8. Monat
Sich geborgen zu fühlen, ist ein menschliches Grundbedürfnis und besonders für die kindliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Gerade jetzt, wo sich Ihr Kind immer mehr der Welt zuwendet, braucht es die Sicherheit, bei vertrauten Menschen Rückhalt zu finden.
Auf seinen Entdeckungsreisen macht Ihr Kind ständig neue Erfahrungen. Nicht immer gelingt es sofort, die vielen Eindrücke richtig einzuordnen. In diesem Moment ist es für Ihr Kind wichtig, sich Ihrer Nähe sicher zu sein und sich an Ihnen orientieren zu können. Sie sind der verlässliche Hort, von dem aus es seine faszinierende Umgebung entdecken lernt und zu dem es immer wieder zurückkehren kann, wenn es ihm zu viel wird, wenn es Trost, Rückversicherung oder Entspannung sucht.
Das Bedürfnis nach Sicherheit und die Intensität des Forscherdrangs ist von Kind zu Kind verschieden. Es braucht Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, wie viel Anregung und Rückhalt Ihr Kind benötigt, um innerlich im Gleichgewicht zu bleiben; denn oft ist es hin- und hergerissen zwischen Forscherdrang und Sicherheitsbedürfnis.
Eigentlich ist es ja so neugierig und interessiert – und geht drei Schritte vorwärts ins Abenteuer. Und doch verunsichert das Neue immer wieder einmal – ein Schritt zurück in die Sicherheit. Von Ihnen als Eltern braucht es neben Einfühlungsvermögen auch einiges an Nerven, um das Kind bei diesem Hin und Her geduldig zu begleiten und es bei seinen Erkundungen zu unterstützen.
Nicht immer wird es Ihnen möglich sein, mit Ihrem Kind den Alltag zu verbringen. Daher ist es so wichtig, dass Ihr Kind zu verschiedenen Menschen Beziehungen aufbauen kann. Sie als Mutter oder Vater sind die Hauptbezugspersonen Ihres Kindes. Bereits ein Säugling vermag sich aber an mehrere Personen zu binden, zum Beispiel an die Grosseltern, die Tagesfamilie, die Betreuer in der Kinderkrippe.
Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich Ihre Tochter oder Ihr Sohn in der Gegenwart der Bezugsperson wohlfühlt und bei ihr Nähe, Schutz und Zuwendung findet. Dafür braucht Ihr Kind den beständigen und verlässlichen Kontakt, denn erst über die alltäglichen Erlebnisse und Erfahrungen kann es mit anderen Menschen vertraut werden.
Sicher haben Sie schon vom «Fremdeln» gehört. Bis jetzt hat Ihr Kind wahrscheinlich gelächelt, wenn sich ihm jemand genähert hat. Zwischen dem sechsten und achten Monat kann das Fremdeln auftreten. Was geschieht dabei? Plötzlich scheint sich das Kleine nur noch zu freuen, wenn Sie, die Eltern, ihm nahe kommen. Bei anderen Menschen wendet es das Gesicht ab oder beginnt sogar ängstlich zu weinen – selbst bei nahen Bekannten, den Grosseltern, dem Babysitter und so weiter.
Dies bedeutet nicht, dass das Kind diese Menschen nicht mehr mag. Es zeigt damit nur, dass es gelernt hat, zu unterscheiden. Es teilt die Welt auf in vertraute Personen und alle anderen, die Fremden eben. Dieser kindliche Respekt vor fremden Personen tritt zu einem Zeitpunkt auf, wo er entwicklungsbedingt Sinn macht. Ende des ersten Lebensjahres beginnen Kinder, sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen. Der Bewegungsradius wird grösser und mit ihm die Möglichkeit, die Dinge des Alltags zu erkunden und anderen Menschen zu begegnen.
Die erweiterten Lern- und Erfahrungsfelder bringen gleichzeitig neue Gefahren mit sich, Gefahren, vor denen Kinder nicht jederzeit beschützt werden können. Die Natur hat sich zum Schutz des Kindes etwas «ausgedacht» – Respekt oder Angst vor fremden Menschen und neuen Situationen. Sie setzen dem kindlichen Erkundungstrieb Grenzen und binden das Kind wie mit einer unsichtbaren Nabelschnur an seine Bezugsperson.
