangement einzufädeln (zum Beispiel Eingewöhnung in Krippe). Ihr Kind braucht zuerst Zeit, sich an die neue Familiensituation zu gewöhnen, und die Sicherheit, dass es immer noch genau gleich geliebt wird.
Konzentrieren Sie sich als Mutter nicht völlig auf das Baby, sondern schenken Sie auch Ihrem grösseren Kind besondere Momente. Unternehmen Sie etwas mit ihm allein, erzählen Sie ihm eine Geschichte, gehen Sie spazieren, während der andere Elternteil die Betreuung und Pflege des Babys übernimmt. Dies hilft mit, dass die Mutter sich nicht einseitig auf das Neugeborene und der andere Elternteil sich nicht vorwiegend auf das erstgeborene Kind ausrichtet, sondern beide Eltern sich die Betreuung beider Kinder teilen.
Das ältere Kind ist vielleicht gerne bereit, bei der Pflege des Babys mitzuhelfen. Es kann die Windeln bringen, die Wiege schaukeln, den Wagen schieben. So fühlt es sich gemeinsam mit Ihnen verantwortlich für das kleine Wesen, das nun auch zur Familie gehört.
Lassen Sie Ihr Kind von sich aus den Kontakt zum Säugling suchen. Körperliche Nähe ist der beste Weg, die Zuneigung zueinander zu entdecken. Es kann sich zum Beispiel zusammen mit dem Kleinen in ein grosses Bett legen oder auf einer weichen Decke am Boden unter Aufsicht das Baby im Arm halten.
Schauen Sie zusammen mit dem grossen Kind Fotos von früher an, als es selber noch so winzig war.
Schenken Sie dem älteren Kind eine Puppe, die mit richtigen Windeln gewickelt, geschöppelt und in einem Wagen spazieren gefahren werden kann. Oder ermuntern Sie es, seinem Lieblingsstofftier die Windeln anzuziehen. So kann es Ihr Verhalten gegenüber dem Säugling nachahmen.
Falls es möchte, darf es in dieser Zeit vielleicht öfter zu den Grosseltern, zum Götti oder zur Gotte – dorthin, wo es im Mittelpunkt steht. Vielleicht weigert es sich jedoch energisch, irgendwohin zu gehen, weil es vom Geschehen zu Hause nicht ausgeschlossen sein möchte. Üben Sie in diesem Fall keinen Druck aus. Sonst hat das Kind das Gefühl, es werde «abgeschoben», es sei überflüssig und die Eltern wollten es nicht mehr.
Machen Sie Freunde und Verwandte darauf aufmerksam, dass sie bei ihren Besuchen nicht sofort auf die Wiege zugehen sollten, um das Neugeborene zu bestaunen. Es wäre gut, wenn sie zuerst das grössere Kind begrüssen, sich mit ihm etwas unterhalten und es auch beim Beschenken nicht vergessen. Denn beim Spaziergang und beim Einkaufen erlebt das Erstgeborene nur allzu oft, wie das kleine Kind im Wagen das Interesse auf sich zieht.
Es ist eine besonders anstrengende Zeit für Eltern mit einem pflegeintensiven Säugling und einem zweijährigen Energiebündel im Haus! Entlastung in diesen ersten Wochen und Monaten ist nötig. Vielleicht springen Grosseltern, Gotte und Götti, Freunde oder Nachbarinnen hilfreich ein? In Notfällen – zum Beispiel bei Krankheit – können Sie sich auch Unterstützung in Ihrem Wohnort holen: Fragen Sie bei der Mütter- und Väterberatung oder Ihrer Gemeinde an, welche Entlastungsdienste es in Ihrer Nähe gibt oder kontaktieren Sie das Schweizerische Rote Kreuz. Dieses hat verschiedene Unterstützungsangebote zur Entlastung von Familien. Zögern Sie nicht zu lange, wenn Sie spüren, dass Ihre Kräfte zur Neige gehen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin darüber. Nur wenn Sie sich selber Sorge tragen, können Sie Ihre Familienarbeit bewältigen.