Das Kind reagiert umso heftiger auf ihm fremde Personen, wenn es bis jetzt nur mit wenigen Menschen regelmässigen Umgang hatte. Kinder, die häufig mit anderen Menschen zusammen sind, fremdeln meist weniger. Wie intensiv das Fremdeln ist, hängt jedoch von ganz verschiedenen Faktoren ab und vor allem von der Persönlichkeit des Kindes. Anderen Kindern gegenüber bleiben die Kleinen neugierig und offen, und es wird für sie zunehmend interessanter, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.
Sie können dazu beitragen, dass das Fremdeln nicht zu einem grossen Problem wird. Kommt beispielsweise Besuch und das Kleine reagiert ängstlich, nehmen Sie es auf den Arm. Nach einiger Zeit wird es seine Furcht mit Ihrer Hilfe höchstwahrscheinlich verlieren und zutraulicher werden. Sagen Sie Ihren Verwandten und Freunden, dass sie dem Kind genug Zeit lassen sollen, bis es von sich aus den Kontakt aufnehmen möchte. Wenn dies nicht geschieht, weil das Kleine überhaupt keine Lust dazu hat, sollte das respektiert werden.
Ihr Kind wird immer wieder Erwachsenen begegnen, die diesen respektvollen Abstand nicht einhalten und es ohne vorherige Ansprache oder Blickkontakt hochheben. Solange Ihr Kind noch nicht selbst «Ich will nicht» sagen kann, müssen Sie dies übernehmen.
Eine gewisse Zurückhaltung Unbekannten gegenüber wird Ihr Kind von jetzt an beibehalten. Seine Fähigkeit, mit anderen Menschen Freundschaft zu schliessen, wird aber stetig wachsen. Wenn Sie es dabei nicht drängen, sondern ihm Zeit lassen, von sich aus weitere Schritte nach aussen zu wagen, wird es bald weitere wichtige Eigenschaften entdecken und entwickeln: Neugier und Lust, Fremde und Fremdes für sich zu erobern!
Es kann sein, dass für viele von Ihnen jetzt eine schwierigere Zeit kommt. Sie haben sich zum Beispiel an einen Babysitter gewöhnt, die Grosseltern hüten das Kind, wenn Sie am Abend weggehen, Ihr Kleines ist zwischendurch bei den Nachbarn oder besucht regelmässig die Krippe. Plötzlich soll das alles nicht mehr möglich sein, weil das Kind fremdelt? Dürfen Sie jetzt nichts mehr unternehmen, weil Sie doch die Ängste Ihres Kleinen ernst nehmen wollen?
Geben Sie das Kind ruhig weiterhin einer Betreuungsperson, mit der es vertraut ist. Nehmen Sie sich aber genügend Zeit für die Übergabe. Schleichen Sie sich nicht einfach davon, sondern verabschieden Sie sich bewusst von Ihrem Kind. So weiss es, dass Sie jetzt wirklich gehen und dass es eine Zeit lang ohne Mami oder Papi auskommen muss.
Wenn die Trennung allzu schwer fällt, hilft vielleicht ein kleines Abschiedsritual – wie einander zuwinken, ein Lied singen, etwas Persönliches von sich zurücklassen (zum Beispiel ein Foulard). Wichtig kann auch ein Lieblingsplüschtier oder eine Stoffwindel sein: Ein solches «Nuschi» spendet in Ihrer Abwesenheit Trost und Geborgenheit und hilft beim Einschlafen.
Es tut weh und macht unsicher, wenn man sich von seinem weinenden Kind lösen und es zurücklassen muss. Meistens beruhigen sich die Kinder aber schnell. Damit Sie sich nach einem solch schmerzhaften Abschied nicht den ganzen Tag lang Sorgen machen, können Sie mit der Betreuungsperson abmachen, wie und wo Sie telefonisch erreichbar sind, wenn es gar nicht klappen sollte. Und bestimmt dürfen auch Sie telefonisch nachfragen, wie es Ihrem Kind geht.