Trotz aller Bemühungen kann es vorkommen, dass «grosse» Kinder plötzlich wieder nach der Flasche verlangen, ausgesprochen anhänglich sind, vermehrt getragen werden möchten, nicht mehr sprechen wie bisher oder nicht mehr zur Tagesmutter oder in die Kindertagesstätte gehen wollen. Verunsichert durch die neue Situation, fallen sie in Verhaltensweisen früherer Entwicklungsstufen zurück und verhalten sich wieder wie ein Säugling. Sie verschaffen sich dadurch Erholung von der anstrengenden Situation oder probieren die Rolle des kleinen Geschwisterchens aus.
Täglich erleben sie, dass das Verhalten eines Neugeborenen Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern zur Folge hat. Da nützt oft alles Beteuern nichts, dass das erstgeborene Kind genauso geliebt wird wie das Baby. Versuchen Sie für Ihr Erstgeborenes Verständnis zu entwickeln. Ihr Kind ist durch die neue Situation verunsichert und kann sich vieles nicht erklären. Es drückt dies auf seine ganz persönliche Art und Weise aus. Es kann auch sein, dass sich dies in Desinteresse gegenüber dem Baby zeigt oder in einer aggressiven Haltung gegenüber der Mutter. Denn offensichtlich ist, aus Sicht des Kindes, vor allem sie an allem «schuld». Gehen Sie, soweit möglich, auf ein solches Verhalten Ihres älteren Kindes ein. Geben Sie ihm zum Beispiel manchmal die Flasche, tragen Sie es hin und wieder umher und behandeln Sie es ab und zu wie das kleine Geschwister.
Oft verlangen Eltern von ihrem ersten Kind etwas mit den Worten: «Das kannst du bestimmt – du bist doch schon soo gross!» Gewiss, das ältere Kind ist im Vergleich zum winzigen Säugling gross. Darauf ist es auch stolz. Aber manches, was die Eltern erwarten, ist eine Überforderung. So appellieren Eltern häufig auch an die grössere Vernunft des Kindes. Es soll nachgeben, still sein, warten, Rücksicht nehmen, verzichten. Für all dies ist ein Kind von zwei, drei Jahren aber noch zu klein. Verständnis für seine Situation hilft ihm mehr als unerfüllbare Forderungen.
Für Eltern ist es oft gar nicht so einfach, Verständnis für das Grössere zu haben. Warum reagiert es bloss so schwierig, ist bockig oder zeigt sich aggressiv gegenüber dem kleinen Geschwisterchen? Eigentlich wäre es doch so schön, gemeinsam als Familie zu wachsen, wenn da nur nicht der Widerstand des Erstgeborenen wäre. Zum ersten Mal sind sich Eltern und das erste Kind in einem wichtigen Punkt sehr uneinig, und das kann auf beiden Seiten heftige Gefühle auslösen.
Wie damit umgehen? Es ist wichtig, sich dieser Verunsicherung bewusst zu sein und sich vor Augen zu halten, dass sich mit dem zweiten Kind für alle Familienmitglieder etwas verändert. Das neue Wesen zu akzeptieren, braucht Zeit; dies gilt besonders für die Beziehung des Erstgeborenen zu seinem Geschwisterchen.
Auch wenn der Haussegen mit der Ankunft des zweiten Kindes zuweilen etwas schiefhängt, müssen Sie Ihrem ersten Kind gegenüber keine Schuldgefühle haben und es auch nicht grenzenlos verwöhnen. Damit können Sie Ihr Grosses auch unterfordern. Es gibt sicher Momente im Alltag, wo es toll ist, eine vierköpfige Familie zu sein. Geniessen Sie die unbeschwerten, fröhlichen, rührenden Momente. Sie geben Ihnen Kraft für die schwierigeren Situationen.